Alternative für Deutschland Die Stunde der Gründer

Wie die anderen Gründer hat auch Bernd Lucke seine ganz eigene Erinnerung an den Tag in Oberursel: Zuerst hätten sie den Namen AfD beschlossen, allerdings habe die Diskussion darüber wieder von vorn begonnen und sei auch in den nächsten Tagen per Mail weitergegangen. Außerdem sei das Protokoll zum Teil falsch gewesen. Im Nachtrag habe ein weiteres Gründungsmitglied die Fehler darin redigiert, sagt Lucke. Dabei wurde auch der Name der Partei verändert – in Alternative für Deutschland und Europa. Als dies herauskommt, regt sich Widerstand unter den Gründern dagegen, dass dies in einer "nicht satzungskonformen Vorgehensweise" geschehen sei, wie Lucke es formuliert.

Anfang März 2013 trifft sich daraufhin der frisch gewählte Parteivorstand zu einer Krisensitzung in einem Hotel nahe dem Nürnberger Bahnhof. Die Stimmung ist aggressiv, mehrere Mitglieder wollen Lucke stürzen. Am Ende darf Lucke bleiben, aber das Protokoll wird berichtigt: AfD und nicht anders.

Wie sehr Europa-Kritiker und -Befürworter schon bei der Geburt der Partei miteinander gerungen haben, spiegelt die endgültige Satzung vom April 2013 wider. Die Partei heißt nun AfD, aber um die europafreundlicheren Gründer zu besänftigen, wird ein Kompromiss gefunden und der Satzung eine Präambel vorangestellt. In der heißt es, die Partei bejahe uneingeschränkt die in den Römischen Verträgen angelegte friedliche Einigung Europas.

Bis spät in die Nacht sitzt Lucke in dieser Anfangszeit am Schreibtisch im ersten Stock seines Reihenhauses in Winsen an der Luhe, 20 Kilometer entfernt von Hamburg. Wenn seine Frau und die fünf gemeinsamen Kinder schon schlafen, verschickt er noch Mails an Parteifreunde. Er schreibt Strategiepapiere, treibt Spenden ein und mischt sich sogar in die Auswahl des Buffets für den anstehenden Parteitag ein.

"Ich bereue nicht, die AfD gegründet zu haben", sagt Lucke. "Ich bedauere, was aus ihr geworden ist." Aber hat nicht auch Lucke die Unterwanderung von rechts unterschätzt? Ihm muss schon kurz nach der Gründung klar gewesen sein, dass das Thema Euro allein nicht ausreicht, um Massen von Wählern anzuziehen. In einem Interview mit dem Handelsblatt antwortet er auf die Frage "Wie sieht es mit dem Beifall vom rechten Rand aus?": "Wir können niemanden hindern, uns zu wählen, aber grundsätzlich ist es gut, wenn jemand uns wählt und nicht die NPD. Ohne uns gäbe es übrigens auch die Gefahr, dass enttäuschte Wähler, die eigentlich gar nicht rechts sind, aus Protest extremistische Parteien wählen." Zwar lehnt die AfD ehemalige Mitglieder von NPD und DVU offiziell als Mitglieder ab, das gilt aber nicht für ehemalige Republikaner und für die Anhänger der mittlerweile aufgelösten Partei "Die Freiheit", die damals in Bayern wegen "verfassungsschutzrelevanter islamfeindlicher Bestrebungen" vom Verfassungsschutz beobachtet wird. So wie Lucke die Dinge sieht, hat er die AfD immer gegenüber Scharfmachern verteidigt. Was er einst in dem Interview über die NPD sagte, möchte er heute nicht als Annäherung an den rechten Rand der Gesellschaft verstanden wissen. Im Gegenteil: Er regt sich so sehr über die Konfrontation mit dem alten Zitat auf, dass er am liebsten sogleich das Gespräch beenden würde. "Es war ein Anfängerfehler, die NPD zu erwähnen", sagt er. Es sei ungeschickt gewesen, doch "das war kein Werben".

Aber da ist noch seine Rundmail vom 31. Juli 2013, die dem ZEITmagazin vorliegt: "Wir müssen noch einmal einen Tabu-Bruch begehen, um Aufmerksamkeit zu kriegen. Das machen wir, indem wir Herrn Sarrazin vereinnahmen. Das kann uns viel Aufmerksamkeit, Kritik der linken Presse und viel Zuspruch in der Bevölkerung einbringen." Es geht um Thilo Sarrazin, den SPD-Mann und Bestseller-Autor, der in seinen Büchern über jüdisches Erbgut spekuliert und warnt, dass "Staat und Gesellschaft im Laufe weniger Generationen von den Migranten übernommen" würden, wenn deren Geburtenrate so hoch bleibe. Lucke schlägt vor, die AfD solle einen Preis für "das mutigste, treffendste und von der herrschenden Politik zu Unrecht ignorierte politische Buch des 21. Jahrhunderts" ausloben. Er geht davon aus, dass Sarrazin ihn nach einer Mitgliederabstimmung bekommen würde. Die Idee für den Preis wird allerdings wieder verworfen.

Als Luckes Co-Sprecherin Dagmar Metzger, die in Oberursel in Abwesenheit gewählt worden ist, Lucke ein paar Monate nach der Gründung warnt, es gebe ernst zu nehmende Hinweise auf eine Unterwanderung durch Rechtsextreme, wehrt er ab. Metzger erinnert sich, Lucke habe nur mit dem Finger geschnipst und gesagt: "Wenn ich so mache, sind die weg."

