Marc Almond: "Ich musste lernen, mit dem Song zu leben"

Er hadert mit "Tainted Love" und mit seinem Vater. Einst wurde er verprügelt, weil er geschminkt war. Ein Interview mit Marc Almond, der nächste Woche 60 Jahre alt wird. Von
ZEITmagazin Nr. 27/2017

ZEITmagazin: Mister Almond, Sie haben sich vor einiger Zeit mal beschwert, dass Taxifahrer Sie ständig auffordern, Tainted Love zu singen, den Song, der Sie als Teil des Popduos Soft Cell 1981 berühmt machte. Ist das inzwischen seltener geworden?

Marc Almond: Nein! Das passiert mir immer, immer und immer wieder, jede Woche drei- bis viermal. Manche Taxifahrer rufen sogar ihre Frau an und halten mir dann das Handy hin: "Singen Sie es für meine Frau!"

ZEITmagazin: Und was tun Sie dann?

Almond: Ich singe weder in Taxis noch in Handys hinein. Es gibt allerdings auch Taxifahrer, die selber Tainted Love singen, sobald sie mich im Rückspiegel erkennen. Es gibt für mich einfach kein Entkommen.

ZEITmagazin: Einmal sagten Sie sogar, dass Sie Brechreiz bekommen, wenn Sie nur den Anfang Ihres größten Hits im Radio hören.

Almond: Ach, das ist lange her. Es ging damals alles viel zu schnell mit Soft Cell, und das überforderte uns. Nach dem Ende von Soft Cell wollte ich mit Tainted Love nicht mehr behelligt werden. Aber solche Geschichten einer Hassliebe können auch viele andere Musiker erzählen, die einen Hit haben, der ihr Leben zu überstrahlen scheint. Irgendwann muss man als Musiker lernen, seine Erfolge zu würdigen.

ZEITmagazin: Wann entspannte sich Ihr Verhältnis zu diesem Song?

Almond: Mit den Jahren akzeptierte ich, dass ich einen Weg finden musste, mit ihm zu leben. Er würde sich ja nicht in Luft auflösen. Im Radio läuft der Song heute noch ständig, auch in Fernsehserien, Werbeclips, manchmal sogar im Kino. Hätte ich nicht gelernt, ihn wieder in mein Herz zu schließen, wäre ich bestimmt untergegangen.

ZEITmagazin: Ein Journalist hat Sie einmal als eine "Katze mit neun Leben" bezeichnet. Erkennen Sie sich in dieser Beschreibung wieder?

Almond: Ich habe viel erlebt und überlebt. Es gab immer wieder Situationen, in denen nicht klar war, ob ich sie heil überstehen würde. Aber jetzt sitzen wir zwei ja hier. Man sieht es mir vielleicht nicht an, aber ich bin hart im Nehmen – ich bin ein Überlebenskünstler. Ich werde im Juli sechzig, und wenn ich auf mein Leben zurückblicke, wird mir aus der Distanz heraus klar, wie oft es für mich wirklich eng geworden ist, in meiner Karriere und auch sonst in meinem Leben. Nehmen Sie den schlimmen Motorradunfall, den ich 2004 hatte. Danach lag ich lange im Koma, und dass ich nicht gestorben bin, ist ein Wunder. Es dauerte lange, aber ich bin dann doch, allen Prognosen zum Trotz, wieder aufgestanden. Ich bin wie eine Kakerlake – selbst nach einem Atomschlag würde ich noch irgendwo herumkrabbeln.

ZEITmagazin: Hat dieser Unfall Ihr Leben verändert?

Almond: Dieses drastische Erlebnis hat entgegen anderslautenden Gerüchten keine pseudoreligiösen Wiederauferstehungsgefühle in mir freigesetzt. Aber ich genieße seitdem tatsächlich meine Arbeit mehr. Im Krankenhaus sehnte ich mich danach, auf die Bühne zurückzukehren. Ich war beseelt von dem Gefühl, einfach nur am Leben zu sein. Dazu kam der Wunsch, sich noch mehr Mühe bei allem zu geben. Es ging dabei nicht so sehr um meine "Karriere", sondern eher darum, noch mehr Dinge auszuprobieren.

