Fitness: Jetzt nicht schlapp machen

ZEITmagazin Nr. 29/2017
Sie treiben mehr Sport als vor 20 Jahren, das sagen sie zumindest – und sie sind gesünder. Aber sind die Deutschen auch fit? Und was bedeutet das überhaupt: Fit sein? Von

Um einschätzen zu können, wie fit jemand ist, braucht Thomas Zoellner meist nur einen Blick. Wie steht er da? Das ist für den Berliner Physiotherapeuten die wichtigste Frage.

Was er sieht, ist oft nicht schön: Bei vielen seiner Patienten ist der Rücken rund, die Schultern sind eingesackt, und das Kinn ist nach vorne geschoben. "Das sind die, die zu viel am Computer sitzen." Bei anderen, in Zoellners Praxis auch oft anzutreffen, sind die Knie nach innen gedreht. "Das sind die mit den Knick- und Senkfüßen."

Um die Füße gesund und kräftig zu halten, müsse man sehr viel barfuß laufen, am besten auf Sand, sagt Zoellner. Das schaffe natürlich keiner – weshalb heute fast jeder Knick- und Senkfüße habe. So wie jeder, der am Computer arbeite und nicht ständig darauf achte, den Rücken durchzudrücken, irgendwann zu einer buckligen Gestalt werde.

In seinem Büro, in dem nur Schreibtisch und Behandlungsliege stehen, zeigt Zoellner auf ein Poster mit dem Querschnitt einer Wirbelsäule. Die schöne S-Kurve, bei natürlicher aufrechter Haltung normal, sei "leider selten geworden." Von Zoellners Behandlungsraum aus gesehen sind die Deutschen ein Volk von Krummen.

Zoellner ist ein durchtrainiert wirkender Mann im schwarzen Polohemd, 45 Jahre alt. Er war mal Leistungssportler, DDR-Meister im 4 x 100-Meter-Staffellauf. Damals verletzte er sich so oft, dass er sich entschied, Physiotherapeut zu werden. Seit 1994 arbeitet er bei Sport-REHA, einer ambulanten Rehabilitationsklinik in Berlin-Marzahn, zum Zeitpunkt des Gesprächs ist Zoellner hier Geschäftsführer. Seit Kurzem arbeitet er selbstständig.

Die Räume sind vollgestellt mit Kraftmaschinen, es sieht aus wie in einem Sportstudio. Jetzt, um die Mittagszeit, trainieren fast nur ältere Leute. Mit seinen Kollegen betreut Zoellner 100 Patienten am Tag. Nach mehr als zwei Jahrzehnten hat er einen ganz guten Überblick, wie die Beschwerden der Leute sich im Lauf der Zeit verändert haben.

Also: Wie fit sind die Deutschen? Und was bedeutet das: fit sein? Für Zoellner ist die zweite Frage leichter zu beantworten: "Am wichtigsten ist, dass einer keine Schmerzen hat und sich ohne Einschränkungen bewegen kann."

"In Form sein" nimmt Zoellner wörtlich: Hält die Muskulatur den Körper stabil? Ist die Haltung aufrecht, der Körper symmetrisch? Als Physiotherapeut hat er alltagspraktische Vorstellungen von Fitness. Er schaut darauf, ob jemand ausgewogen trainiert und für sein Alter hinreichend beweglich ist. Sportwissenschaftler würden hinzufügen, es komme ebenso auf Ausdauer an wie auf die Fähigkeit zur Koordination. Das ist die breitere Definition von Fitness.

In seinem Behandlungsraum stellt Zoellner fest: Der Anteil jener Kunden, die in körperlich schlechtem Zustand sind, wird immer größer. Und sie werden immer jünger. "Die meisten meiner Patienten leiden an muskulären Dysbalancen, weil sie zu viel sitzen, eine schlechte Körperhaltung haben und zu wenig Sport treiben." Ihre Körper sind Gebäude, in denen die Statik nicht stimmt: Die meisten Wände sind zu dünn. Bei Freizeitsportlern sehe das oft nicht besser aus, weil die nur Sportarten ausübten, die ihnen Spaß machen. Wenn aber schwache Muskeln viel Körpermasse tragen müssen, verspannen sie sich, und die Bandscheiben werden ungleichmäßig belastet. Vor allem der Rücken leidet – "ein riesiges Problem", sagt Zoellner. Praktisch jeder über Dreißigjährige, der zu ihm kommt, habe schon mal Rückenschmerzen gehabt.

Diese Schmerzen sind auch die häufigste Krankheitsdiagnose in deutschen Arztpraxen; jeder Vierte lässt sich wenigstens einmal im Jahr deshalb behandeln. Fast viermal im Jahr sucht der gesetzlich Versicherte im Durchschnitt Rat und Hilfe bei einem Physiotherapeuten. Zoellner arbeitet also in einer boomenden Branche, was auch daran liegt, dass die Deutschen immer älter werden.

Statistiken zufolge sind sie indes gesünder als noch in den neunziger Jahren – und auch sportlicher. Laut einer neuen Studie des Berliner Robert Koch-Instituts mit Daten aus den Jahren 2014 und 2015 rauchen sie weniger, haben einen niedrigeren Blutdruck und Cholesterinspiegel und treiben öfter Sport; allerdings hat im selben Zeitraum der Anteil stark Übergewichtiger zugenommen.

Laut dem Deutschen Olympischen Sportbund haben die Turn- und Sportvereine heute 27,5 Millionen Mitglieder. 10,1 Millionen Deutsche sind Kunden von Fitnessstudios – alle Fußballvereine zusammen ziehen weniger Leute an. Männer machen mehr Sport als Frauen, Gebildete deutlich mehr als weniger Gebildete, das ist zumindest das Ergebnis von Umfragen. Fast die Hälfte aller Deutschen sagen, sie bewegten sich jede Woche in ihrer Freizeit wenigstens zweieinhalb Stunden lang so, dass sie ins Schwitzen geraten. Sie folgen damit einer Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation. In Europa gehören die Deutschen zum sportlichsten Drittel.

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