Stoßstangen: Bella figura

Falls Sie ein Autoliebhaber sind: Bitte tief durchatmen und vorsichtig umblättern. Die Neapolitaner haben nämlich Besseres zu tun, als auf Stoßstangen, Lack und Blech zu achten. Von
ZEITmagazin Nr. 27/2017

Der Spaß beim Autoskooterfahren besteht ja vor allem darin, die anderen Skooter anzurempeln, also so oft wie möglich gegen die Stoßstange beziehungsweise den Gummiring des Vordermanns zu fahren. Leider findet das nicht jeder lustig. Deswegen kommt es am Autoskooterstand auf Volksfesten oft zu Pöbeleien und Prügeleien. Denn den Deutschen ist ihr Auto heilig – und sei es auch nur ein Autoskooter.

Wie wichtig manchen Menschen die Unversehrtheit des eigenen Fahrzeugs ist, hat der Fotograf Olaf Unverzart, der für uns zuletzt seine Großmutter in ihrem 100. Lebensjahr begleitete, selber erfahren. Vergangenes Jahr touchierte seine Freundin beim Ausparken in München die weiß lackierte Stoßstange eines Geländewagens. Drei Zeugen beobachteten sie dabei und informierten sofort die Polizei. Es folgten eine absurde Anzeige wegen Fahrerflucht und zwei Briefe von der Versicherung. Der Halter des Geländewagens ließ seine Stoßstange für 900 Euro ausbessern. Olaf Unverzart wurde als Wagenhalter versicherungstechnisch hochgestuft und war sprachlos über so viel Unverhältnismäßigkeit.

Autos sind in Deutschland nicht Gebrauchsgegenstände, sondern Statussymbole, die keine Gebrauchsspuren aufweisen dürfen. In Italien, dem Lieblingsreiseland der Deutschen, ist das ganz anders. In Städten wie Neapel bestimmen zerbeulte und zerkratzte Kleinwagen das Straßenbild. Versteht man auch sofort: In den engen, überfüllten Gassen berührt man beim Rangieren zwangsläufig die Stoßstangen anderer Fahrzeuge. Als Olaf Unverzart zusammen mit seiner Freundin kürzlich ein paar Tage (ohne Auto) in Neapel verbrachte, hat er die Spuren, die der neapolitanische Alltag auf den bunten Kleinwagen hinterlässt, für das ZEITmagazin fotografiert.

Die Bilder erzählen vom anderen Umgang mit dem Auto und wirken gleichzeitig wie sehr kleinteilige Filmstills. Man versucht sich doch sofort vorzustellen, wie es zu den Schrammen auf der rechten Seite des blauen Kleinwagens kommen konnte, zu den Wasserflecken auf der Motorhaube des rosaroten und den Dellen im schwarzen. Man fängt an, Szenen nächtlicher Verfolgungsjagden durch viel zu enge Straßen zu entspinnen, und denkt an romantische Stunden am Golf von Neapel, an wilde Hochzeitsfeste mit Autokorso und Proseccoduschen oder an alberne Streiche und leidenschaftliche Wutausbrüche an heißen Nachmittagen. Schon klar: Diese Szenen sind natürlich furchtbar klischeebeladen. Aber die Lässigkeit, für die sie stehen, bestimmt den Alltag der Italiener ja tatsächlich. Die meinen das mit der Süße des Lebens wirklich ernst.

Und wäre das nicht auch ein Stück Lebensqualität, wenn wir, im nicht ganz so lässigen Deutschland, kleine Macken an unseren Autos ein wenig lieben lernen könnten?

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