Stilkolumne: Lagen der Nation

Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 22/2017

Heute möchten Menschen in ihrer Kleidung sportlich und schlank aussehen. Man kann sich kaum mehr vorstellen, dass eine Aufmachung, vor allem jene der Frau, einmal den gegenteiligen Eindruck machen sollte. Frauen sollten nämlich mal möglichst breit aussehen. Einst kam es bei einem Kleid also vor allem darauf an, wie viel Raum man damit verdrängen konnte. Die Damen des Adels im 17. Jahrhundert passten mit ihren Kleidern kaum durch die Tür. Stoff war eine knappe Ressource, und jemand, der viel Stoff an sich hatte, musste aus einem gut bestellten Hause kommen. Deswegen wurde der Unterrock zum Statussymbol. Je mehr Unterröcke man übereinander zu tragen vermochte, desto wohlhabender war man. Im Sommer trug man acht, im Winter sogar zwölf Unterröcke. Das allerdings wurde für die Trägerinnen zur Qual, denn Stoff war schweres Gepäck.

Deswegen war die Krinoline, eine glockenförmige Stahlkonstruktion, die unter dem Kleid getragen wurde und die Vielzahl der Unterröcke ersetzte, ein wichtiger Schritt der Emanzipation, auch wenn diese Konstrukte auf uns heute gruselig wirken. Zum ersten Mal scherte man sich bei der Garderobe um das Wohl der Frau und nicht nur um die Etikette. Damit waren die großen Zeiten des Unterrocks vorbei. Er wurde später aus pragmatischen Gründen getragen, etwa um zu verhindern, dass sich die Unterwäsche am Oberkleid abzeichnete, oder um den Stoff eines Oberkleides besser um die Beine gleiten zu lassen. Im 20. Jahrhundert wurden dann wieder mehrere Schichten getragen – um auffälliger tanzen zu können. Das Charleston-Kleid der 1920er Jahre war ein knielanges, taillenloses Hängerkleid, das oft mehrere Lagen Stoff mit Abstufungen hatte und sich besonders eignete, um die rhythmischen Bewegungen der Tänzerinnen beim gleichnamigen Tanz zu unterstreichen. Später wurde im mehrlagigen Petticoat zu Rock ’n’ Roll getanzt. Heute spielt der Unterrock keine große Rolle mehr in der Garderobe, er taucht nur noch vereinzelt auf. Das aufgebauschte, mehrlagige Kleid aber ist wieder da. Auf den Laufstegen sehen wir Kleider, bei denen mehrere Stoffschichten übereinanderdrapiert werden. Manche Kleider erinnern an mehrstöckige Hochzeitstorten und bringen mit ihrer Opulenz die weibliche Figur der viktorianischen Ära zurück. Bei Gucci und Carolina Herrera verschwinden diesen Sommer die Beine unter drei Lagen Tüll, bei Altuzarra gibt es sogar sieben Stufungen aus Rüschen. Das ist schön. Denn es zeigt, dass wieder neue Silhouetten vorstellbar sind und Frauen nicht nur schmal aussehen, sondern auch wieder einen raumgreifenden Auftritt haben dürfen. Nicht so schön: In den neuen Roben kann man schlecht tanzen.

Foto: Peter Langer / Dreifach geschichtet: Kleid von Gucci

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