Zu Beginn seien monatlich Tausende in die Partei eingetreten, es sei unmöglich gewesen, alle auf ihre Gesinnung zu prüfen, meint Lucke. Wenn man sich mit Menschen unterhält, die in der Anfangszeit in der AfD aktiv waren, hat man den Eindruck, man wollte es auch nicht immer schaffen. Es wirkt wie ein Spiel zwischen Annäherung und Abgrenzung. Persönlich lehnen Lucke und andere Gründer Rechtsnationale ab, zugleich gilt aber auch: Je mehr Mitglieder eine Partei gewinnt, desto mächtiger wird sie. Und je mehr Tabubrüche, desto mehr Aufmerksamkeit.

Bernd Lucke ist stolz, eine Partei gegründet zu haben, die es innerhalb weniger Jahre in 13 Landesparlamente geschafft hat: "Es gab damals für Euro-Skeptiker keine Partei." 2015 hat ihn die AfD abgesetzt, sie wollte lieber von der schneidigen Frauke Petry geführt werden. Der Gründer wurde verjagt.

Stolz schwingt bei fast allen Gesprächspartnern mit, dass sie an jenem Februartag in Oberursel dabei waren, selbst bei denjenigen, die die Partei inzwischen ablehnen. Gern spielen sie auch ihre Bedeutung für bestimmte Entscheidungen in den Vordergrund. Sie haben etwas gegründet, das erfolgreich wurde. Und der Erfolg wiegt in mancher Hinsicht schwerer als die politischen Inhalte.

Sollte die Partei im Herbst in den Bundestag einziehen, würde sich nur Martin Renner, der AfD-Spitzenkandidat aus Nordrhein-Westfalen, richtig freuen. Die AfD steht den meisten Gründern heute zu weit rechts, sie hat sich zu weit von der bürgerlichen Mitte entfernt, aus der die 18 Männer stammen. Doch bei allen Gesprächspartnern bleibt eine Unzufriedenheit, herrscht ein diffuses Unbehagen mit den anderen Parteien und der politischen Gegenwart in Deutschland.

Sie sind nun wieder aus dem Licht gerückt: Bernd Lucke, der einstige Parteichef, sitzt für eine Randpartei im Europaparlament. Markus Keller, der damals seine Familiengeschichte offenbarte, hat sich aus der Politik zurückgezogen und wird dieses Jahr die Kanzlerin wählen, die er jetzt für "die einzige Vernünftige" unter Männern wie Erdoğan und Trump hält. Jörg Bohne aus Magdeburg ist inhaltlich nicht weit von der heutigen AfD entfernt, persönlich war sie für ihn eine Enttäuschung, genau wie für seinen Mitstreiter Michael Heendorf. Der ist Anfang dieses Jahres gestorben. Mit 52 Jahren. Nur Martin Renner hat Chancen, bald wieder im Licht zu stehen und in den Bundestag einzuziehen. Und Konrad Adam, in dessen Kirchengemeinde alles begann, ist von seinen Parteigenossen in den Schatten gestoßen worden.

Am Abend nach der Gründung saß er noch mit Bernd Lucke bei sich zu Hause im Wohnzimmer. Adam öffnete zur Feier des Tages eine Flasche Rotwein. Zu Lucke hat Adam heute keinen Kontakt mehr. Mittlerweile ist Adam sogar aus der Kirche ausgetreten, obwohl sie einmal seine geistige Heimat war. Es traf ihn persönlich, dass er bei seinem Bischof wegen seiner Aktivitäten in der AfD auf offene Ablehnung stieß. Nun überlegt er, auch aus der AfD auszutreten. Wie es aussieht, lag für die meisten Gründer kein Segen auf jenem Mittwoch im Februar.

Hinter der Geschichte
Die Recherche begann im März dieses Jahres. Die Autoren sprachen mit 20 Personen, darunter zwölf der AfD-Gründer, und wählten für diesen Text die fünf Protagonisten aus, die bei der Gründung eine wichtige Rolle spielten. Die meisten waren sehr offen und stellten Mails und Dokumente zur Verfügung.

Kommentare

3 Kommentare Kommentieren

>>Einer der Interessantesten Beiträge über die AfD!<<

Muss gestehen das ich eigentlich Positives lesen wollte, doch was soll man dazu jetzt schreiben?
Ja klar: AfD wird ins RECHTE oder auch RICHTIGE Licht gerückt!
>Waren sie auch schon von Anfang an!
>Fängt schon mit der Namens Findung: AfEuropa direkt raus ADE(AfD&E)VS AfD: Was es dann auch am Ende wird, wegen des Rechtspopulistischen Gedanken, den zumindest einer so richtig will und schon da spürt das es was großes wird!
>...GÜTLICHEN Einigung mit EUROPA(Extra nur zum Schein?: unter anderen der Jüdischen Mitgründer, mit Holocaust Hintergrund? Mir war es der erste Satz der mir Spanischvorkam: Hat sich so Anti Europa angehört, also erinnerte an Scheidung mit gütlicher Einigung)
>PEGIDA gehört NICHT vs schon immer zur AfD: Naja zumindest 1zu1 Gesinnung!
(Hat schon ein anderer gut zusammen gefasst)
>Fakenews wie das wir in Geschichte nur die Deutsche Geschichte von 1933-1945 durch nehmen(Sorry wir haben auch mehr durchgenommen)!
-Der Gründer der wohl am meisten Menschen in die AfD Anfangszeit brachte ist ein Rechter
-Mit der Gründung der AfD war NPD Geschichte
-In der Anfangszeit nahm man es nicht genau
-EX-NPDler sind ausgeschlossen wie auch jedes andere Rechte Gesinnung oder halt auch vom Verfassungsschutz beobachtete Organisationen? Naja Steht zumindest so in der Beitrittserklärung! (Wollte selbst mal eintreten: Richtig viel drüber gelernt & war sogar richtig interessant: Alle oder FAST ALLE verbotenen&Co aufgeführt)