Gesellschaftskritik: Über menschliche Entwicklung

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Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 27/2017

In diesen Tagen konnte man sich für ein paar Stunden in eine andere Zeit zurückbeamen. Nach dem Tod von Helmut Kohl ließen die Medien die achtziger Jahre wiederauferstehen, die Männerrunden, die Fleischgelage, die Familienurlaube am Wolfgangsee. Und auch Prinzessin Diana war plötzlich wieder medial präsent, weil ihr Biograf Andrew Morton so nett war, die Gesprächsprotokolle zu veröffentlichen, auf deren Grundlage er vor Jahren sein Enthüllungsbuch "Diana" schrieb. Man konnte also in den Bildern jener Zeit versinken und stellte fest: Es gibt da eine merkwürdige Schnittmenge zwischen Kohl und Diana. Nämlich ihren ungebrochenen, beinahe naiven Glauben an Status als Glücksbringer – und wie bitter diese Hoffnung schließlich enttäuscht wurde. Beide Schicksale endeten traurig: Diana geisterte jahrelang als betrogene, bulimische Prinzessin der Schmerzen über den Globus und starb dann bei einem Autounfall, Kohl verbrachte seine letzten Jahre als ein von der Welt enttäuschter Mann, seine erste Frau hatte sich umgebracht, zu seinen Söhnen hatte er keinen Kontakt mehr. Der deutsche Vorzeige-Kleinbürger hatte im Grunde ein Leben ohne Familie geführt; die globale Prinzessin wurde von ihrem Mann nicht wie eine Prinzessin behandelt. Man taucht aus der Lektüre auf wie aus einem schlechten Traum: erschüttert, aber auch froh, dass die Welt heute anders ist. Zumindest die Kinder der beiden haben einen genau gegenteiligen Weg gewählt: Walter Kohl, der Sohn, hat ein extrem offenes Buch über seine schwierige Kindheit und seinen abwesenden Vater geschrieben; die Diana-Söhne William und Harry haben gerade eine Hilfsorganisation gegründet, die Menschen dazu ermutigen soll, sich bei Problemen Hilfe zu suchen, statt sie zu verbergen. Kein Wunder, denn nicht Status und Ruhm gelten heute als der Weg zum Glück, sondern Selbsterkenntnis und Offenheit.

Zwar wollen auch heute viele Menschen berühmt sein, aber niemand schreibt dem Erreichen dieses Ziels das Glückspotenzial zu, wie frühere Generationen dies getan haben. Wenn man ganz oben ist, enthebt einen das nicht davon, sich den Aufgaben des Lebens zu stellen: Zufriedenheit nicht nur im Außen zu suchen und für ein okayes Verhältnis zu den paar Leuten in seiner Nähe zu sorgen (und ein bisschen auf seine Ernährung zu achten). Dass sich diese Erkenntnis durchgesetzt hat, ist auch Schicksalen wie denen von Helmut Kohl und Prinzessin Diana zu verdanken. Kann es sein, dass die Menschheit sich doch weiterentwickelt?

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