Stilkolumne: Die Farbe der Macht

Aus der Serie: Stilkolumne ZEITmagazin Nr. 29/2017

Die Menschheit hat der Fähigkeit, Farben voneinander unterscheiden zu können, viel zu verdanken. Unseren urmenschlichen Vorfahren war es dadurch möglich, rote Früchte an Bäumen zu erkennen und rote Beeren im Gebüsch. Uns hilft sie heute, rote Schuhe von anderen zu unterscheiden, was diesen Herbst verstärkt vorkommen wird: Miuccia Prada hat rote, mit Federn verzierte Sandaletten in ihrer Kollektion, Victoria Beckham setzt auf rote Stiefel im Siebziger-Jahre-Look, und bei Givenchy sind High Heels im roten Lack-Look zu sehen.

Bei Männern tauchen rote Schuhe heute praktisch nicht mehr auf, dabei waren sie einmal eine reine Herrensache von höchstem Symbolwert. Im 17. Jahrhundert etwa galten rote Schuhe als Zeichen der Macht: Während der Regierungszeit Ludwigs XIV. war es nur Mitgliedern der königlichen Familie und Aristokraten erlaubt, Schuhe mit roten Absätzen zu tragen. Dieses Monopol war damals leicht durchzusetzen, denn leuchtend rote Farbe war unerschwinglich. Um sie herzustellen, mussten Cochenilleschildläuse aus Mexiko importiert und zerrieben werden.

Die Entmachtung des französischen Adels tat der mexikanischen Blattlaus gut, der Popularität des roten Herrenschuhs hingegen nicht so sehr. Bis heute ist er eine Ausnahme-Erscheinung, von Sportschuhen mal abgesehen. Ein Mythos blieb er dennoch. In Hans Christian Andersens Märchen Die roten Schuhe beispielsweise treiben rote Schuhe die Hauptfigur in die Qual endlosen Tanzens. Auch im Filmklassiker The Wizard of Oz aus dem Jahr 1939 haben rote Schuhe magische Wirkung. Noch in den achtziger Jahren forderte David Bowie in Let’s Dance dazu auf, rote Schuhe anzuziehen und Blues zu tanzen: "Put on your red shoes and dance the blues". Und in jüngerer Zeit sorgte Papst Benedikt XVI. mit feuerrotem Schuhwerk für Aufsehen. Rote Schuhe gehören zur Standardgarderobe eines Papstes, die markante Farbe soll an das Blut und die Kreuzigung Christi erinnern. Anders als seine Vorgänger entschied sich Benedikt für ein besonders auffälliges Rot.

Doch ansonsten gehört der rote Schuh heute ganz an den Fuß der Frau. Und die Mode-Industrie tut ihr Möglichstes, ihn weiter zu kultivieren. Verdient gemacht haben sich dabei vor allem die Schuhdesigner Manolo Blahnik, Roger Vivier und Christian Louboutin. Letzterer klagte 2011 sogar gegen die Marke Yves Saint Laurent, um für sich das alleinige Recht zu reklamieren, Schuhe mit roten Sohlen zu fabrizieren. Das Haus YSL konterte, Schuhe mit roten Sohlen beziehungsweise roten Absätzen habe es schon zu Zeiten von Ludwig XIV. gegeben und sie hätten damit eine lange Tradition. Das Argument überzeugte den Richter.

Foto: Peter Langer / Schön rot: High Heels von Givenchy

Kommentare

5 Kommentare Kommentieren

Sind Sie mit der Assoziation der päpstlichen roten Schuhe als Symbol des Blutes Christi sicher? Ich hatte die päpstlichen roten Schuhe immer in der Nachfolge der "Schuhmode" der legendären Könige von Alba Longa gesehen, mithin also als weithin sichtbares Symbol des päpstlichen Anspruches der Herrscher der ewigen Stadt zu sein. Im Übrigen hat diese Reminszenz an die Könige von Alba eine noch viel ältere Tradition als etwa die roten Schuhe Louis XIV. - schon Caesar nutzte sie in seinem Anspruch die römische Republik zu überwinden und zur Krone zu greifen...

... und die Althistoriker nicken zustimmend mit dem Kopf, während die katholischen Kirchenhistoriker ihre Stirn in Falten legen und lieber die theologische Umdeutung eines cäsaropapistischen Symbols sehen möchten. Die hochvornehme Julier-Familie, der Caesar angehörte, wollte tatsächlich aus Alba Longa abstammen (dort, wo heute die päpstliche Sommerresidenz Castel Gandolfo steht). Die roten Schuhe allerdings waren auch andernorts im antiken Italien Markenzeichen etruskischer Könige und ihrer Leibgarden (als Standeszeichen; s. apulische Vasenmalerei 6.Jh., Grabfunde im etruskischen Veji), in der frührömischen Republik wurden sie von Amtsträgern übernommen (calcei mullei, rot besudelte Halbstiefel - man kann sich denken, warum gerade Rot) und galten als senatorische Fußbekleidung, keineswegs nur Alleinstellung für den Triumphalornat, den Caesar bei seiner Ermordung trug.

Gewiß, das imperiale Purpur aus Phönizien war unglaublich teuer (weil "materialfressend") - und die Cochenille-Läuse kamen erst mit den spanischen Conquistadoren über den Atlantik . Aber zwischen Cäsar und Kaiser Karl V. - und natürlich auch längst vorher bei den frühen Etruskern - hat man mit anderem "Rot" gearbeitet, mit dem Sulfid Zinnober, noch mehr mit Eisenoxid, als "Minium" (heute Mennige). Das gesamte Mittelalter ist ohne "Miniaturen" auf Pergament gar nicht denkbar - woher sonst die "Rubriken"?!