Geschlechtsidentität Der Kampf um das Geschlecht

Aber ignoriert der Vorschlag des Geschlechterforschers Voss, auf Geschlechtereinteilungen im Sport künftig ganz zu verzichten, nicht die Tatsache, dass es im Durchschnitt eben doch Schattierungen gibt? (Und was würden die Frauen sagen, die bei den Wettkämpfen dann meistens verlören?)

Das alles könnte diskutiert werden. Langsam, vorsichtig und abwägend. Wenn es denn möglich wäre. Aber so kompliziert männliche und weibliche Gehirne auch sein mögen, eines scheint moderne Menschen unisex zu einen: Sobald die Sprache auf das Thema Geschlecht kommt, brennen alle Sicherungen durch.

Gender-Gaga heißt das Buch der Publizistin Birgit Kelle, für die jedes Nachdenken über die Beschaffenheit des Geschlechts ein Angriff auf die naturgegebene Weiblichkeit ist. Und natürlich der Schriftsteller Akif Pirinçci, der in seinem wirren Buch Die große Verschwulung eine Entmännlichung des gemeinen Mitteleuropäers herbeifantasiert. "Gender-Mainstreaming ist ein von geisteskranken und faulen Lesben, die komplett vom Staat alimentiert werden, erfundener Scheißdreck", zetert er in einem Interview. Heinz-Jürgen Voss beleidigt er sogar als "geisteskranken Schwulen mit Dachschaden". Und auch die AfD nimmt sich der Gender-Diskussion mit besonderer Leidenschaft an. Wer bei AfD-Veranstaltungen zugegen ist, weiß, dass oft schon eine Bemerkung zu zusätzlichen Toiletten für Transleute genügt, um den Raum in hämisches Gelächter zu versetzen.

Auch die Industrie besteht auf zwei Geschlechtern, denn Ordnung muss sein. Kinder werden mit Produkten in Blau und Rosa zugeschüttet, als führten sämtliche Hersteller den finalen Kampf zur Verteidigung von Geschlechterklischees. Das ist auch die Weltsicht weiter Teile des Bürgertums. Als mein kleiner Sohn kürzlich bloß mit rosafarbenem Jäckchen bekleidet am Strand entlanglief, schrie ein Kind entsetzt: "Mama, warum hat das Mädchen einen Puller?" Doch anstatt dem Kind zu antworten: "Weil es ein Junge mit rosafarbener Jacke ist", zischte die Mutter mich an: "Ist doch krank, was manche Leute ihren Kindern anziehen." Das ist die eine Seite. Die Eindeutigkeit des Geschlechts wird mit Inbrunst verteidigt, als sei sie eine der letzten Wahrheiten in unserer Welt.

Im jungen, urbanen Milieu, das die Individualität zum allerhöchsten Gut erkoren hat, gehört es hingegen mittlerweile dazu, sich in Geschlechterfragen uneindeutig zu geben. Dem Time Magazine zufolge lehnen in den USA zwölf Prozent der Millennials, also der um die Jahrtausendwende Geborenen, die Kategorien Mann und Frau für sich selber ab. Facebook hat zuletzt einen PR-Erfolg gefeiert, als das Unternehmen verkündete, die User nicht mehr auf zwei Geschlechter festzulegen, sondern sie selbst aus 60 verschiedenen Angeboten wählen zu lassen, genderfluid zum Beispiel oder weder-noch oder gendervariabel. Alle drei Begriffe bezeichnen Menschen, die sich irgendwo zwischen Mann und Frau verorten. Das Angebot passt. Soziale Netzwerke dienen dem Zelebrieren der eigenen Besonderheit – jetzt eben auch beim Thema Geschlecht.

