Schüchternheit: Mein Leben als Igel

ZEITmagazin Nr. 31/2017
Unser Autor ist schüchtern. Nicht Hugh-Grant-mäßig schüchtern, sondern wirklich schüchtern. Hier schreibt er über den Kampf in seinem Kopf. Von

Nichts gegen Sie, aber ich möchte Ihnen lieber nicht begegnen. Und Sie mir, seien Sie versichert, auch nicht. Wir würden uns beide für mich schämen.

Was hat er denn, würden Sie sich fragen, warum sagt er nichts? Und warum guckt er so, als hätte er einen nassen Lappen in der Tasche? Hilfe, würde ich rufen, aber der Einzige, der mich hören würde, wäre ich. Hiiiiilfe! Ich wäre leider auch der, der mir am wenigsten helfen könnte. Wie ein Nackter, der sich aus der Wohnung gesperrt hat, ein Greis im falschen Zug. Ein tragischer und zugleich peinlicher Fall, von dem Sie sich abwenden würden, in flüchtigem Mitleid.

Denn ich bin ... schüchtern.

Früher, in meiner Jugend, als ich, nach Axe Tropical riechend und verklemmt wie ein kaputter Reißverschluss, Mädchen anschmachtete und mir zugleich nichts Entsetzlicheres vorstellen konnte, als ihre Aufmerksamkeit zu erregen, tröstete ich mich mit der Vorstellung, die Schüchternheit würde irgendwann verschwinden. Ich dachte, ich könnte Vertrauen gewinnen, in mich, in die Mädchen, in Menschen überhaupt und die ganze Welt. Heute weiß ich, dass sie neurochemische Ursachen hat: Die Amygdala, Teil des Frontallappens im Gehirn, reagiert bereits auf geringe Reize mit einer übermäßigen Ausschüttung Furcht auslösender Transmitter. Seit ich das weiß, habe ich meine Bemühungen weitestgehend eingestellt.

Ich kann doch auch nichts dafür, denke ich. Ich bin nun mal so. Für immer. Ich bin jetzt kein irgendwie doch ganz süßer, wenigstens drolliger Junge mehr, sondern ein verstockter erwachsener Mann. Manchmal erschrecke ich mich sogar, wenn meine Frau mich unvermittelt anspricht.

Bitte was, der hat eine Frau?, fragen Sie sich nun. Ich kann es ja selbst kaum fassen. Dass sie zu mir gefunden hat, erscheint mir ebenso wundervoll wie die Tatsache, dass sie offenbar die Absicht hat, bei mir zu bleiben. Ihr gegenüber hat sich die Schüchternheit mit der Zeit gelegt, wie ein alter Hund sich in seinen Korb legt und nur noch zuweilen aus den Augenwinkeln guckt, ob es sich zu bellen lohnt. Ich habe liebe Verwandte, die auf wohltuend unaufdringliche Weise einfach nur da sind, und ein paar gute Freunde, mit denen ich schweigend spazieren gehen kann, ohne dass sich Beklemmung einstellt. Einer meiner besten entgegnete mir neulich auf die Frage, wie es ihm gehe: Seit wann bist du eine Plaudertasche? Dann liefen wir zwei Stunden lang durch die Heide, im Abstand von zehn Metern, aber im stillen Einklang. Er ist ein Mann nach meinem Geschmack.

Ich bin also nicht unglücklich. Vielleicht sogar glücklich, manchmal. Aber könnte ich nicht öfter glücklich sein, wenn meine Amygdala kein Mängelexemplar wäre? Ich denke ab und zu, es wäre schön, jemand anderes zu sein. Sie glauben gar nicht, wer ich schon alles war in Gedanken: mit zehn ein brasilianischer Mittelstürmer, der mit der Moderatorin des Disney Club liiert war, mit sechzehn der neue Sänger meiner Lieblingsband, nachdem der alte sich das Bein gebrochen hatte und ich bei einem Konzert in London für ihn einspringen musste, mit 25 ein hemingwayhaft viriler Dichter, von Musen umschwärmt. Und heute doch immerhin jemand, der nicht allein hier am Schreibtisch sitzt und über Schüchternheit schreibt. Über etwas also, worüber sich nicht reden lässt. Oder haben Sie schon mal erlebt, wie jemand in geselliger Runde über seine Schüchternheit parliert? Dann sind Sie meines Erachtens auf einen koketten Frechdachs hereingefallen, der Kapital aus einem Schicksal schlagen wollte, das nicht seines sein kann. Auf einen Hochstapler, der die guten Eigenschaften abgreift, die mit Schüchternheit verknüpft werden: Sensibilität, Bescheidenheit, eine im Verborgenen schillernde Kreativität. Sah der Typ zufällig aus wie Hugh Grant? Ich kenne diese Zeitgenossen. Wenn sie es richtig schlau anstellen, rutschen sie am Ende eines Abends, an dem sie sich als zartbesaiteter Träumer produziert haben, mit einer attraktiven Zuhörerin knutschend unter die Eckbank. Mir ist das, wie Sie sich vorstellen können, noch nie passiert.

