Lorde: "Manchmal fühle ich mich wie eine alte Lady"

Die 20-jährige Sängerin Ella Marija Lani Yelich-O’Connor, besser bekannt als Lorde, wählte ihren Künstlernamen wegen ihres Faibles für königliche Hoheiten und Aristokraten. Mit ihrem weltweiten Hit "Royals" und ihrem darauffolgenden Debütalbum wurde die Neuseeländerin 2013 mit nur 16 Jahren selbst zu einer Pop-Hoheit. Nach einer Auszeit (und dem Ende ihrer ersten großen Liebe) kehrt Lorde nun mit ihrem zweiten Album zurück. Im Interview spricht sie über die Unterschiede zwischen ihren alten Kumpeln und neuen Freundinnen wie Taylor Swift, die Grenze zwischen ihren intimen Songs und ihrer Privatsphäre und über ihren Blick auf die jungen Leute von heute. Interview:
ZEITmagazin Nr. 22/2017

Die junge Frau, die sich Lorde nennt, betritt zögernd einen abgedunkelten Konferenzraum, bleibt kurz stehen, schließt die Augen, nimmt einen großen Schluck aus einer Energydrink-Dose und atmet tief durch. Hektik. Nach einer längeren Auszeit sind die Tage der 20-Jährigen jetzt wieder auf die Minute durchgeplant. Ihr neues Album Melodrama ist eine der mit besonders großer Spannung erwarteten Platten dieses Jahres. Seit sie im Alter von 16 Jahren mit ihrem Debütalbum Pure Heroine groß herauskam, gilt sie als Wunderkind der Pop-Branche. David Bowie äußerte sich begeistert über ihre Musik, zu ihren Fans gehören Superstars wie Kanye West und Taylor Swift. Zum Zeitpunkt unseres Gespräches ist Lordes neues Album noch nicht fertig. Aber weil die PR-Maschinerie schon anrollt, ist sie nun nach Berlin gekommen. "Hallo, ich bin Ella", sagt die zierliche Neuseeländerin zur Begrüßung (Lordes bürgerlicher Name lautet Ella Marija Lani Yelich-O’Connor).

ZEITmagazin: Sie sind sehr früh sehr erfolgreich geworden. War Ihr plötzlicher Weltruhm für Sie eigentlich auch ein bisschen erschreckend?

Lorde: Und wie, das war ein unglaublicher Schock! Ich bin überhaupt nicht für das Berühmtsein gemacht. Ich war nie eines dieser Kinder, die ihre Familien oder ganze Schulklassen unterhalten. Ich war ein introvertierter Teenager, der vor allem in Ruhe gelassen werden wollte. Ich brauchte eine lange Zeit, um mich an die neue Rolle zu gewöhnen und den medialen Zirkus für mich einigermaßen erträglich zu gestalten. Mich in diesem neuen Leben zurechtzufinden war für mich anfangs eine tägliche Herausforderung. Mir hat es immerhin sehr geholfen, dass ich meinen Lebensmittelpunkt in Neuseeland habe.

ZEITmagazin: Leben Sie immer noch in Neuseeland?

Lorde: Ja, in Auckland. Ich habe mir dort sogar ein Haus gekauft. Es ist nur eine halbe Stunde von dem Haus meiner Eltern entfernt.

ZEITmagazin: Was ist anders in Neuseeland?

Lorde: Da ist mein Lebensmittelpunkt, dort bin ich wahlberechtigt. Neuseeland erdet mich. Denn den Menschen in Neuseeland ist meine Karriere ziemlich egal. Zumindest tun sie so, und das ist herrlich. In New York, wo ich gerade neun Monate verbracht habe, um mein neues Album aufzunehmen, war es allerdings ähnlich: Ich fuhr fast täglich mit der U-Bahn und nahm meine Mahlzeiten gern in sehr einfachen Restaurants ein. Wenn man nicht auffallen will, fällt man auch nicht auf, das ist eigentlich ganz einfach. Es gibt zwar immer wieder Leute, die einen erkennen, aber die meisten machen sich nichts daraus.

ZEITmagazin: Sie scheinen sich inzwischen daran gewöhnt zu haben, mit privaten Dingen an die Öffentlichkeit zu gehen. Immerhin handelt Ihre neue Single Green Light vom Ende Ihrer ersten großen Liebe. Wo ziehen Sie beim Songschreiben die Grenze zu Ihrer Privatsphäre?

