Das war meine Rettung: "Sprache als Fluchtauto, als Lungenmaschine, als Flammenwerfer"

Als er jung war, fühlte sich Andreas Altmann als Versager. Später nahm er als Autor Rache für viele Demütigungen. Von
ZEITmagazin Nr. 28/2017

ZEITmagazin: Herr Altmann, in Ihrem Buch Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend haben Sie Ihre Kindheit in Altötting beschrieben, Ihren prügelnden Vater, Ihr Leiden am Katholizismus – und wie Sie selbst aus diesem Leiden herausfanden. Haben Sie ein Rezept gegen Krisen?

Andreas Altmann: Ich erinnere mich täglich mehrmals daran, dass ich vergänglich bin. Und da ich das Versprechen eines Nachlebens für Hokuspokus halte, ist das Rezept stets tauglich.

ZEITmagazin: In allen Ihren Büchern taucht das Motiv des Helden auf, der sich selber hilft.

Altmann: Ich war bis zu meinem 38. Lebensjahr ein Versageroder – so nannte mich mein Vater, wenn er besonders schlecht gelaunt war – ein "Totalversager". Und irgendwie hatte er recht, denn ich war, noch weit über seinen Tod hinaus, an zwei Dutzend Berufen, an drei Studiengängen, an dreizehn psychotherapeutischen Behandlungsversuchen gescheitert. Aus dieser Situation hat mich nur eine Sache gerettet: Ich habe – über die rätselhaften Umwege des Unbewussten und der Lebensumstände – die deutsche Sprache entdeckt. Als Heilsalbe, mit der ich meine Wundstellen betupfe. Sprache als Fluchtauto, als Lungenmaschine, als Flammenwerfer. Schreiben auch, um Rache zu nehmen an denen, die mich so lange demütigten. Keine Liebe, keine Therapie, keine Lottomillionen hätten mich über ein Leben als Niete hinweggetröstet. Nichts, nur sie, die Sprache, war imstande, mich aus dem Sumpf eines ziellosen, eines verlorenen Daseins zu ziehen.

ZEITmagazin: Wie wurde aus dem angeblichen Versager plötzlich ein Autor?

Andreas Altmann: Von einem Tag auf den anderen – ich hatte einen Bericht über eine Reise durch China an Geo geschickt – wurde ich Reporter, und sogleich anschließend für fast alle großen Zeitungen und Zeitschriften. Ich hatte plötzlich Glück, traf die richtigen Leute, den richtigen Ton, war zur rechten Zeit zur Stelle. Fairerweise sollte ich noch erwähnen, dass die Therapien mir immerhin "über den Tag" geholfen haben. Mir ging es so dreckig, dass ich das Am-Leben-Sein nicht ausgehalten hätte ohne sie. Sinnigerweise hörten sie auf, sobald Schreiben mein, so nannte es die Schriftstellerin Hilde Domin, "unabnehmbares Zuhause" wurde, sprich, andere meine Arbeit anerkannten, ja – einsames Hochgefühl – Geld dafür herausrückten.

ZEITmagazin: Gibt es jemanden, dem Sie besonders dankbar sind?

Altmann: Natürlich gab es Frauen und Männer, die mich förderten, die mochten, was ich als Reporter ablieferte, die mich in alle Himmelsrichtungen schickten, um Geschichten zu finden und sie aufzuschreiben. An jeden Einzelnen von ihnen werde ich mich bis zu meinem letzten Schnaufer mit Innigkeit erinnern.

ZEITmagazin: In Ihrem neuen Buch gibt es eine Szene in einem Krankenhaus in Bangladesch, da besuchen Sie Frauen, die von eifersüchtigen Männern mit Säure entstellt wurden. Sie schreiben: "Das Hirn hat eine Festplatte, die man nicht löschen kann. Und das Herz funktioniert ähnlich." Wie bewältigen Sie solche Situationen, in denen es keine Hilfe gibt?

Altmann: Ich nehme sie hin, mit dem Vermerk, dass das Leben eine Hure ist. Die einen führen eine Existenz voller Swing, die anderen ziehen von einem Desaster ins nächste. Der höhere Sinn dieser Zustände ist mir bis heute nicht eingefallen.

ZEITmagazin: Sie halten, erklärtermaßen und herkunftsbedingt, nicht viel von Jesus Christus als Erlöser. Haben Sie Verständnis dafür, dass andere Menschen immer noch auf ihn hoffen?

Altmann: Lassen Sie mich einen jüdischen Schriftsteller zitieren, der die feinsten KZ-Adressen überlebt hatte und den ich in Australien befragte, von wegen Herrgott und Zuflucht: "Wissen Sie, irgendwann hat auch der Hartnäckigste in unserer Baracke in Birkenau verstanden, dass Gott nicht existiert."

ZEITmagazin: Haben Sie selber wirklich nie um Rettung gebetet?

Altmann: Sorry, bei der Frage muss ich lachen und an meine Mutter denken. Ach, was hat die gute Frau hinauf in den Himmel gewimmert, und zum Dank ist sie im Laufe ihres erstaunlich trostlosen Lebens gleich dreimal gestorben: einmal als Schönheit, einmal als Ungeliebte, einmal als Demenzkranke.

ZEITmagazin: Wer ist Ihre liebste Rettergestalt in der Realität?

Altmann: Nelson Mandela. Bevor ich ihn interviewen konnte, habe ich – vor ihm – geheult, so ergriffen war ich.

Das Gespräch führte Evelyn Finger. Sie gehört neben der Fotografin Herlinde Koelbl, dem Psychologen Louis Lewitan, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer Gesprächsreihe.

Kommentare

5 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren
Thoorwald
#4  —  12. Juli 2017, 19:06 Uhr

Na, wenn er das glaubt, das man sich mit Labern von den Geistern der Vergangenheit befreien kann, ist er tatsächlich ein Denk-Versager.

Man muss den Weg des Neukonditionieren gehen. Als erste Übung jeden Tag reflektieren: "Ich bin kein Versager". Darüber nachdenken, was Versagen ist. Wenn man dann erkennt, das man nur ein Marionette war, der die Wertbindungen anderer als absolut ansah, ist man schon den ersten Schritt des Weges weiter. Dann kommt das Schwierigste: seine eigenen Werthaltungen aufzubrechen. Dass heisst nämlich, sein Selbst aufzugeben. Damit geht man auf eine Wanderung, bei der nicht unbedingt ein Ziel wartet, das man sich wünscht.