Die großen Fragen der Liebe: Kann sie ihm seinen Zweifel verzeihen?

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ZEITmagazin Nr. 22/2017

Die Frage: Maria und Florian haben eine bewegte Geschichte. Sie kennen sich seit dem Tanzkurs im Gymnasium, waren unzertrennlich, studierten miteinander und machten ihre Abschlüsse. Dann erklärte Maria während des Urlaubs, der dieses Ereignis feiern sollte, sie brauche ihre Freiheit und habe ein Verhältnis mit dem Surflehrer begonnen. Florian reiste gekränkt ab. Während sich das Verhältnis mit dem Surflehrer ebenso zerschlug wie einige Liebschaften danach, machte Florian Karriere und hörte Maria zu, wenn sie sich über die Treulosigkeit der Männer ausweinte. Bald kamen sie sich wieder näher; jetzt will Maria heiraten. Doch Florian zögert: "Ich weiß nicht, ob ich mich auf dich verlassen kann." – "Ich weiß nicht, ob ich dir diese Zweifel verzeihen kann", sagt Maria.

Wolfgang Schmidbauer: Liebende können ihre Beziehung immer neu beginnen. Aber sie können auch jederzeit, wie Indianer das Kriegsbeil, das Leid ausgraben, das sie sich in der Vergangenheit angetan haben. Solange Florian fürchtete, Maria gänzlich zu verlieren, hat er ihr die Treue gehalten. Jetzt ist sie zurückgekommen und möchte die Beziehung enger führen als zuvor – die beste Gelegenheit, seinen bisher zurückgestellten Ärger über ihre Unzuverlässigkeit auszugraben. Wenn Maria jetzt alles ganz fest und sicher haben will, wird sie das unerträglich finden. Perfektionismus ist in der Liebe der schlechteste Ratgeber; das gilt für beide Beteiligten. Klüger wäre es, wenn Maria darauf vertraute, dass Florian schon zu ihr findet, wenn sie ihm Zeit lässt – und Florian stolz darauf wäre, dass er auf lange Sicht doch attraktiver ist als der Surflehrer.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Die Seele des Psychologen. Ein autobiografisches Fragment" (Orell Füssli)

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