ZEITmagazin: Hätten Sie als Teenager gedacht, dass Sie Ihren 60. Geburtstag erleben würden?

Almond: Nein, das hielt ich lange für ausgeschlossen. Und für mich klingt "sechzig" immer noch seltsam. Ich fühle mich nicht wie sechzig, auch wenn ich es jetzt bald bin. Aber seien wir ehrlich, man denkt in meinem Alter mehr über den Tod nach. Ich glaube, der Schauspieler Ian McKellen hat mal gesagt: "Ab einem gewissen Alter dreht sich jeder dritte Gedanke um den Tod." Das stimmt. David Bowie war 69, als er voriges Jahr starb. Ich habe den Eindruck, dass es mit Ende sechzig eng wird. Siebzig scheint eine magische Zahl für Musiker zu sein, da verläuft die Grenze für Musiker, die in ihrer Jugend die Puppen tanzen ließen. Mir blieben demnach noch zehn Jahre. Dabei fühle ich mich im Kopf noch immer wie Ende zwanzig. Neulich war ich bei einem Black-Sabbath-Konzert und wunderte mich, dass dort so viele alte Leute rumstanden. Doch irgendwann dämmerte mir: Die sind alle so alt wie ich!

ZEITmagazin: Wie wichtig war David Bowie für Sie als Jugendlichen?

Almond: Bowie vermittelte mir früh eine Ahnung davon, was es bedeutet, ein Außenseiter zu sein. Ich war 16, als ich ihn das erste Mal auf einer Bühne erlebte. Ich war dafür mit ein paar Freunden von Southport, wo ich lebte, mit dem Zug nach Liverpool gefahren – in voller Bowie-Montur, geschminkt und verkleidet. Irgendwann gesellten sich ein paar harte Typen zu uns. Erst machten sie nur ein paar Witze, aber als wir aussteigen wollten, griffen sie uns an, hielten uns fest, schlugen und traten und beschimpften uns. Einer haute mir eine Bierflasche auf den Kopf. Wir schafften es dann, doch noch halbwegs unversehrt zu entkommen, auch wenn ich eine Platzwunde am Kopf hatte und ziemlich stark blutete. Dieses Erlebnis machte mir klar, dass man als Bowie-Fan eben aus dem Rahmen fällt und provoziert. Ich stand so unter Adrenalin, dass mir die Schläge vollkommen gleichgültig waren. Als Bowie dann im Konzert seinen Song Rock ’n’ Roll Suicide anstimmte, stürmte ich nach vorne zum Bühnenrand. Bowie sang "give me your hand, give me your hand", und ich reckte ihm meinen Arm entgegen. Bowie schaute mich an: Meine glitzernde Schminke war verlaufen, mein Gesicht war blutverschmiert von der Platzwunde – aber Bowie ergriff trotzdem meine Hand. Es war die perfekte Glamrock-Offenbarung.

ZEITmagazin: Seit wann hatten Sie das Gefühl, ein Außenseiter zu sein?

Almond: Das Gefühl hat mich mein Leben lang begleitet. Ich hatte ein angespanntes Verhältnis zu meinem Vater, der mir klarmachte, dass ich nicht seinen Erwartungen entsprach. Meine Eltern haben sich früh getrennt, und meine Teenagerjahre waren turbulent. In der Schule war ich einer der "Merkwürdigen". Dort wurde mir auch klar, dass man sich mit anderen Merkwürdigen zusammentun muss, um sich wehren zu können. Die Schule selbst empfand ich als völlige Zeitverschwendung und schwänzte viele Stunden. Stattdessen trafen wir uns mit unseren Außenseiterfreunden und hörten Platten von David Bowie, Roxy Music, Nico und T-Rex – das war der Außenseiter-Soundtrack meiner Jugend. Was ich wirklich über das Leben wissen musste, lernte ich nicht in der Schule, sondern vom Pop. David Bowie war eine verlässliche Quelle essenzieller Informationen, er sprach in Interviews über Ballett, Literatur, Kunst und Kino. Musikzeitschriften waren für mich wie Schulbücher.

ZEITmagazin: Nach der Schule gingen Sie auf eine Kunsthochschule in Leeds. Wie war es dort?

Almond: Das waren glückliche Jahre. Auf dem College fand ich wirklich zu mir selber.

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