Ich höre an solchen Abenden immer nur: Jetzt sag doch auch mal was. Das ist das Schlimmste, wozu man mich auffordern kann, schlimmer noch als "Der Nächste bitte!" im Wartezimmer eines Zahnarztes. Die Aufforderung lenkt einen gleißenden Suchscheinwerfer auf mein Versteck, in dem ich kaninchengleich kauere, krampfhaft Gesprächseinstiege vorbereite und als nicht geistreich genug verwerfe, die Stunden vorbeiziehen sehe und mich langsam damit abfinde, auch von den Anwesenden für hohl gehalten zu werden. Und plötzlich ruft jemand, der es nicht mehr aushält, dass da einer einfach nur in der Ecke sitzt und parasitiert, mich auf, ich solle doch endlich auch mal was sagen, und alle glotzen mich an, ich fühle, wie mir das Blut in den Kopf steigt, wie ich zu schwitzen beginne, oder weine ich aus der Stirn? Ich nehme all meinen Mut zusammen, jetzt muss er kommen, der spektakuläre Home-Run des Unterschätzten.

Dann sage ich: Äh. Weiß auch nicht.

Und es wird wieder dunkel in meinem Versteck. Die Gespräche gehen weiter, lauter als zuvor, um die entsetzliche Stille zu übertönen, die ich verursacht habe. Man prostet sich zu, auf die Dummköpfe unter uns, hahaha, und übergeht mich dabei geflissentlich. Ich sitze für den Rest des Abends herum wie eine Zimmerpflanze, die den Winter nicht überstehen wird.

Ich bin, wie Sie sehen, also die meiste Zeit mit mir allein. Das hat dazu geführt, dass ich mich bestens mit mir auskenne, ich bin ein Ornithologe meiner selbst. Ich überwache mich auf Schritt und Tritt, beobachte mich von außen und horche in mich hinein, protokolliere jeden Gedanken, um ihn bei passender Gelegenheit hervorholen und mich damit fertigmachen zu können: Mach den Witz besser nicht, mit dem hast du dich schon 1997 blamiert, erzähl bloß nichts aus dem Urlaub, du weißt selbst, wie öde es im Schwarzwald war.

Angeblich sind 61 Prozent der Deutschen schüchtern, so das Ergebnis einer Umfrage, die ich neulich mit einigem Misstrauen gelesen habe: Müsste das Land dann nicht, dachte ich, viel stiller sein, als es ist? Doch selbst wenn die Zahl annähernd stimmte, bliebe sie folgenlos, weil sich diese Abermillionen niemals in einer Bewegung der Schüchternen solidarisieren würden. Was sollten sie auch tun: stumm und errötet gegen sich selbst demonstrieren? Was stünde auf ihren Transparenten: Ich bin gar nicht so dumm, wie alle immer denken? Hallo, ich bin auch noch da? Hiiiiilfe? Nein, sie werden nur weiter allein in der Ecke sitzen und hoffen, dass sie niemand anspricht.