Lorde: Alles, was für Außenstehende interessant sein könnte, verarbeite ich in meinen Songs. Der Rest ist langweilig: Wen schert es, ob ich an den Strand gehe oder einen Kuchen backe? Generell mag ich Künstler, die in ihrer Arbeit persönlichen Erlebnissen viel Raum einräumen, finde aber auch, dass man von ihnen nicht mehr wissen muss als das, was sie selbst preisgeben. Die Schriftstellerin Miranda July zum Beispiel schätze ich sehr, ich will aber überhaupt nicht wissen, was sie zu Hause so treibt.

ZEITmagazin: Wie lange brauchten Sie, um die angemessenen Worte für den Song "Green Light" zu finden?

Lorde: Tatsächlich ziemlich lange, immerhin geht es ja um meine erste Trennung. Einige Kritiker dachten, ich sei zu cool für Lovesongs, weil es auf meinem ersten Album nie um Liebe ging. Aber damals fehlte mir einfach die Erfahrung. Erst als ich lange verliebt gewesen war, die Sache aber nicht funktionierte, hatte ich etwas zu erzählen. Und erst dann ging mir auf, wie faszinierend es ist, über die Liebe zu schreiben. Es hat schon seinen Grund, dass die meisten Lieder von diesem Thema handeln. Aber wenn man so etwas Intimes in einem Song öffentlich macht, muss man über alles noch einmal nachdenken, man muss bei jedem Detail abwägen, ob man es öffentlich macht oder nicht. Das Ende einer Beziehung betrifft ja zwei Leute, aber in dem Song Green Light geht es einzig und allein um mich. Die andere Person taucht da so gut wie nicht auf. Das hat mir sehr geholfen, denn als ich den Song schrieb, war ich noch lange nicht über die Trennung hinweg.

ZEITmagazin: Hat Ihr Ex-Freund auf den Song reagiert?

Lorde: (lacht) Kein Kommentar!

ZEITmagazin: Welche Songs trösten Sie bei Liebeskummer?

Lorde: Don Henleys The Heart of the Matter ist ein Geniestreich, der mich sehr getröstet hat. Jeder Satz darin ist weise. Ähnlich gelungen ist Try Sleeping With a Broken Heart von Alicia Keys. Roy Orbisons Crying packt mich immer, und Don’t Come Around Here No More von Tom Petty sprach mir eine Zeit lang aus der Seele mit der Botschaft: Hau ab, raus hier! Genug geredet! (lacht) Nur wer so etwas selber erlebt hat, versteht, worum es in diesen Liedern geht. Die meisten Songs auf meinem neuen Album handeln davon, allein zu sein.

ZEITmagazin: Um diese Songs in aller Abgeschiedenheit schreiben zu können, haben Sie sich, so war zu lesen, vor zwei Jahren sogar mit einem Hubschrauber auf eine Insel fliegen lassen.

Lorde: Richtig, ich flog nach Waiheke Island, das ist eine Insel bei Auckland. Die eine Hälfte der Insel ist bewohnt, die andere ist totale Wildnis, da kommt man nur mit einem Hubschrauber hin. Ich wohnte dort in einem abgelegenen kleinen Haus mitten im Nichts, das ich online gebucht hatte. Drei Tage lang habe ich keine Menschenseele gesehen. Das war auch unheimlich. Eines Morgens schlich ein wilder Hund durch das Haus, ich hatte vergessen, die Tür zu schließen. Wenn der auf mich losgegangen wäre, würde ich jetzt nicht hier sitzen.

ZEITmagazin: Im Gegensatz zu vielen Ihrer Kollegen arbeiten Sie nicht mit einem dieser Songschreiberteams, die seit einiger Zeit für viele der größten Welthits verantwortlich sind. Sie lassen sich von anderen nicht so gerne sagen, wo es langgeht, oder?

Lorde: Die Vorstellung, dass in einem ganzen Raum voller Menschen an einem einzigen Song gearbeitet wird, finde ich theoretisch faszinierend. Aber für mich passt das einfach nicht. Wenn ich meine Ideen mit zu vielen Leuten durchspielen würde, hätte das Resultat nur noch wenig mit mir zu tun. Was ich dagegen sehr mag, ist, mir mit einer einzigen Person die Bälle zuzuspielen, das spornt mich an. Eine Person kann mir helfen, mich auf die intimen Details zu konzentrieren, um die es mir geht. Ich will, dass meine Songs nach mir klingen und meine Texte meinen Tonfall haben.

