Flüchtlinge Ohren zu und durch

Seit der Flüchtlingskrise ist Deutschland in zwei Lager gespalten, und vielen fällt es schwer, miteinander zu reden. Der Streit, der sich mittlerweile nicht mehr täglich in den Schlagzeilen abspielt, hält bis heute an. Besuch bei einem Vater und seinem Sohn, die sich aneinander aufreiben, bei zwei Männern, deren Freundschaft zerbrochen ist – und bei einer Frau, die nicht aufgeben will. Von und
ZEITmagazin Nr. 27/2017

Als Ort der Annäherung hat die Familie Veh den Platz unter dem Apfelbaum bestimmt. Es ist ein sonniger Sommertag in Egg an der Günz, einem Dorf im Allgäu. Der Rasen im Garten hinter dem Fertighaus aus den siebziger Jahren ist frisch getrimmt. Unter einem Rosenspalier sitzt Ulrich Veh, ein hagerer Mann, auf einer Gartenschaukel. Er ist ganz in eine Ecke gerutscht, obwohl er die Schaukel für sich allein hat.

Sein Vater Josef sitzt ihm gegenüber am großen Holztisch und lächelt unsicher, ein weißhaariger Mann in einem orange karierten Hemd unter Hosenträgern. Seine Frau Lore, Ulrich Vehs Mutter, stellt sehr behutsam Gläser und eine Flasche Apfelsaft auf den Tisch, als wolle sie auf keinen Fall den kostbaren Frieden stören.

Seit 2015, als in wenigen Monaten Hunderttausende von Flüchtlingen über die offene Grenze kamen, verhaken sich der 81-jährige Vater und sein 51-jähriger Sohn immer wieder in Auseinandersetzungen, die Ulrich Veh "Diskussionen" nennt. Das Wort Streit ist ihm unangenehm. Wann immer sie aufeinandertreffen, geht es los über die Flüchtlingskrise und ihre Folgen – aber zueinander finden sie nie, so unvereinbar sind ihre Positionen. Der Sohn ist der Meinung, man müsse im Prinzip jedem Flüchtling oder Migranten helfen, egal woher er stammt und aus welchem Grund er nach Deutschland kommt. Der Vater hat "große Bedenken", die Integration werde schwierig. Ein politischer Konflikt droht die Familie zu sprengen, weshalb sich Vater und Sohn jetzt hier im Garten gegenseitig belauern.

Ulrich Veh hat gleich eingewilligt, mit seinem Vater im Beisein des Reporters darüber zu sprechen, was sie eigentlich trennt – aber Josef Veh hat gezögert: Würde er nicht am Ende schlecht dastehen, egal wie er argumentiert? Zu oft hat Josef Veh schon einstecken müssen wegen seiner Kritik, nicht nur in der Familie, sondern auch unter Bekannten und Freunden. Vor Kurzem hat ihn ein Verwandter einen "Hetzer" genannt, da war für Josef Veh das Gespräch gelaufen. Egal wie er argumentiert, immer hat er das Gefühl, missverstanden zu werden. "Ich bin doch kein dumpfbackiger Rechtsaußen, nur weil ich Bedenken äußere!", empört er sich. Als die Familie vor Kurzem seinen Geburtstag feierte, hat er das Thema absichtlich nicht angeschnitten. So wurde es ein schönes Fest.

Im Leben der Vehs hat sich eine Menge verändert, und das liegt nicht allein daran, dass auch in der Nähe von Egg an der Günz, in einer Nachbargemeinde, Flüchtlinge untergebracht worden sind.

Seit den Wochen der Willkommenseuphorie und der Ernüchterung nach der Kölner Silvesternacht fällt den Vehs jedes sachliche Gespräch über Flüchtlinge schwer. So geht es vielen Familien im Dorf. Vor allem zwischen den Generationen knirscht es. Nachbarn der Vehs sagen: Sobald die längst erwachsenen Kinder nach Hause kommen, gebe es Streit. Sie hätten es aufgegeben, über das Flüchtlingsthema zu reden.

Es ist eine Stimmung, die das ganze Land erfasst hat, überall dort, wo man privat zusammenkommt, weil man sich nahesteht – auch zwei Jahre nach dem Herbst 2015. Wo man bisher dachte, man sei sich grundsätzlich einig, herrscht Unsicherheit: Was kann man noch sagen, wem kann man sich anvertrauen? Wie bei den Vehs werden die heiklen Themen gemieden – und manchmal auch diejenigen, die eine andere Meinung vertreten.

Was macht das mit einem Land, wenn in einem Wahlkampfjahr bei manchen Themen geschwiegen wird statt gestritten, weil viele den Streit nicht aushalten wollen? Entfernen sich die Deutschen voneinander? Womöglich entscheidet sich in der nächsten Zeit, ob Deutschland wie die USA zu einem Ort wird, an dem niemand mehr jemanden kennt, der in wichtigen Fragen anderer Meinung ist – wie Trump-Wähler und Trump-Gegner, die sich gegenseitig verachten und kaum mehr etwas miteinander zu tun haben.

An diesem Nachmittag unternehmen Josef Veh und sein Sohn Ulrich den Versuch, noch einmal über die großen Streitfragen zu reden.

Ulrich Veh ist selbstständiger IT-Experte, seit vielen Jahren arbeitet er vor allem in China. Alle paar Monate kommt er nach Deutschland zurück, er hat eine Tochter, die hier lebt. Er wohnt dann in Ulm, nicht weit entfernt von Egg an der Günz. Zuletzt hat er seinen Vater vor sechs Wochen gesehen.

Nach seiner politischen Haltung gefragt, sagt er, ohne lange nachzudenken: "Ich bin linksliberal – aber auf Bayerisch. Das heißt, die Wirtschaft ist mir wichtig." Er erzählt, dass er schon in vielen Ländern gearbeitet hat, nicht nur in Asien, sondern auch in Afrika und im Nahen Osten. Er habe es immer als Gewinn empfunden, wenn in Teams verschiedene Nationalitäten zusammenkamen. "Wenn’s sortenrein ist, wird’s schnell langweilig."

Über Migration und Asyl sind die Deutschen schon lange gespalten. In den neunziger Jahren fanden Meinungsforscher meist klare Mehrheiten, die der Ansicht waren, es lebten "zu viele Ausländer" in Deutschland – 1991 war die Zahl der Asylanträge zum ersten Mal auf mehrere Hunderttausend im Jahr gestiegen. Im April 2017 bejahten die Frage "Leben Ihrer Ansicht nach in Deutschland heute zu viele Ausländer?", gestellt von dem Institut Allensbach, noch 45 Prozent. Vielleicht war das Verschwinden einer klaren ablehnenden Mehrheit gegenüber Fremden die Voraussetzung für die "Willkommenskultur".

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