Ich kann hier also nur über mich Auskunft erteilen: einen Mann mittleren Alters mit schwindendem Haar und wachsendem Bauch. Meine Hobbys sind beim Lesen einnicken, allein in Städte fahren, in denen ich niemanden kenne, und in Ruhe gelassen werden. Warum schreibe ich überhaupt über meine Schüchternheit? Vielleicht, um sie wenigstens für eine Weile zu überwinden. So wie ein Nilpferd, wenn es schwimmt, vergisst, dass es dick ist und sich ganz leicht fühlt, getragen vom Wasser. Vielleicht, um einen oder zwei Leserbriefe zu erhalten, in denen steht, Sie sprechen mir aus der Seele, Herr Gieselmann, oder darf ich Sie Dirk nennen? Herzchen-Smiley, Ihre Ingeborg. Um anderen Schüchternen ein Zeichen der Verbundenheit zu senden, das aber bitte keine unangenehme Nähe herstellen soll, Gott bewahre. Vielleicht, um mich zu rechtfertigen vor all jenen, die mich als wortkargen Eckensitzer kennen. Vielleicht, um am Ende sagen zu können: Du hast zwar sonst nichts drauf, aber über Schüchternheit schreiben kannst du ganz ordentlich.

Glauben Sie mir, ich würde lieber unter Ausschluss der Öffentlichkeit schreiben. Ich habe nur noch niemanden gefunden, der mich dafür bezahlt. Sollte zufällig eine Charity-Lady unter Ihnen sein, die meine Texte exklusiv erwerben und sie im Wandtresor verschließen möchte, gebe sie mir bitte einen dezenten Wink. Einstweilen bin ich auf herkömmliche Geschäftsmodelle angewiesen. Und die verlangen einem freien Autor leider ab, vor dem Schreiben auch noch reden zu müssen. Mit Menschen. Oder wie ich sie als Schüchterner nenne: mit den anderen. Und die sind die Hölle für mich.

So war es schon beim ersten Telefonat mit der Redaktion. Allein durchs Klingeln werde ich aus meinem Habitat aufgescheucht, hochnervös wie ein aus dem Dickicht flatterndes Rebhuhn. Manchmal gehe ich nicht ran, oder ich deichsele es so, dass ich genau dann abhebe, wenn der andere auflegt. Das fühlt sich nicht ganz so dissozial an. Meine Frau aber sagt: Du musst schon hin und wieder mit den Leuten sprechen, denn sonst bekommst du keine Aufträge mehr, verstehst du? Und unterm leeren Weihnachtsbaum sitzen und meinen Kindern sagen, tut mir leid, es gibt dieses Jahr keine Geschenke, weil Papa so schüchtern ist, das möchte ich nun auch nicht.

Ob ich nicht Lust hätte, über Schüchternheit zu schreiben, fragte die Redakteurin fidel, das sei doch genau mein Thema. Ich war erfreut und beleidigt zugleich, eine seltsame Gefühlsmischung, die zuletzt entstanden war, als ein Friseur mir nach dem Haarschnitt gesagt hatte: Na, jetzt sehen Sie ja wieder aus wie ein richtiger Mensch.

Ich antwortete der Redakteurin so euphorisch wie möglich: Wenn Sie meinen, dass ich das kann.

Meine Schüchternheit reproduziert sich immer wieder selbst durch den Vergleich mit der erschlagenden Zahl von anderen, die besser, größer und schöner sind als ich. So ist es auch beim Schreiben, das durch einige bizarre Zufälle zu meinem Beruf geworden ist. Irgendwann, denke ich, muss doch auffallen, dass ich dieses Handwerk gar nicht recht beherrsche. Seit über zehn Jahren lebe ich nun schon mit dieser Angst aufzufliegen. Wenn ich auf meine Ausrüstung schaue, einen Notizblock, ein Diktiergerät, Stifte, kommt sie mir vor wie Karnevalsrequisiten.

Die Redakteurin motivierte mich nach Kräften, und als sie fertig ist, fragte sie: Sind Sie noch dran? Ja, sagte ich, bin noch dran, überlegte aber bereits, wie ich Verbindungsprobleme vortäuschen könnte, um mich der Situation zu entziehen und alles Weitere dann schriftlich zu regeln. Sie aber sagte, nun sogar noch fideler: Wollen wir uns nicht mal auf einen Kaffee treffen? Meine Chefin möchte Sie auch gern kennenlernen.

Ich sagte: Äh. Ja.

Ich meinte natürlich: Äh. Lieber nicht. Aber das hörte sie leider nicht heraus.

Ich verbrachte die folgende Stunde kauernd neben dem Telefonhörer, aus dem es immer noch tutete wie ein Alarm, wenn es schon längst zu spät ist.

