Stilkolumne: Glänzende Darbietung

Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 28/2017

Der Satin ist in gewisser Hinsicht ein dramatischer Stoff, denn er hat einen steilen Aufstieg hinter sich – und einen tiefen Fall. Seinen Namen soll er von der chinesischen Hafenstadt Zaytoun haben, schließlich wurde das Satin-Gewebe schon vor über 2.000 Jahren in China erfunden. Nach Europa kam es im Mittelalter. Die Webart des Satins ist sehr aufwendig, er hat eine glatte, glänzende Oberfläche und eine matte Rückseite. Ursprünglich war der Stoff dem Adel vorbehalten, für andere Teile der Bevölkerung wäre er kaum erschwinglich gewesen: Bis zur Erfindung von Kunstfasern war die Produktion von Satin sehr teuer, da eine große Menge an Seiden- und dünnen Baumwollgarnen benötigt wurde. In der späten Renaissance verbreitete sich das Gewebe von Italien nach Spanien, in die Niederlande, nach Frankreich und England. Es kamen verschiedene Varianten des Satins auf, etwa schwerer Duchesse-Satin, fließend-kühler Crêpe-Satin oder Baumwoll-Satin.

Vom 19. Jahrhundert an wurde Satin häufig für Brautkleider verwendet. Auch entwickelte er sich zu dieser Zeit zum beliebten Textil für hochwertige Unterwäsche. Mittlerweile waren die Materialien zugänglicher, doch noch immer verband man den glänzenden Stoff mit dem Allerfeinsten – und zunehmend auch mit Erotik. Seinen Höhepunkt hatte der Satin vielleicht als Bettlaken um die Lenden von Richard Gere in dem Film American Gigolo. Erotischer konnte es kaum werden. Und dann wurde es billig. Denn durch die Etablierung der Kunstfasern konnte man nun auch einen Satin weben, der wesentlich günstiger war. So wurde der Satin gewissermaßen zur Seide des kleinen Mannes.

Audrey Hepburn etwa zeigte sich als verarmtes New Yorker Partygirl in dem Kultfilm Frühstück bei Tiffany 1961 im kleinen Schwarzen mit langen Satin-Handschuhen. Seitdem glänzen Roben, Oberbetten und Unterhosen – doch stets sind sie dem Verdacht ausgesetzt, es sei hier nicht Seide verwebt, sondern ihre kleine Schwester Polyester. Das hatte zur Folge, dass Satin schnell als genauso billig angesehen wurde, wie man ihn zuvor für wertvoll gehalten hatte. Schon als Madonna eine von Jean Paul Gaultier entworfene Korsage aus Satin trug, war dies ein Dialog des Superbilligen mit dem Superexklusiven. Mittlerweile hat sich der Satin von seinem Abstieg erholt: In der Cruise-Collection von Armani wird er sportlich in Form einer Hose mit Sneakers interpretiert. Und bei Balmain ist ein Satin-Mantel dabei, der ein bisschen an einen Morgenmantel erinnert, was wiederum ein bisschen an Richard Gere erinnert, was schon fast ein bisschen zu viel ist.

Foto: Peter Langer / Seide für Arme jetzt auch für Reiche: Satin-Hose von Armani

Kommentare

1 Kommentar Kommentieren