© Lukas Gansterer

documenta Was'n Ritt

Vier Reiter versuchen, im Auftrag der documenta von Athen nach Kassel zu kommen. Wie erleben sie Europa auf ihren 3.000 Kilometern? Von
ZEITmagazin Nr. 24/2017

Über das Fenster des Veterinäramtes von Kilkis haben die Schwalben ein Nest gebaut. Alle paar Minuten rauscht die Vogelmama oder der Vogelpapa im Sturzflug heran, bremst abrupt ab, hüpft elegant ins Nest, füttert die Kleinen, rauscht wieder ab. Es ist ein auf beruhigende Weise friedliches Schauspiel, das die Natur dort draußen aufführt, während drinnen ein erbitterter Papierkrieg tobt. In der Bürostube sitzt auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch ein Mann mit Cowboyhut, schmutzigen Reitstiefeln und weißem Rauschebart. Seit mittlerweile einer Stunde redet Peter van der Gugten, Wanderrittführer aus der Schweiz, auf eine nach wie vor skeptische Veterinärbeamtin ein und versucht ihr zu erklären, warum er dringend einen Stempel auf seine Zollpapiere braucht. Der Fall beschäftigt schon höchste Kreise im entfernten Athen, das Ministerium ist involviert. Nun kommt der Amtschef selbst zur Tür herein, legt den Stempel auf den Tisch. Diskussion auf Griechisch. Der Amtschef verlässt den Raum. Die Beamtin steht auf und trägt ihm den Stempel hinterher. Lage ungeklärt. Und unter dem Cowboyhut macht sich ein Grinsen breit, halb belustigt, halb verzweifelt. Vor dem Fenster schwingt sich eine Schwalbe ins Blau des Vormittagshimmels. Schwalben sind Zugvögel. Grenzen müssen sie nicht kümmern. Das unterscheidet sie von anderen Tieren. Von Pferden zum Beispiel.

Drei Jahre ist es her, dass der schottische Künstler Ross Birrell und der polnische Kurator Adam Szymczyk bei einer gemeinsamen Zugfahrt ein außergewöhnliches Projekt entwickelten: Sie würden einen Trupp von Wanderreitern durch Südosteuropa ziehen lassen. Und nun ist Birrells mobiles Kunstwerk The Transit of Hermes wirklich Teil der documenta geworden. Die berühmteste Kunstausstellung der Welt findet alle fünf Jahre statt. In Kassel – wo sie 1955 erfunden wurde. Diesmal hat Adam Szymczyk als aktueller künstlerischer Leiter jedoch die Regeln verändert: Eine Hälfte der Schau wurde bereits im April eröffnet, in Athen. Die documenta 14 spielt sich also in zwei Städten ab. Und Ross Birrells Kunstwerk ist zum symbolischen Band geworden, das die beiden Orte verbindet: 3.000 Kilometer legen vier Reiter mit ihren Pferden von Athen nach Kassel zurück. Feldwege und Gebirgspfade führen sie durch Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien, Österreich und Deutschland. Am 9. April ist der Trupp aufgebrochen, und wenn er am 9. Juli sein Ziel erreicht, werden die Reiter fast 100 Tage unterwegs gewesen sein, angelehnt an die Laufzeit der documenta als "Museum der 100 Tage". Es handelt sich, kurz gesagt, um eine moderne Heldenerzählung mit heroischen Taten, ungewöhnlichen Begegnungen und dem Beistand eines himmlischen Begleiters: Hermes ist sein Name.

Der griechische Götterbote, um den es hier geht, hat dunkelgraues Fell mit weißen Punkten. Hermes ist sechs Jahre alt und eine Schönheit. Gekauft und getauft hat ihn Birrell vor einem Jahr in Arkadien, jener mythischen Hirtenregion des Peloponnes. Als fünftes Ross im Trupp trägt Hermes keinen Sattel, läuft als Packpferd mit und gilt dennoch als Star der Reise. Der kleine Arravani soll beweisen, dass diese fast verschwundene Rasse griechischer Gangpferde immer noch Kämpfer hervorbringt, die einen solchen Ritt durchstehen. "Ohne Hermes wäre das Werk unvollständig", erklärt Birrell bei einem Treffen in Athen. Schlimmer noch, es hätte den Anschein gehabt, die documenta-Macher aus dem Norden wollten das Projekt ohne lokalen Bezug durchziehen. Deshalb trabt nun der vierhufige Reisegott aus Griechenland nach Deutschland.