Und das war es ja tatsächlich. Ich war gefangen in der Situation, wie der Nackte vor der Wohnungstür, der Greis im falschen Zug, der Hund im Kofferraum. Ich würde mich mit der Redakteurin und ihrer Chefin treffen müssen, und das in nur drei Tagen. Hugh Grant würde jetzt bestimmt eine Nachbarin um Hilfe bitten, die ihn auf diese Herausforderung vorbereitet, ihm Small Talk und Manieren beibringt, mit ihm Einkaufen geht, ihn Tanzschritte lehrt, und dann, zack, würde er sie küssen, und Geigen würden ertönen von irgendwo aus der Hecke. Ich aber sah an mir herunter, entdeckte Marmeladenflecken auf meinem Schlafanzug, empfand tiefe Verzweiflung, und das Geistreichste, was mir einfiel, war: Warum bin ich ausgerechnet ich? Ich dachte in diesen drei Tagen bis zu der unheilvollen Verabredung viel über Schüchternheit nach. War sie wirklich immer schon da? Gab es je eine Chance, über meine Furchttransmitter ausspeiende Amygdala zu triumphieren? Ich dachte an meine Kindheit, an meinen ersten Kontakt mit ihnen: den anderen.

Ich muss vier Jahre alt gewesen sein, es hing noch ein -i an meinem Vornamen, und mein Nachname war noch gänzlich unbenutzt, als eines Nachmittags die Leiterin des Dorfkindergartens bei uns zu Gast war, zum Kennenlerngespräch. Beides, die Aussicht auf den Besuch dieser fremden Frau und die Tatsache, dass sie offenbar im Begriff war, mich in ihre finstere Anstalt zu stecken, hatte mich bereits Wochen zuvor in einen Zustand panischer Starre versetzt. Ich war so etwas wie ein furchtsamer Stein.

Noch heute bewundere ich Kinder, die gegen das, was sie nicht wollen, aufbegehren, die schreien, treten, spucken, kratzen wie heroische Eichhörnchen in den Fängen eines Monstrums, wenn ihre Eltern es für angebracht halten, ihnen bei Minustemperaturen eine Jacke anzuziehen, bevor sie auf den Spielplatz gehen. Mir war solch ein Kampfgeist nicht gegeben. Ich erwartete an jenem Nachmittag nichts weniger als das Allerschlimmste von meiner Zukunft. Ich sehnte mich danach, dass mich meine Mutter fragen würde: Ist was? Hast du was? Doch nur, um danach noch unerbittlicher schweigen zu können.

Ich erinnere mich, wie sie den Besuch der Frau gewissenhaft vorbereitete und wie das heiße Gefühl in mir aufstieg, dass sie alle unter einer Decke steckten, meine Mutter, die Leiterin des Dorfkindergartens, meine Schwester, meine Großmutter, mein Großvater, selbst unser Hund Susi. Und dass sie gemeinsam Pläne geschmiedet hatten, denen ich mich nur würde entziehen können, indem ich von zu Hause fortlief. Aber wohin, wenn doch hinter dem Garten gleich der Wald begann?

Ich erinnere mich, wie meine Mutter das Kaffeeservice aus dem Schrank holte, wie sie sich fein machte, dass alles Vertraute plötzlich die Anmutung des Repräsentativen hatte, die Tischdecke, der Blumenstrauß darauf, die akkurat in die Sofakissen geschlagenen Scharten, und wie sie schließlich mit ungewohntem Ernst zu mir sagte, ich solle recht freundlich zu der Tante sein, die gleich zu Besuch komme. Ich erinnere mich, dass es mir wie eine Prüfung vorkam, die ich nicht bestehen wollte, ohne dass ich allerdings genau gewusst hätte, was eine Prüfung eigentlich war, und schon gar nicht, wie ich sie absichtsvoll nicht bestehen könnte. Aber ich vermutete, dass es etwas war, bei dem ich keinesfalls ich selbst würde sein können: ein stiller Junge nämlich, der am liebsten aus dem Fenster schaute, auf die Wiese, auf der am Morgen zuvor ein Hase gesessen hatte.

