Ich habe einen Traum: Ulli Köppe

"Dass so eine einfache Frage eine solche Welle auslösen würde, hätte ich nie zu träumen gewagt"
Aus der Serie: Traumstück ZEITmagazin Nr. 28/2017

Darf ich meinen Freund irgendwann Ehemann nennen, wenn ich ihn denn heiraten möchte? Dass eine so einfache Frage eine solche Welle auslösen würde, hätte ich nie zu träumen gewagt, und es war auch nicht meine Absicht. Eine Freundin hatte mir Karten für eine Talkrunde mit Angela Merkel geschenkt, und ich wollte sie einfach nur mal live erleben. Dass ich in einer offenen Fragerunde tatsächlich die Gelegenheit bekommen habe, mich zu Wort zu melden, erscheint mir immer noch unwirklich.

Schon lange träume ich allerdings davon, meinen Freund eines Tages als meinen Ehemann bezeichnen zu dürfen. Ich will einfach das gleiche Recht dazu haben wie heterosexuelle Paare auch. Mein Freund denkt in dieser Sache anders, er findet die bisherigen Regelungen ausreichend. Hätte er von meiner Frage vorab gewusst, hätte er mich mit Sicherheit daran gehindert, sie zu stellen. Zwölf Jahre sind wir mittlerweile zusammen, und gern würde ich ihn heiraten. Ich will ihn aber nicht als meinen eingetragenen Lebenspartner bezeichnen, der Begriff ist mir zu abstrakt. Jeder Schwule nennt den Partner an seiner Seite seinen Mann.

In meinen Träumen habe ich mich nie als einen politischen Menschen gesehen. Ich habe mich nie in einer Partei engagiert, ich war nirgendwo Mitglied. Aber ich war immer politisch interessiert. Schon als Jugendlicher habe ich viel gelesen, das heute-journal ist für mich nach wie vor Pflichtprogramm.

Mit 16 bin ich nach Berlin gezogen. Berlin war für mich ein Sehnsuchtsort, an dem jeder so sein darf, wie er will. Mir imponierte die Lässigkeit der Stadt. In meinen Träumen war das Leben in Berlin verrückt und bunt und voller Möglichkeiten. Ich hatte das Gefühl, dort besser aufgehoben zu sein, auch wenn ich daheim in Thüringen nie schlechte Erfahrungen gemacht hatte.

Noch heute träume ich manchmal von meiner Abschiedsparty im Garten meiner Eltern. Es kamen unglaublich viele Leute, sie gaben mir das Gefühl, gemocht zu werden. Trotzdem hatte ich keine Angst davor zu gehen. Mir war bewusst, dass für mich ein neuer Lebensabschnitt beginnen würde. Meine Eltern und meine Schwester brachten mich dann nach Berlin, ich bezog eine kleine Wohnung in einem Plattenbau. Zum Abschied heftete meine Mutter eine handgeschriebene Bedienungsanleitung an die Waschmaschine und entließ mich damit ins Leben.

Seit meiner ersten Nacht in Berlin träume ich viel, ich sehe das als eine Art Aufarbeitung meiner Erlebnisse, dadurch geht es mir sehr gut – ich bin im Reinen mit mir. Nur in den letzten Tagen bin ich kaum zum Schlafen gekommen, weil ich nach meinem Talkshow-Auftritt bis in die Nacht hinein Mails beantwortet habe. Mir hat zum Beispiel ein Paar aus München geschrieben, das seit 25 Jahren zusammen ist und das mit Sicherheit mehr Kämpfe für die Homo-Rechte auszutragen hatte als ich. Sie bedankten sich bei mir für das, was ich ins Rollen gebracht hatte. Das fand ich schon etwas schräg, aber gleichzeitig habe ich mich darüber sehr gefreut und ihnen geantwortet: Danke, aber ich hatte doch nur mal eine Frage.

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