Wolfgang Tilmans Lichtjahre

Mit seinen Bildern schärft Wolfgang Tillmans unseren Blick für die Realität – und will sie manchmal auch verändern. Die Ideen dahinter erklärt er im Interview. Interview:
ZEITmagazin Nr. 23/2017

ZEITmagazin: Herr Tillmans, war die Gestaltung dieser Magazinseiten mit Ihren Arbeiten für Sie im Grunde das Gleiche wie die Vorbereitung einer Ausstellung?

Wolfgang Tillmans: In beiden Fällen braucht man Mut zur Unvollständigkeit. Wenn man sich bei der Zusammenstellung damit plagt, dass unbedingt die größten Hits dabei sein müssen, dann ist da so eine Freiheit raus. Ähnlich wie bei einer Ausstellung gibt es bei dieser Magazinstrecke eine lange Inkubationszeit, ein Nichtstun, man könnte es auch Verschleppen nennen. Aber das kenne ich mittlerweile, und ich vertraue darauf, dass das in Wirklichkeit eine Nachdenkzeit ist. Die Auswahl selbst passiert dann relativ schnell, da vertraue ich dem Moment.

ZEITmagazin: Sie haben "die größten Hits" erwähnt – mir kommt es manchmal so vor, als ob Sie in Ihren Büchern und Ausstellungen wie ein DJ arbeiten: Sie kombinieren alte und neue, sehr unterschiedliche Dinge miteinander, die erst durch den Mix, durch Kontext und Kontrast ihre besondere Wirkung entfalten.

Tillmans: Ja ... Das stimmt – wobei das immer eine blöde Antwort ist in einem Interview. (lacht) Und einerseits ist zwar klar, dass auch das DJ-ing eine Kunst ist. Aber irgendwie wird sie natürlich doch immer gering geschätzt.

ZEITmagazin: Na ja, von manchen Leuten.

Tillmans: Manchmal lege ich ja auch selber auf. Und wenn ich mir ansehe, wie viele Gedanken und wie viel Zeit ich auf die Vorbereitung verwende, dann kann ich das auch bei anderen DJs extrem schätzen. Man nimmt als DJ die Leute mit auf eine Gedankenreise, und das ist es ja, was man mit einem Buch oder mit einer Ausstellung auch macht. Diese Idee der Sequenz – das ist ja immer eine Entscheidung, die getroffen werden muss. Das Auswählen ist auf jeden Fall ein ganz großer Teil meiner Arbeit.

ZEITmagazin: Ein Magazin ist aktueller als ein Katalog. Hat das bei der Auswahl dieser Bilder eine Rolle gespielt?

Tillmans: Ich finde, dass es nicht immer diesen Zwang zur Aktualität gibt. In einer als krisenhaft empfundenen Zeit bleiben die visuelle Neugierde, das Spielen und das Machen genauso wichtig. Ein angstloses, offenes Auf-die-Welt-Schauen – das ist zwar keine politische Tat, aber es ist ganz wichtig, dass man sich das erhält.

ZEITmagazin: Apropos politische Tat: Vor der Brexit-Abstimmung haben Sie sich mit einer Serie von Plakaten sehr für die Remain-Kampagne engagiert. Ihre Poster bekamen in Großbritannien viel Aufmerksamkeit, erreichten aber bekanntlich nicht ihr Ziel. Würden Sie so etwas trotzdem noch mal machen?

Tillmans: Ja, natürlich! Die Plakatserie war für mich ein Fall von Notwehr, weil das Gesellschaftsmodell, das ich lebe, unter Beschuss geraten war. Ich empfinde es als absolute Notwendigkeit, diesem Nationalismus in jeder Form entgegenzutreten.

ZEITmagazin: Demnächst auch in Deutschland?

Tillmans: Ich will auf jeden Fall in den nächsten Monaten alles geben, was ich kann, damit die AfD so wenig Stimmen wie möglich bekommt. Und idealerweise vielleicht doch noch an der Fünfprozenthürde scheitert.

ZEITmagazin: Haben Sie dafür schon Ideen im Kopf?

Tillmans: Ja, aber ich arbeite noch daran. Die Situation ist anders als in Frankreich, in den USA oder beim Brexit, wo es um knappe Mehrheiten und komplette Umschwünge ging. Es geht darum, ob wir die nächsten vier Jahre in jeder Bundestagsdebatte und Nachrichtensendung diese nationalistische Stimme haben werden, diese üble, rückwärtsgewandte Weltsicht. Vielleicht merken ja doch noch genügend Leute, dass diese Partei Deutschland schadet, also echt unpatriotisch ist.

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