Als ich die Gartenpforte klappern hörte, hätte ich mich vor Aufregung beinah auf mein Schnuffeltuch übergeben. Und das ist unser Dirk, sagte meine Mutter. Hallo, Dirk. Ich bin Frau Rohner, sagte die Leiterin des Dorfkindergartens, was wohl freundlich und aufgeschlossen klingen sollte, für mich hörte es sich allerdings an wie: Mir entkommst du nicht mehr, Kleiner.

Ich saß das gesamte Kennenlerngespräch über zu Füßen meiner Mutter und schob einen Spielzeuglaster hin und her, immer wieder hin und her, wie ich es Jahre danach den Schauspieler André Eisermann, der in einem Film Kaspar Hauser verkörperte, mit einer kleinen Holzkutsche habe tun sehen, in der Dunkelheit seines Verlieses. Und dann sagte die Leiterin das erste Fremdwort, das ich je gelernt habe und das sich in mich eingeschrieben hat: Ihr Dirk, sagte sie zu meiner Mutter, ist ein sehr introvertiertes Kind.

Als sie gegangen und mich zu meinem Erstaunen zurückgelassen hatte, fragte ich meine Mutter, was dieses Wort bedeute, das sie über mich gesagt hatte: introvertiert.

Schüchtern, sagte meine Mutter, heiße das, in sich gekehrt. Das sei nichts Schlimmes, schob sie gleich nach, so sei ich nun mal. In sich gekehrt: Ich stellte mir einen Igel vor, der sich bei Gefahr zusammenrollt.

Nun ist, im grotesken Gegensatz dazu, mein Sternzeichen Löwe. Nicht dass ich besonders fest an Astrologie glauben würde, aber das hätte mir doch bedeutend besser gefallen: Tatsächlich ein König zu sein statt ein schreckhafter Untertan. Wohl nicht ohne Grund haben mir meine Eltern zum sechsten Geburtstag eine Hörspielkassette geschenkt, die ich immer noch aufbewahre. Der schüchterne Löwe, so ihr programmatischer Titel. Auf der Hülle steht: Ängstlich läuft Leo überall davon. Bald lachen ihn alle Tiere im Urwald aus, und die Affen werfen ihm Kokosnüsse an den Kopf, dass es bumst.

Ich habe die Kassette nun noch einmal unter Schmerzen gehört. Dieser Leo ist wirklich ein Ausbund an Feigheit, ein weinerlicher Peinsack, eine Schande für seine Artgenossen. Doch eines Tages befreundet er sich mit einer schlauen Maus, die ihm das Brüllen beibringt. Am Ende besiegt er mit ihrer Hilfe einen tyrannischen Elefanten und besteigt wieder den Thron. Mag sein, dass meine Eltern mir damit Mut machen wollten, aber mir ist so, als hätte ich damals schon erkannt, wie sagenhaft unrealistisch diese Geschichte doch ist. Denn der Wille, seine genetische Disposition zu überwinden, ist das eine, die Frage, ob das auch möglich ist, das andere. In der ersten Woche im Kindergarten stieß mich der freche Sven, der schon fast sechs war und mir vorkam wie ein Lebenslänglicher, der sich nicht den Regeln dieses Knasts unterwarf, sondern sie selber machte, kalt lächelnd vom Klettergerüst. Ich musste mit fünf Stichen an der Stirn genäht werden.

Es ist nicht so, dass ich danach nie wieder versucht hätte, mutig zu sein. Als ich dreizehn war, ging ich mit einem perlmuttartig schillernden Blouson zum Rummel in der Kreisstadt, meine Schwester hatte mir zuvor mehrfach versichert, dass er mir sehr gut stehe. Und mit fünfzehn schaute ich mir mit einem Mädchen aus der Parallelklasse, das mir einen Liebesbrief auf den Gepäckträger meines Fahrrads geklemmt hatte, den Film Bodyguard im Kino an. Nach der Vorstellung mussten wir durch ein Spalier laufen, das meine Kumpels am Ausgang gebildet hatten, sie skandierten: Giesi ist verlie-hiebt! Giesi ist verlie-hiebt! Den exzentrischen Blouson besaß ich da schon lange nicht mehr. Am Autoscooter hatte mir ein muskulöser Berufsschüler zugeraunt: Zieh den Lappen aus, oder es gibt Stress. Ich leistete Folge.

