Deutsch-türkische Beziehungen: Im diplomatischen Dienst

Wie steht es eigentlich um das Verhältnis zwischen Deutschen und Türken jenseits der Politik und der Diplomatie? Das wollten wir von Menschen wissen, die jeden Tag mit diesem Verhältnis zu tun haben: Freundinnen und Freunden. Von , , und
ZEITmagazin Nr. 28/2017

Fast täglich erreichen uns Meldungen, die bestätigen, wie schwierig das deutsch-türkische Verhältnis derzeit ist. Insbesondere im Vorfeld des G20-Gipfels in Hamburg. Die Beziehungen der beiden Länder sind geprägt von Provokationen, Verboten und Protesten. Zum Glück gibt es auch eine andere Seite dieses Verhältnisses: In deutschen Großstädten ist eine neue Generation Türkischstämmiger herangewachsen, die ihre eigenen Werte lebt – und enge Freundschaften mit Deutschen pflegt.

Dieses Modeheft handelt von solchen Freundschaften. Etwa von der besonderen Verbindung der Drehbuchautorin Anika Decker zu dem Schauspieler Numan Acar, der aus der Serie Homeland bekannt ist, beide leben in Berlin. Ihre Freundschaft zeigt, dass es auch in der sprunghaften Filmbranche unbedingte Loyalität geben kann. Oder die Beziehung zwischen dem DJ Cem Duran und dem Grafiker Fritz Schiffers, die gemeinsam in der Hauptstadt Partys organisieren. Sowie die Verbindung von Yasin Müjdeci und Michael Magg, die sich bei der Arbeit im Kreuzberger Geschäft Voo Store kennengelernt haben. Sie beweisen, dass Freundschaft nicht nur über Kulturen hinweg möglich ist, sondern auch über Hierarchiestufen hinweg – Müjdeci ist einer der Besitzer des Geschäfts, Magg ist dort angestellt. Wer sich mit den beiden unterhält, kann viel darüber lernen, wie es um das Verhältnis von Deutschen und Türken steht.

Nur persönliche Kontakte verhindern, dass wir uns Vorstellungen vom anderen machen, die lediglich auf der eigenen Weltsicht gründen. Im 19. Jahrhundert, als Europa im engen Wertekorsett der Kirche steckte und man die alte Ordnung wanken sah, war das Bild des "Orients" noch ein anderes. Man sah ihn als Ort der Unsittlichkeit, mit Harems voller Ausschweifungen, mit Unzucht und Drogenkonsum. Heute hat sich die Vorstellung vom Nahen Osten ins Gegenteil verkehrt: Nun erscheint er als ein Ort von sexueller Unterdrückung, Lust- und Vergnügungsfeindlichkeit und strikter Religiosität.

Beide Vorstellungen entsprachen natürlich nie ganz der Realität, und auch heute noch dient unser Türkei-Bild dazu, uns unserer eigenen Fortschrittlichkeit zu versichern. Viele Menschen glauben, einiges über die Türkei zu wissen, aber oft kennen sie keinen einzigen Türkischstämmigen.

Von Deutschen und Türken in Deutschland wird oft gesprochen, als lebten sie in getrennten Welten. Dabei gibt es längst deutsch-türkische Theater, deutsch-türkische Karnevalsvereine und deutsch-türkische Kunstakademien. Viele nehmen außerdem an, dass Türken im Vergleich zu anderen Migrantengruppen konservativere Ansichten hegen. Wie eine Studie der Uni Münster ergab, ist für die jüngste Generation der Türken der Islam tatsächlich wichtiger als für ihre Eltern. Einerseits spielt für junge Türken Religion also eine stärkere Rolle. Allerdings sehen sie sich trotzdem als Teil der deutschen Gesellschaft. Die überwiegende Mehrheit, 70 Prozent, attestiert sich selbst "einen starken Willen zur Integration". Zugleich fühlen sich 90 Prozent hier wohl. Das ist ermutigend. Die Türken in Deutschland sind diesem Land verbunden. Einem Land, in dem viele von ihnen kein Wahlrecht haben, aber Steuern zahlen.

Es wird den Türken außerdem häufig vorgeworfen, sie integrierten sich nicht genügend in den Arbeitsmarkt. Dabei wird vergessen, dass die Generation der sogenannten Gastarbeiter in Deutschland besondere Startprobleme hatte. In Berlin, wo viele Migranten leben, fanden Türken vor allem in Industriebetrieben Arbeit. Diese wurden zu Zeiten der alten Bundesrepublik stark subventioniert. Nach der Wiedervereinigung waren viele der Firmen nicht mehr rentabel, es kam zu Entlassungen. Etliche, die ihre Arbeit verloren, mussten sich mit Kleingewerben selbstständig machen. Die jüngste Generation tut sich leichter damit, erfolgreich zu werden. Und natürlich ist Berlin mit seiner großen türkischen Community bei dieser Entwicklung ganz vorn. In Kreuzberg gibt es Mustafas Gemüse-Kebab, vor dem Touristen zu jeder Tages- und Nachtzeit Schlange stehen. Die ebenfalls aus Kreuzberg stammende Wonderwaffel mit Filialen in ganz Deutschland ist ein Teenager-Hit – eine süße Waffel, nach dem Döner-Prinzip zubereitet. Sehr erfolgreich ist auch 7gün, bekannt für seinen Ayran, ein beliebtes Joghurtgetränk.

Wer miteinander arbeitet, lebt und feiert, lernt sich besser kennen. So entsteht Integration. Deswegen war es uns wichtig, nach Projekten zu suchen, die Gemeinsames schaffen. Und wir haben viel Gemeinsames gefunden. Dinge, die nicht deutsch sind, nicht türkisch. Nicht einmal deutsch-türkisch. Sondern einfach gut.

Tillmann Prüfer

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