Gesellschaftskritik: Über Gesichter

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Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 28/2017

"Zieh doch nicht so ein Gesicht! Da kann man ja Angst kriegen", "Lach doch mal!" – Kinder müssen sich solche Ermahnungen anhören. Und Angela Merkel, obwohl sie schon fast 63 Jahre alt ist. Ihre nach unten zeigenden Mundwinkel sind, seit sie Kanzlerin ist, also seit Menschengedenken, Gegenstand von mehr oder weniger hämischen Kommentaren. Auch im jüngsten Gespräch mit der "Brigitte" wurde sie gefragt: "Man kann Ihr Gesicht vergleichsweise gut lesen. War es nie Ihr Ehrgeiz, sich mal so ein Pokerface ancoachen zu lassen?"

Wohin wir schauen, sehen wir heute Pokerfaces. Wer zeigt schon sein wahres Gesicht? Trump und Putin etwa scheinen überhaupt nur einen Gesichtsausdruck im Schrank zu haben: die versteinerte Miene des entschlossenen Häuptlings, der sich den Weg frei kämpft, koste es, was es wolle. Auf der anderen Seite die ewigen Grinsekatzen – eher im Unterhaltungsgeschäft als in der Politik anzutreffen. Den echten Gesichtsausdruck gibt es fast nur noch im Privatleben, und auch dort wird er seltener. Jede Mimik, die nicht Stärke oder Glück (bei Geistlichen und Bundespräsidenten auch Weisheit) signalisiert, wird für eine unzumutbare Entgleisung gehalten.

Wo ist sie hin, die schöne offene Ratlosigkeit im Blick des Gegenübers, die sich nicht in Sekundenbruchteilen schon wieder in Entschlossenheit verwandelt? Wo ist die Melancholie geblieben, die nicht erklärt werden muss, wo der blanke Hass und der unsägliche Überdruss? Verschwunden, vielleicht wegoperiert in einem Abwasch mit den großen Nasen, den Warzen und Leberflecken, den Hängelidern und den Zornesfalten. Alles sieht immer gleicher aus, nicht nur die Innenstädte und die Flughäfen, auch die Gesichter. Außer in Dokumentationen über die Mongolei oder in Filmen von Aki Kaurismäki – wohin man schaut, nur noch genormte Gesichter, die signalisieren, was vermeintlich gesellschaftlich gefragt ist: Frohsinn, Überlegenheit, Durchsetzungsvermögen.

"Ich hab das aufgegeben", sagte Merkel auf die Frage, ob sie sich nicht mal ein Pokerface zulegen wolle. "Ich kann’s nicht! Es ist bitter, aber ich kann es nicht. Und das Zweite, worunter ich manchmal leide: Wenn ich nicht spreche, gucke ich schnell gelangweilt."

Ja, Frau Merkel, das können wir bestätigen. Aber das macht nichts. Bitte schauen Sie weiter so. Es ist so wohltuend.

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