Solche Schlüsselerlebnisse haben sich zu einer Biografie verdichtet, die ein einziger Beweis dafür ist, dass es für mich gegenüber der Außenwelt gar keine andere Haltung geben kann als Schüchternheit. Die Narbe auf meiner Stirn, die nun langsam sichtbar wird unter meinem sich zurückziehenden Haaransatz, ist eine Mahnung, dass es allermeist so kommt, wie ich befürchtet habe, mein Selbsterkennungszeichen als pessimistischer Rechthaber. Siehst du, sage ich zu mir, wenn ich mich doch einmal überredet habe, aus mir herauszugehen, und feststellen muss, dass es drinnen wesentlich gemütlicher war, siehst du, ich hab’s dir doch gleich gesagt, nächstes Mal bleiben wir zu Hause. Ich bin über die Jahre mein eigener Meckerrentner geworden.

Dass ihr Sohn bereits mit Ende dreißig vergreist ist, werden meine Eltern nicht gern lesen. Sie werden sich fragen, ob sie eine Mitschuld daran tragen. Ich rufe ihnen zu: Nein, Mama und Papa. Ich danke euch für die Hörspielkassette und für alles, was ihr sonst noch unternommen habt. Aber aus einem Esel macht man kein Rennpferd, so heißt es, und aus einem Igel keinen Löwen.

Die Schüchternheit ist also nicht, wie ich selbst einst hoffte, verschwunden. Dafür habe ich eine erstaunliche Kompetenz in der Vermeidung unkalkulierbarer sozialer Interaktionen entwickelt, ich bin ein Virtuose des Absagens von Einladungen und des plötzlichen Abbiegens in eine dunkle Gasse, wenn mir jemand Halbbekanntes entgegenkommt.

Ich solle üben zu lächeln, las ich einmal in einem Ratgeber für Schüchterne, das erleichtere die Kontaktaufnahme. Ich saß also in größeren Runden eine ganze Weile lächelnd in der Ecke, und als ich einsehen musste, dass man mich nun für endgültig weggetreten hielt, stellte ich das Lächeln wieder ein. Ich solle aufhören zu grübeln, stand dort außerdem. Da mir dies jedoch ähnlich aussichtslos erschien wie die Aufforderung, nicht an einen weißen Elefanten zu denken, warf ich das Machwerk schließlich fort und vertiefte mich stattdessen in die Tagebücher des Einsiedlers Henry David Thoreau: Keinen Kameraden, so heißt es dort, fand ich so kameradschaftlich wie die Einsamkeit.

Nach drei Tagen des Nachdenkens erschien es mir noch unbegreiflicher, warum die Redakteurin und ihre Chefin sich mit mir treffen wollten, einem offenbar von jeher zusammengerollten Igel. Ich schwankte nun hin und her, ob ich lieber jemand anderes wäre oder gar nicht existieren würde. Leiden, sagt Belmondo in Godards Außer Atem, sei völlig idiotisch, er entscheide sich für das Nichts. Für solch einen radikalen Entschluss fehlt mir allerdings, das wird Sie nicht überraschen, der Schneid. Aber eine Leihpersönlichkeit, dachte ich, wäre praktisch, man kann sich doch alles leihen, Autos, Fahrräder, Smokings, warum nicht auch eine Persönlichkeit, dem Anlass angemessen. Ja, würde ich sagen, ich bin zwar schüchtern, aber ich habe gelernt, damit zu leben. Und die Redakteurin und ihre Chefin würden mich fasziniert anblicken wie einen vierschrötigen Abenteurer, der eine Augenklappe trägt.

Es half alles nichts. Der Tag entfaltete sein entsetzliches Potenzial: Er war gekommen. Über die Prachtstraße Unter den Linden ging ein unendlicher Verkehr, die Sonne stand am Himmel wie ein falscher Diamant im Schaufenster eines Pfandhauses, und ich versuchte, mich mit der Eleganz eines fetten Hauskaters, der seinen Schwanz jagt, in meinem Schatten zu verstecken. Noch zweieinhalb Minuten, dann würde ich das Café Einstein betreten müssen, den Treffpunkt der Macher und Entscheider, das Mekka der Selbstsicheren, der tatsächlich Selbstsicheren oder derjenigen, die ziemlich überzeugend so tun, als wären sie es. Ich stellte mir vor, wie sie gleich ihre internationalen Zeitungen, die sie eben noch beflissen studiert hatten, als Schutzschild vor den Körper raffen und dahinter tuscheln würden: Was ist das denn für einer? Wer hat den hier reingelassen?