ZEITmagazin: In einem Interview hat sich Ringo Starr mal beklagt, dass er nach seinen ersten Erfolgen mit den Beatles nicht mehr mit seinen alten Kumpanen ein Bier im Pub trinken konnte, weil sie nun in verschiedenen Welten lebten. Können Sie das nachempfinden?

Lorde: Da habe ich wohl Glück gehabt. Klar, am Anfang bleiben ein paar Bekanntschaften auf der Strecke, wenn sich dein Lebenswandel so drastisch ändert. Manchen ist das einfach nicht geheuer. In diesen Situationen wird einem deutlich, welche Menschen einen noch lange durchs Leben begleiten werden und welche eben nicht. Meine engen Freunde haben ein ganz normales Leben, die sind Anwälte oder Köche, einige machen auch Musik. Und ich bin mir sicher, dass ich auch relativ normal geblieben bin. Alles, was ich schreibe, entsteht daraus.

ZEITmagazin: Entschuldigung, aber Ihr Leben ist nicht mehr normal: Sie haben mehr als fünf Millionen Platten verkauft, und eine Ihrer Freundinnen ist immerhin Taylor Swift ...

Lorde: ... aber ich habe mich auf den Lebensstil, der angeblich zwangsläufig damit einhergeht, nie eingelassen. Ich bin eben nicht nach Los Angeles oder New York gezogen, sondern bin in Neuseeland geblieben, was eine sehr bewusste Entscheidung war. Natürlich erlebe ich die Glamour-Welt, aber dadurch wird mir nur noch deutlicher, wie fremd sie mir ist.

ZEITmagazin: Ist Ihre Freundschaft mit Taylor Swift eine andere Art von Beziehung als die, die Sie zu Ihren alten Freunden aus Neuseeland haben?

Lorde: Ja, das sind tatsächlich völlig verschiedene Arten von Freundschaft. Was schon damit anfängt, dass ich mit diesen Gruppen von Freunden vollkommen andere Dinge mache und erlebe. Die Partys, die ich mit Taylor Swift oder so besuche, sind natürlich ganz andere Partys als die, auf die ich mit meinen alten Freunden in Neuseeland gehe. Diese Freunde tun meistens so, als ob es sie nicht im Geringsten interessieren würde, was ich in den USA erlebe. Mit ihnen gehe ich an den Strand oder ein Bier trinken, bei anderen Freunden dreht sich alles um die Arbeit. Aber alle diese Freundschaften genieße ich sehr.

ZEITmagazin: Nach dem weltweiten Erfolg Ihres Debütalbums haben Sie sich ein Jahr lang zurückgezogen. Was haben Sie in der Zeit gemacht?

Lorde: Ganz normale Sachen: mit Freunden ausgegangen, für Freunde gekocht, auf Märkten Gemüse eingekauft, das ich nicht zubereiten konnte, auf viele Party gegangen und viele Partys gegeben – und das alles in Neuseeland. Was ich in der Zeit nicht mehr gemacht habe, war: regelmäßig zum Friseur zu gehen und Make-up aufzutragen. Es war himmlisch, aber dass freie Zeit sehr schnell verfliegt, ist ja kein Geheimnis.

ZEITmagazin: Sie sind jetzt zwanzig. Wie viel von dem Teenager, der mit Songs über die Schrecken des Erwachsenwerdens weltberühmt wurde, haben Sie noch in sich?

Lorde: Dieser Teenager ist immer noch in mir, aber das ist nicht mehr Lorde, das ist Ella. Die Songs meiner ersten Platte sind für mich wie alte Tagebucheinträge, sie erinnern mich daran, wie ich die Welt damals gesehen habe. Oft werde ich gefragt, ob mir diese Platte mittlerweile zum Hals heraushängt, ob ich sie vielleicht sogar hasse – aber warum sollte ich das? Das ist eben eine abgeschlossene Phase meines Lebens. Ich bin kein Teenager mehr.

ZEITmagazin: Was für Poster hingen früher an Ihrer Kinderzimmerwand?

