Harald Martenstein: Über Geschlechterklischees

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 28/2017

Mein kleiner Sohn hat eine Puppe, sie heißt Mimi. Aber er spielt lieber mit seinem Bagger. An den Eltern kann das nicht liegen. Wir finden es immer total süß, wenn er Mimi in ihrem Kinderwagen herumschiebt oder ihr die Flasche gibt. Er tut es trotzdem immer seltener. Der Bagger ist der größere Hit. Manchmal sagt er, dass er lieber ein Mädchen wäre. Er wird auch oft für ein Mädchen gehalten. Wer weiß, was die Zukunft bringt? Eine Baggerführerin? Eltern haben das nicht in der Hand. Den Erwachsenen, in den ein Kind sich allmählich verwandelt, sollte man lieben und annehmen und fertig. Die Macht der Erziehung ist begrenzt.

Ich habe den Text einer Mutter gelesen, die ihrer Tochter, zwei Jahre, nur blaue Sachen anzieht. Auf keinen Fall rosa. Sie will "stupide Geschlechterklischees überwinden". Natürlich wird das Mädchen oft für einen Jungen gehalten. Rosa für Mädchen, Blau für Jungs, das ist halt ein Brauch. Es könnte genauso gut andersherum sein, oder es könnte heißen: Grau für Mädchen, Beige für Jungs, oder Lila für alle. Diese Farben sind so was wie der Weihnachtsbaum oder die Farbe Schwarz bei Beerdigungen. Man könnte an Weihnachten natürlich auch einen fetten, alten Ziegenbock schmücken und bei Beerdigungen ein Hasenkostüm tragen, alles nur Konvention. Ändern würde sich dadurch wenig. In der Übergangsphase gäbe es Irritationen, und im Wohnzimmer läge statt der Tannennadeln Ziegenkot herum. Das ist alles. Man kann sich diese Mühe sparen.

Wenn Leute ihre Tochter für einen Jungen halten, dann, schreibt die Autorin, "will ich nur noch schreien und weinen". Na ja, das klingt schon auch ein bisschen nach Geschlechterklischee, oder? Da würde ich der Mutter raten, selber das weibliche Klischee zu verlassen und den Leuten, die zu ihrer Tochter sagen: "Was für ein süßer Bub", einfach eine Flasche Bier über den Kopf zu schütten, da hätte sie das stupide Geschlechterklischee jedenfalls überwunden. Ich kann solche Eltern nur dann ernst nehmen, wenn auch der Vater einen Rock und Lippenstift trägt und die Mutter mindestens einen fetten Siegelring und ein Trucker-Tattoo, ansonsten ist das Larifari. Die Eltern benutzen das Kind doch nur, um mithilfe des Kindes auf möglichst bequeme Weise ihre Gendergesinnung zu demonstrieren.

Es ist unlogisch, gegen Geschlechterklischees zu protestieren, indem man das Klischee einfach umdreht und einen Jungen rosa anzieht. Dann entspricht er halt dem entgegengesetzten Klischee. Logisch wäre es, neutrale Farben zu nehmen, Gelb, Grün, was weiß ich. Nun, das mag jedes Elternpaar halten, wie es will. Jeder darf jederzeit gegen Konventionen verstoßen. Aber wenn man zum Bewerbungsgespräch in Shorts erscheint und die Leute gucken irritiert, sollte man nicht gleich anfangen zu weinen. Das wäre mein Tipp.

Ein Kind wird der Mensch, der es ist. Nur brutale Unterdrückung kann es daran hindern, oft scheitert sogar das. Viele Homosexuelle, vor allem ältere, dürften in Elternhäusern aufgewachsen sein, die von ihrer Neigung nicht begeistert waren. Umgekehrt werden die Kinder homosexueller Paare genauso oft hetero wie andere Kinder auch. Die 68er stammten oft aus Nazifamilien. Die heutigen Gesundheitsfanatiker sind nicht selten zwischen Zigarettenrauch und Raviolidosen aufgezogen worden, ohne Helm und ohne Gurt. Jedes Kind wird in ein Milieu und in Bräuche hineingeboren, aber am Ende triumphieren häufig die Gene, oder was auch immer, und du wirst der Mensch, der du bist. Erziehung hinterlässt Spuren, allmächtig war sie nie. Und das ist, hier passt der olle Klischeesatz wirklich mal, auch gut so.

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Kommentare

6 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Hmm, also "argumentieren" kann man viel, und ich denke einige Auswüchse der Gender-Bewegung muss man weder ernst nehmen noch unterstützen.

Aber was meinen sie denn mit extremen Kritikern? Was will man denn ernsthaft mit jemanden diskutieren der wieder hinter eine vollständige rechtliche(!) Gleichstellung zurückwill ? Die Frau ist dem Manne selbstverständlich weder Untertan, noch rechtlich sonstwie nachrangig zu behandeln, egal ob es jetzt um das Wahlrecht geht, oder um so Dinge wie eigenständig den Arbeitsvertrag zu unterschreiben. Da kann es unter zivilisierten Menschen m.E. keine zwei Meinungen geben.

Lieber Herr Martenstein,

ich lese Ihre Kommentare gerne und meistens mit als ersten Artikel bei Erscheinen der ZEIT. Ich mag Ihren Standpunkt und wie Sie ihn formulieren, in den meisten Fällen bringen Sie mich damit zum Schmunzeln, auch wenn ich häufig nicht Ihrer Meinung bin.

Aber. Ihre Annahme, dass jeder Mensch der wird, als der er oder sie geboren wird, ist für mich eine unsägliche und vollständig haltlose Aussage! Sie ignorieren jegliche Erkenntnisse der Psychologie, Soziologie und Erziehungswissenschaft! Traumata, Bildung, Vorbilder, Lebensumstände, sozioökonomische Verhältnisse, die soziale Aufstiege verhindern (nachgewiesenermaßen!) - alles vollkommen egal, weil jeder Mensch wird wie er ist? Ist das wirklich Ihre Annahme? "Ich wurde jahrelang von meinen Eltern verprügelt. Aber egal, jetzt werde ich einfach der, der ich bin. Schwupps, abgehakt, weitergemacht wie geboren."

Ihr Aufhänger - ein weiterer schmunzelnd ablehnender, nicht ernstzunehmender Kommentar zu Gendergerechtigkeit - geschenkt! Aber Ihre Argumentation dazu hinkt wie ein dreibeiniger Hund.