Und die beiden Grandes Dames, mit denen ich hier verabredet war, um einen Artikel über Schüchternheit zu besprechen, sie würden, wenn sie meiner erst einmal ansichtig geworden wären, der frühmittelalterlichen Physiognomie, der Unfrisur, noch bevor ich etwas gesagt oder vielmehr meine Unfähigkeit offenbart hätte, etwas zu sagen, mich umgehend entfernen lassen, vom stärksten Kellner des Lokals, der sich, wenn er mich zurück in die Gosse geworfen hätte, die Ärmel seines Jacketts abputzen würde, um dann mit einer Geste der Unbestechlichkeit das horrende Trinkgeld abzulehnen: Das ist doch selbstverständlich, dieser Mann wird Sie nicht mehr behelligen!

Jetzt reiß dich verdammt noch mal zusammen, befahl ich mir, sie haben dich schließlich als Experten hierher eingeladen. Und entdeckte doch gleich den Widerspruch der Konstellation: Experte für Schüchternheit, das ist ein Oxymoron, wie soll ich denn bitte kundig daherreden darüber, dass ich nicht kundig daherreden kann, was für eine Zumutung, eine Hänselei, ein gespielter Witz auf meine Kosten. Es ist wirklich für alle das Beste, dachte ich, wenn ich jetzt einfach nach Hause gehe und die Fenster zunagele.

Über die Prachtstraße fuhr nun ein Bierbike mit maßlos betrunkenen Junggesellen, vermutlich aus Paderborn, ich würde, dachte ich, wirklich gern aufspringen und rufen: Hi, Jungs, ich bin einer von euch, bringt mich hier raus, schnell! Das Nichts: Dieser Zustand ließe sich mit genug Bier und direkter Sonneneinstrahlung bestimmt alsbald herstellen. Doch das Gefährt entfernte sich unaufhaltsam in Richtung des Brandenburger Tors und ließ mich zurück in meiner verzweifelten Lage.

Ich erinnerte mich nun an alles. Daran, wie ich einmal von meiner Mutter zum Einkaufen geschickt worden war, ich sollte Hefe besorgen im kleinen Dorfladen. Aber ich fand sie nicht und traute mich auch nicht, die Verkäuferin zu fragen. Ich suchte etwa eine halbe Stunde verbissen nach der vermaledeiten Hefe, dann sprach mich die Verkäuferin an: Kann ich dir helfen? Ich rannte nach Hause, ohne ihr zu antworten, ohne Hefe, und versteckte mich in meinem Zimmer. An alles, was ich getan hatte, um das Fremde, Ungewohnte, Aufregende zu vermeiden. An die Sommer, die ich auf ostfriesischen Inseln verbracht hatte, während meine Klassenkameraden durch Südeuropa trampten. An mein Studium in Hannover und wie ich, unter dem Schwanz des Reiterdenkmals am Hauptbahnhof auf Kommilitonen wartend, die noch langweiliger waren als ich, von Paris träumte, von Lissabon und Prag. Daran, dass mein Umzug nach Berlin vielleicht eine Selbstüberwindung sein sollte und doch nichts anderes war als ein Schritt zu weit. Was mache ich nur hier, in dieser Stadt, die mich nie fragt: Ist was? Hast du was?

Noch eine Minute und vierzig Sekunden. Ein halbwegs bekannter TV-Moderator eilte mit wehendem Trenchcoat ins Café Einstein, im Vorbeigehen machte er eine abwehrende Handbewegung, keine Autogramme, bitte.

Noch dreißig Sekunden. Du gehst jetzt einfach auch da rein, dachte ich mit gewollter Energie, was soll’s denn, dann blamierst du dich eben, das tun fast alle fast immer, sie merken es bloß nicht, oder es ist ihnen gleich. Aber mein Körper wollte mir nicht folgen, als wäre er ein gichtkranker Pinscher, der einfach an der Häuserecke sitzen bleibt, obwohl ihm die Leine längst die Luft abschnürt. Nun komm, rief ich mir zu, komm schon, du alte Töle. Ich trottete hinein, beinah rückwärts, da stellte sich mir schon der Oberkellner in den Weg: Sie wünschen?