Lorde: Mein Teenagerzimmer war eine dunkle Gothic-Höhle: Ich hatte die Wände schwarz angemalt, Puppenköpfe an die Wand genagelt, Straßenschilder und einen alten Milchkanister, den ich am Straßenrand gefunden hatte. Über mein Bett hatte ich ein düsteres Shakespeare-Zitat über Lady Macbeths Tod gepinselt. Totales Teen-Drama eben. Ein großes Foto von Neil Young, um das ich ein Herz gemalt hatte, hing da auch, ich war ein bisschen in ihn verliebt. Wenn ich so darüber nachdenke: Mein Kinderzimmer muss auf Erwachsene ziemlich bizarr gewirkt haben.

ZEITmagazin: Ihre Mutter, eine Dichterin, versorgte Sie von klein auf mit Büchern ...

Lorde: ... das tut sie immer noch, dauernd drückt sie mir Bücher in die Hand. Ich durfte immer alles lesen, und ich habe unendlich viele Bücher verschlungen, Kinderbücher, aber schon früh auch Bücher für Erwachsene. Vieles davon hat meine Art, Texte zu schreiben, beeinflusst. Als Teenager liebte ich J. D. Salinger, aber gar nicht so sehr den Fänger im Roggen, sondern seine Franny und Zooey - Kurzgeschichten. Amerikanische Short Storys hatten es mir besonders angetan, davon las ich sehr, sehr viele, bis ich so sechzehn war: Raymond Carver, John Cheever und solche Leute.

ZEITmagazin: Was hatten die einem Teenager in Neuseeland zu bieten?

Lorde: Ich war ein Kind in einer Vorstadt, das von fremden Welten träumte. Diese saufenden Carver-Figuren zogen mich auf eine seltsame Art völlig in ihren Bann. Die Lebensgeschichten fremder Menschen, egal ob fiktiv oder real, haben mich immer gepackt. Wahrscheinlich, weil ich selbst aus einer sauber geordneten Welt komme, sehnte ich mich nach wilderen Umgebungen und Lebensentwürfen. Das Düstere und Unerbittliche von Carver und Co. kam mir da nur recht. Wenn ich einige dieser Geschichten gelesen hatte, fühlte ich mich selber richtig versifft. Wenn ich heute Texte schreibe, lasse ich meiner Fantasie entsprechend freien Lauf. Ich stelle mir zum Beispiel das Wohnzimmer eines Freundes vor und male mir aus, was für Dramen sich dort abgespielt haben könnten.

ZEITmagazin: Sie werden oft als "der erste Popstar der Generation Z" bezeichnet, also der Generation, die nach 1995 geboren wurde. Nehmen Sie sich als Teil so einer Generation wahr, oder ist das eine Fantasie betagter Medienmenschen?

Lorde: Fragen Sie mich nicht, wie man meine Generation definieren sollte. Ich habe allerdings schon das Gefühl, dass da seit ein paar Jahren einige in meinem Alter sind, die sehr interessante Dinge tun. Ich folge so vielen Kids auf Instagram, die spannende Dinge veröffentlichen, ob das nun radikale Schminktipps sind, versponnene Gedichte oder einfach nur Fotos aus ihren Heimatorten. Es geht ihnen dabei nur selten um Geld oder das Berühmtwerden, sondern in erster Linie um den Austausch miteinander. Es sind junge Menschen, die mit sehr wachem Blick durch die Welt gehen. Damit geht bei vielen ein erstaunlich reifes politisches Bewusstsein einher. Wenn man sich anschaut, wie die Welt ins Wanken geraten ist, ist es doch beruhigend, dass da junge Menschen sind, die aufmerksam alles beobachten und sich immer mehr einbringen.

ZEITmagazin: Glauben Sie wirklich, dass die Jugend wieder politischer geworden ist?

Lorde: Ich bin verblüfft, wie politisch heute schon die 15-Jährigen sind, jedenfalls viel stärker als zu meiner Zeit. Früher hätten solche Kids als langweilig gegolten, heute sind sie cool. Die sind in ihrem Alter so informiert und meinungsstark wie keine junge Generation vor ihnen. Und dass Gender-Politik oder Feminismus heute weltweit unter jungen Menschen ganz selbstverständlich besprochen werden, ist auch neu.

ZEITmagazin: Fühlen Sie sich alt, wenn Sie heute auf 15-Jährige treffen?

Lorde: Absolut. (lacht laut) Da fühle ich mich mit meinen 20 Jahren manchmal wirklich wie eine alte Lady. Die Teenager sind heute noch viel mehr online unterwegs, als ich das jemals war. Und es ist eine sehr selbstbewusste Generation.