In Berlin ist es mancherorts inzwischen üblich, genderneutral zu formulieren. Auch ich selbst, wohnhaft in Kreuzberg, wurde schon mehrmals gemahnt, nicht zu sagen: "Der Letzte macht das Licht aus." Sondern korrekt: "Die Person, welche zuletzt den Raum verlässt, lösche das Licht." Und gerade hat mir mein Bezirk mitgeteilt, man suche noch "Wahlhelfende". Wer das nicht besonders gelungen findet – weil es, wie Max Goldt schrieb, dann seltsame Wesen gäbe, wie "biertrinkende Studierende" oder "sterbende Lehrende" –, gilt als das Allerletzte und reaktionär. So sieht die andere Seite aus.

Überhaupt, Berlin: Die Bezirksverordnetenversammlung in Friedrichshain-Kreuzberg akzeptiert, genau wie in anderen Teilen der Stadt, ohnehin nur noch Anträge, die geschlechtsneutral formuliert sind. An vielen deutschen Universitäten wird Studenten heute mit Punktabzug gedroht, sollten sie ihre Hausarbeiten rein männlich formulieren. Die vermeintliche Minderheit macht sich also immer deutlicher bemerkbar im Alltag der Mehrheit. Und als mein kleiner Sohn eine Kindergärtnerin bekam, die früher ein Mann war, herrschte Konsens, dass darüber nicht gesprochen würde. Als mein größerer Sohn, gerade Grundschüler, den Kleineren dann mit abholte und als Erstes laut rief: "Hey, wieso spricht denn die neue Erzieherin wie ein Mann?", ignorierten alle peinlich berührt das fragende Kind, als gäbe es da nichts zu erklären, als könnte man dem Menschen verbieten zu staunen. Als könnte Akzeptanz gelingen durch Totschweigen.

René_Hornstein (der Unterstrich im Namen ist Absicht) kommt mir am Berliner Nordbahnhof entgegen. Groß und schlank und optisch zweigeteilt: unten Jeans, oben Bluse, links rasiert, rechts mit Bart, auf der einen Seite das blonde Haar lang und wellig, auf der anderen kurz geschoren. Hornstein sieht sich als "nicht binär", als Person jenseits der zwei Geschlechter. In Briefen soll keine Anrede "liebe" oder "lieber" die Höflichkeit wahren, und in diesem Text für das ZEITmagazin sollen kein er und kein sie auftauchen. Folgende Formulierungen sind erwünscht: Hat René_Hornstein gesagt, hat die Person gesagt, hat der Mensch gesagt, oder neu ersonnene, uneindeutige Pronomen wie "hen" oder "sier" oder "per" sollen die Person bezeichnen. Hornstein ist Vorstandsmitglied der Bundesvereinigung der Transmenschen namens Trans* und Dauererklärende(r) – in Ministerien, bei Verwaltungen, auf der Straße. "Wenn ich mich in der Öffentlichkeit bewege, wie ich möchte, also auch geschminkt, mit Absätzen, im Rock, ist das gefährlich. Denn das heißt für mich: ausgelacht, beschimpft und angespuckt zu werden, eigentlich bei jeder U-Bahn-Fahrt", sagt Hornstein. In Berlin hat die Gewalt gegen Schwule, Lesben und Transpersonen nach deren eigenen Angaben im vergangenen Jahr massiv zugenommen. Junge Transmenschen nehmen sich häufiger das Leben als andere Jugendliche. "Wir haben das Selbstbild einer liberalen Gesellschaft, in der Personen so leben können, wie sie wollen. Beides ist falsch." Argentinien, Malta oder Irland seien in der Gesetzgebung viel moderner. Jedes Geburtsregister, das in Jungen und Mädchen einteilt, jedes Formular, das eine Entscheidung zwischen Frau und Mann verlangt, jede Verwaltung, die das Geschlecht nach Aktenlage kategorisiert, so Hornsteins Eindruck, stempelten nicht binäre Menschen als abnorm ab. Erst im Jahr 2011 kippte das Bundesverfassungsgericht die Regelung, wonach sich Personen, die ihr Geschlecht ändern, sterilisieren lassen müssen. Seitdem können auch Menschen, die der Erscheinung nach männlich sind, gebären. "Meine Utopie ist es, irgendwann so, wie ich bin, nicht mehr aufzufallen", sagt René_Hornstein, "und die Rolle als special snowflake, die nicht in der Masse der anderen Schneeflocken verschwinden kann, hinter mir zu lassen."