Äh. Ich, ich, ich, stammelte ich, bin verabredet.

Aha, sagte er, mit wem sind Sie denn verabredet? Das Sie zog er in die Länge, ich nannte die Namen der Grandes Dames, er deutete in den hinteren Teil der Halle und gab den Weg frei, als wäre er ein Butler, dem es zutiefst missfällt, mit wem seine Herrschaften ihre Freizeit verbringen. An den Tischen, die ich passieren musste, saßen eine Talkshow-Queen, ein Herausgeber und eine Charakterdarstellerin, saßen überhaupt alle, die ich aus den Illustrierten kenne, die ganze Nomenklatura einer Diktatur der Nichtschüchternen.

Noch drei Sekunden. Hinter dem Vorsprung erblickte ich die Grandes Dames im trauten Gespräch, wahrscheinlich darüber, dass es wohl doch keine so gute Idee gewesen sei, sich mit mir zu verabreden, na, was soll’s, da müssen wir jetzt gemeinsam durch, liebste Freundin.

Äh. Hallo, sagte ich, ich bin Dirk Gieselmann.

Dass auf das K gleich ein G folgt und ich deshalb beim Aufsagen meines Namens so klinge wie der letzte Vertreter einer äquatorialen Klicksprache, werfe ich meinen Eltern immer schon vor, die mir diesen Vornamen schließlich gegeben haben, Dirk Gieselmann, K, G, dachte ich, wie soll man das denn bitte aussprechen, ohne sofort aufs Peinlichste ins Stocken zu geraten, da sagte die Chefin plötzlich, übers ganze Gesicht strahlend: Sie sind der Richtige! Das sehe ich sofort! Herrlich, wie sie hier angeschlurft kommen, der gesenkte Kopf, die hängenden Schultern, der verhangene Blick. Sie haben den Auftrag, mein Lieber! Schreiben Sie uns was Tolles über Schüchternheit!

Ich hätte losheulen können vor Erschöpfung, Wut und Glück.

Ich sagte: Äh. Danke.

Meine Frau lobte mich hinterher für meine Courage. Da wusste sie allerdings noch nicht, dass ich das Honorar bereits samt und sonders für melancholische Schallplatten ausgegeben hatte.

Nun kennen Sie also die widrigen Umstände, denen jemand ausgesetzt ist, der zwar nicht über Schüchternheit reden kann, aber sich doch aufgerafft hat, über sie zu schreiben. Bitte kein Mitleid, davon habe ich selbst genug. Sie haben gesehen, dass in einem Schüchternen, während Sie dort womöglich gähnende Leere, ja Dummheit und Stumpfsinn vermuten, vielmehr ein Sturm der Gedanken tobt, eine andauernde Selbstkasteiung, die, wenn es dem Schüchternen gelänge, sie nach außen zu transportieren, vielleicht sogar unterhaltsam oder wenigstens bizarr genug wäre, um hinterher Ihren Freunden zu erzählen, Sie hätten jemanden in Zungen reden hören, das war wie in diesem Film, ja wie heißt er noch gleich, ach ja: Der Exorzist, ja wirklich, vielleicht war er vom Teufel besessen, meine Güte.

Sie haben auch bemerkt, dass ich über etwas schreibe, was ich verschämt zu verstecken behaupte: über mich. 149-mal kommt in diesem Text das Wort "ich" vor, viel öfter noch in seinen Deklinationsformen. Sie halten das für ein Zeichen verkorkster Eitelkeit?

Ja, es stimmt. Nach fast vier Jahrzehnten Erfahrung in der Schüchternheitsbranche kann ich mit einiger Sicherheit sagen: Ich bin in mich selbst verliebt. Aber das beruht leider nicht auf Gegenseitigkeit.

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Hinter der Geschichte: Dirk Gieselmann, 38, der Autor, lebt mit seiner Familie in Berlin. Zu seiner großen Erleichterung hat er die Schüchternheit offenbar nicht an seine Kinder weitergegeben. Sein Sohn, 6, grüßte unlängst zwei etwa zehn Jahre ältere Mädchen mit den Worten: Hi, Ladies!

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