Ich habe einen Traum: Jessy Wellmer

"Der Mann in meinem Ohr übernimmt die Kontrolle über mich"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 27/2017

Ich träume. Vom Feierabend nach einer Live-Sendung. Ich lege das Mikro ab, verlasse das Studio, aber der Knopf im Ohr bleibt drin. Über diesen Knopf bin ich als Moderatorin mit der Regie verbunden. Wie viel Zeit bleibt noch bis zum nächsten Beitrag? Gibt es ungeplante Änderungen im Ablauf der Sendung? So etwas flüstert mir die Regie ins Ohr.

Im Traum jedoch übernimmt der "Mann im Ohr" die Kontrolle.

Auf einmal bin ich im Supermarkt. "Du hast jetzt drei Minuten in der Tiefkühlabteilung und dann noch vier dreißig beim Käse, bis du abgeben musst an die Tagesschau, okay?"

Ich nicke, eile zur Kühltruhe auf der Suche nach einer Pizza Hawaii. Die liegt da aber nicht. Ich suche hektisch die Pizzastapel durch. Keine Pizza Hawaii. Blöd. Zwei Meter weiter steht eine Mitarbeiterin und sortiert Waren ins Regal. Die Stimme im Ohr sagt: "Gut, schnelles Gespräch mit dem Studiogast."

Ich gehe zur Mitarbeiterin. "Haben Sie Pizza Hawaii?" – "Nee", sagt sie. "Frag noch mal kritisch nach", bittet das Ohr. Ich: "Warum haben Sie keine Pizza Hawaii? Gibt es da möglicherweise Optimierungsbedarf?" Die Angestellte guckt irritiert: "Da müssen Sie den Chef fragen."

"Zum Ende kommen mit dem Gespräch", sagt mein Ohr jetzt. "Wir hängen beim Käse. Und der nächste Beitrag liegt nicht vor." Ich spüre Nervosität in der Stimme aus der Regie. Kann ich jetzt nicht gebrauchen. Wir haben schließlich die Käsesache noch vor uns. "Wir hängen. Das musst du den Zuschauern erklären!"

Na super. Vielen Dank für die Unterstützung. Ich gehe zur Käsetheke. Der junge Mann hinterm Tresen ist bereit, mich zu bedienen. "Was soll’s denn sein?"

Ich: "Es tut mir leid. Der Käse liegt nicht vor." Der Verkäufer guckt verständnislos. Stimme: "Und jetzt bitte noch den Verweis aufs Angebot im Netz." Ich: "Alles zum Thema Käse finden Sie bei uns online." Ich ärgere mich ziemlich über diese technische Panne, denke an die Zuschauermails, die es hageln wird. Sie werden uns vorwerfen, dass wir einseitig berichten.

Ich gehe zur Kasse, die Schlange ist lang, die Stimme im Ohr ungeduldig. "Jetzt aber zügige Verabschiedung, und Sendehinweis aufs nachfolgende Programm nicht vergessen!"

Ich drängele mich vor zur Kassiererin, obwohl ich gar nichts zu bezahlen habe: "Das war’s fürs heute. Ihnen noch einen angenehmen Tag. Jetzt im Anschluss die Kollegen aus Hamburg mit der Tagesschau." Ich lächele die Kassiererin an, halte den Blick extralang. Schließlich das Ohr: "Alles klar. Wir sind runter vom Programm."

Meine Gesichtsmuskulatur entspannt sich, dann bekomme ich einen Schubser von einem Einkaufswagen hinter mir. Die Frau an der Kasse hat sich längst dem nächsten Kunden zugewandt.

Ich wache auf. Meine Tochter steht neben meinem Bett: "Aufstehen, Mama, machst du Frühstück? Ich hab Hunger."

Ich drehe mich noch mal zur Seite und murmele: "Geh schon mal in die Küche, ich komme gleich, ich brauche noch zwei dreißig."

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

3 Kommentare Kommentieren

nein, das ist ein ganz behutsamer und einfühlsamer artikel über jemanden, dessen beruf weit in das privatleben hinein reicht mit dem risiko, dass beides miteinender verschwimmt und das denken und erleben durchgefärbt ist durch den job beim tv.

solange sie ihre kinder nicht mit der tv zappe zum hausaufgaben machen dirigiert, oder zum zähneputzen, erscheint sie noch nicht selbst- oder fremdgefährdend.