ZEITmagazin: An Selbstbewusstsein hat es aber auch Ihnen nie gemangelt. Sie waren 13, als Ihnen ein großes Label einen Vertrag anbot. Stimmt die Geschichte, dass Sie deren Angebot ablehnten, ein Album mit Coverversionen einzuspielen, und darauf bestanden, eigene Songs aufzunehmen?

Lorde: Ja, das war so. Ich war mir meiner Sache völlig sicher.

ZEITmagazin: Wie oft sagen Sie heutzutage Nein zu Dingen, die man Ihnen vorschlägt?

Lorde: Ich bin eine geborene Neinsagerin! Das fiel mir bereits als Teenager leicht. Sonst würde das, was ich so mache, auch nicht laufen. Ich muss nämlich ständig Nein sagen. Aber ich weiß, wer ich bin und was mir guttut. Mein Selbstbewusstsein war immer sehr gesund, schon lange bevor ich Musik gemacht habe, das war tatsächlich immer in mir. Vermutlich bin ich von mir selbst besessen.

ZEITmagazin: Sind Sie gut darin, anderen zu vertrauen?

Lorde: Ich nehme jeden beim Wort und glaube manchmal sogar Sachen, die offensichtlich nicht so ganz hinkommen können. Mich kann man deshalb gut reinlegen. Einem Typen, der sich angeblich verlaufen hat, zeige ich auf der Karte, wo er angeblich hinmuss, während sein Komplize mir das Portemonnaie aus der Tasche zieht – so etwas passiert mir immer mal wieder. Mein Vertrauen in die Menschen ist etwas zu groß.

ZEITmagazin: Macht Ihnen die Vorstellung des Älterwerdens manchmal Angst?

Lorde: Früher hat mich diese Vorstellung tatsächlich beängstigt. Als ich dann so früh erfolgreich wurde, fragte ich mich, wie lange das wohl anhalten mag und was ich, wenn der Erfolg vorüber ist, mit dem Rest meines Lebens anfangen soll. Ich zerbrach mir auch den Kopf darüber, ob ich meine Kindheit verpasse und viel zu schnell erwachsen werde. Aber als ich dann älter wurde, verflogen diese Ängste. Ich habe viele Freunde, die älter sind als ich, Kinder haben und ein erwachsenes Leben führen. Die fragen sich auch alle, was noch auf sie zukommt. Das Grübeln über das Älterwerden begleitet einen wohl ein Leben lang. Kennen Sie Paul Simon?

ZEITmagazin: Klar, bei Leuten meines Alters kein Unbekannter.

Lorde: Neulich habe ich sein Soloalbum Graceland entdeckt, eine unfassbar gute Platte. Seit einer Weile höre ich kaum etwas anderes. Was ich besonders faszinierend finde, ist, dass Paul Simon schon 44 war, als er Graceland aufnahm. Es war sein siebtes Soloalbum, seine Karriere war da also bereits sehr fortgeschritten, davor lagen ja noch seine Jahre als Teil von Simon & Garfunkel. Jedenfalls ist sein Songwriting auf Graceland atemberaubend. Er war auf dem Höhepunkt seines Könnens. Er hatte zwei gescheiterte Ehen hinter sich und hatte auch sonst einige Tiefschläge einstecken müssen. Bis Graceland herauskam, war er total abgemeldet. Dann schrieb er diese sagenhaft guten Songs. Mit vierundvierzig! Als mir das klar wurde, freute ich mich richtig darüber, dass ich noch ein turbulentes Leben vor mir haben könnte.

ZEITmagazin: Als "Graceland" erschien, wurde Paul Simon von einigen Journalisten scharf attackiert, die ihm vorwarfen, Ideen geklaut und die Musiker schlecht bezahlt zu haben. Sie selbst wurden bislang immer nur bejubelt. Wie werden Sie damit umgehen, wenn Kritiker eines Tages auch Sie ins Visier nehmen?

Lorde: Da halte ich mich an Nikolaus Kopernikus, der sich jahrelang als Idiot beschimpfen lassen musste, weil er behauptete, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Er war da wirklich ernsthaft in Bedrängnis, aber er wusste, dass er recht hatte, und vertrat seine Erkenntnisse gegen alle Widerstände. Was mich angeht: Ich werde es vermutlich aushalten können, kritisiert zu werden – solange ich hinter dem stehen kann, was ich abgeliefert habe. Denn noch halte ich mich für Kopernikus!

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