Der Erlebnisbericht vom Pferderücken herab ist kein ganz unbekanntes Genre. Auch Goethe hat ja 1786 für seine Italienische Reise die Welt nicht allein vom Kutschenpolster aus betrachtet. Inspiration für Transit of Hermes war allerdings der legendäre Zahnfleischritt des Schweizers Aimé Félix Tschiffely, der von 1925 bis 1928 auf zwei argentinischen Criollo-Pferden die 10.000 Meilen von Buenos Aires nach New York bewältigte und dabei Gebirge, Dschungel und Wüsten überwand. "Ich halte Tschiffely für einen Künstler", sagt Birrell. "Denn er hatte den Willen, etwas Undenkbares zu kreieren." Spektakuläre Durchhalteprojekte sind tatsächlich in der Konzeptkunst ein alter Schuh: Bereits 1973 durchquerte der walking artist Hamish Fulton die Britische Insel von der Nord- bis zur Südspitze. Und die passende Theorie dazu gibt es noch ein bisschen länger: 1955 prägte die Künstlergruppe der Situationistischen Internationale um Guy Debord den Begriff der "Psychogeografie", um zu hinterfragen, wie Räume unsere Wahrnehmung steuern. Es ist zudem ein lustiger Zufall, dass die akademische Disziplin der "Spaziergangswissenschaft" in den achtziger Jahren in Kassel erfunden wurde. Sie versucht, mit der Methode des experimentellen Flanierens Erkenntnisse über unsere Umwelt zu gewinnen. In seinem 1995 veröffentlichten Grundlagenaufsatz schreibt Lucius Burckhardt, Soziologe und Begründer der Promenadologie: "Wenn bei einem Spaziergang zu Fuß oder zu Pferde – mit der Durchquerung von Dorf, Fluß, Tal, Hügel – die Eigenheiten einer begrenzten Landschaft im Kopf integriert und damit wahrgenommen werden können, so werden mit dem Auto sehr viel größere Landschaftseinheiten befahren. Viel heterogenere Eindrücke müssen zu einer viel abstrakteren Ideallandschaft integriert werden." Dies ist ein wichtiger Punkt: Mit dem Fuß oder dem Huf begreift sich der durchmessene Raum langsamer, aber leichter. Lässt sich beim Reiten von Athen nach Kassel, über sechs Ländergrenzen hinweg, vielleicht sogar ein so hochabstraktes Gebilde wie Europa verstehen? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir erst mal zum Anfang der Strecke zurück.

9. April: Aufbruch in Athen

Dionysiou Areopagitou heißt eine für Spaziergänger reservierte Straße am südlichen Hang der Akropolis. Die grünen Kiefern am Wegesrand bieten hier einen zauberhaften Rahmen für das Weiß des brüchigen Parthenon-Architravs oben auf dem Hügel. Wenige Schritte entfernt, im Dionysostheater, lauschte die Antike erstmals den Versen von Aischylos, Sophokles und Euripides. Vor dieser Kulisse, sozusagen dem Nullkilometer der attischen Demokratie, baut sich der Transit of Hermes zum Aufbruchsgruppenfoto auf: Peter van der Gugten hockt auf Artvin, einem schwarzen Kabardiner, den Cowboyhut tief in die Stirn gezogen. Den folkloristischen Hingucker liefert der ungarische Rittführer Zsolt Szabo: Tracht, Stirnband und lange graue Mähne. Der Criollo Sanchez unter ihm ist eher beigefarben. Den Aspekt Sicherheit repräsentiert der weiße Sturzhelm von David Wewetzer. Der Dozent für Informatik aus Bremerhaven reitet einen hellbraunen Karabagh namens Issy Kul. Und Tina Boches grauer Gauchohut bringt den Style der argentinischen Pampa nach Athen. Die Ranchbesitzerin aus dem Kreis Augsburg wird die 3.000 Kilometer auf ihrem blonden Haflinger Paco absolvieren. Hermes hält sich zunächst etwas im Hintergrund.

Die Mittagssonne röstet dem Athener Publikum den Nacken. Und wie bei allen symbolischen Akten übertrifft die zeremonielle Aufregung das eigentliche Erlebnis. Die Reiter reiten nicht, sie stehen herum. Der Presseandrang ist dennoch immens. Eine Journalistin schubst den filmenden Ross Birrell aus der Sichtachse. Documenta-Leiter Szymczyk übt sich in seiner Rede im Ungefähren: "Dieser Ritt ist keine Metapher, er ist zuallererst eine körperliche Handlung", sinniert er. Sanchez bekommt derweil ein wenig Wasser aus einer Flasche. Konkreter verkündet dann David Wewetzer, dessen unbeirrbare Ernsthaftigkeit ihn zum Sprecher der Gruppe macht, das eigentliche Ziel der Reiter: "Wir wollen daran erinnern, dass das Pferd in der Landschaft zum Kulturerbe Europas gehört." Wanderreiter verschreiben sich häufig der Rekener Charta, welche für Pferde die unbegrenzte Nutzung der alten Handelsrouten des Kontinents fordert. Diese sind jedoch vom Paragrafendschungel der europäischen Bürokratie zugewuchert. Und so ahnt man es bereits: Über das Gelingen des Projekts wird an diesem Tag noch nicht entschieden. Wir vereinbaren mit den Reitern, dass wir sie zweimal besuchen werden, um sie ein Stück auf ihrem Weg zu begleiten.

28. April: Von Kilkis in Griechenland nach Balintsi in Mazedonien

Die Landschaft nördlich von Thessaloniki hat mit ihren sanften grünen Wellen die visuelle Aufgeregtheit von Westfalen. Unser Ziel ist Rancho, ein von Sotiris Patsiouras und seiner Frau Yiannoula Mitona geführter Reiterhof, der echtes Wildwest-Gefühl ins alte Europa transportiert. Über den Reitplatz rieselt Dolly Parton aus Lautsprechern, während Teenagermädchen auf Pferden ihre Runde drehen. Die Sonne scheint. Der flache Horizont ist voller Versprechungen.

Kommentare

7 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Durchhalteprojekte kann ich mir nicht leisten.
Durch die Zelle etwas durchreichen oder verschieben.
Grenzwertig.

Durchhalten, was bleibt denn anders übrig.
Von 6 Milliarden Durchhalteprojekten sicherlich eines der angenehmeren Art.
Aber Art heißt ja Kunst, und lütte nett, wenn man net was verschwiegen hätte.
Vers wiegen in der Schweiz ein Teelogramofon, dass das Matterhorn wieder an den Pol bringt.