Wie lange könnte das dauern? Hornstein zuckt mit den Schultern. "Wir haben viel erreicht in den letzten Jahren. Aber wenn ich mir den Populismus ansehe, in den USA, in Polen, auch in Deutschland, fürchte ich mich davor, dass all das wieder verloren gehen könnte." Mit "all das" meint Hornstein zum Beispiel, dass auch Menschen, die in der Grauzone zwischen Mann und Frau wandeln, präsent sind. Die amerikanische Whistleblowerin Chelsea Manning – als Mann geboren, als Soldat namens Bradley berühmt geworden – schickte nach ihrer Haftentlassung Mitte Mai das Foto ihres neuen, weiblichen Ichs um die Welt. Sängerin Miley Cyrus bezeichnet sich als genderfluid, Conchita Wurst siegte beim Eurovision Song Contest. In Transparent erzählt Hollywood im Rahmen einer Familienserie die Wandlung eines Menschen von Papa Mort zu Mama Maura, der von seiner Tochter dann zärtlich Mapa genannt wird. Und der Jugendroman George schließlich ist die klassische Coming-of-Age-Geschichte, allerdings aus der Perspektive eines Transkindes. Erste zaghafte Schritte in Richtung Normalität.

Dann muss Hornstein los, "sier", "hen" oder "per" sind die drei geschlechtslosen Pronomen, die ich nutzen soll. Wenn ich später anderen von dieser Begegnung erzähle, gelingt es mir nie, männliche und weibliche Pronomen ganz zu meiden.

"Wie reagieren Sie, wenn jemandem ein er oder sie rausrutscht?", hatte ich Hornstein gefragt. Antwort: "Das ist schwierig für mich, es ist eine schmerzhafte Situation, eine verletzende Handlung, und ich wünsche mir, dass die Person sich entschuldigt."

Gern. Damit sind wir endgültig an der Hauptfront des Gender-Gefechts angelangt: dem Kampf um die politisch korrekte Sprache. Man muss dem Deutschen nämlich ziemlich Gewalt antun, um ihm die Zweigeschlechtlichkeit auszutreiben. Manche sagen, Sprache sei durabel und dehnbar, andere befürchten, sie könnte unter der Last dieser Anforderung brechen, reißen, zerstört werden. Auf jeden Fall aber wird Sprache unter den Anforderungen vom Werkzeug, das Menschen verbindet, zum Code, der die Zugehörigkeit zum richtigen Milieu bescheinigt. Eine Person, die * (Sternchen) oder _ (Unterstrich) benutzt, die nie stolpert, wenn sie die Buchstabenkombination LGBTIQ aufsagt, und Menschen in Verlaufsformen zwängt, sie zu Radfahrenden und Arbeitenden und Steuerzahlenden macht, gilt also als fortschrittlich. Alle anderen eben nicht. "Kann es denn nicht sein, dass jemand Ihnen zugewandt ist und trotzdem nicht genderneutral spricht?", hatte ich Hornstein gefragt. Die Antwort: Das sei schwer vorstellbar. "Wenn jemand sagt: Liebe Studenten ..., finde ich es ganz schwierig. Dann weiß ich: Die Person hat mich nicht mitgedacht und ist vielleicht sogar eine problematische Person."

Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt, soll Wittgenstein gesagt haben. Andere Länder zeigen sich in Sachen geschlechtsneutraler Sprache flexibler als wir. England zum Beispiel hat die Anrede Mx. (gesprochen Mix oder Max) ersonnen, tauglich für Männer, Frauen und alle dazwischen, und gerade ins Oxford English Dictionary aufgenommen. In Schweden ist hen, als drittes, geschlechtsloses Pronomen, seit zwei Jahren offiziell in den Sprachschatz integriert.

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