Jazz Jenes Schweben der Seele

Auf einmal ist er wieder da, der Jazz – in den großen Städten, in improvisierten Clubs. Und auf manchen Konzerten sind die Hörer schon wieder so jung wie die Musiker. Wie kann das sein? Unser Reporter reist durch ein beschwingtes Deutschland. Von
ZEITmagazin Nr. 32/2017

... und mitten im Satz kann es losgehen, wenn der Moment da ist, der Moment, um den es geht, um den sich alles dreht, wenn das Horn golden schimmert im gelben Licht, wenn die Lider sich schließen, die Leiber sich wiegen: wenn das Jetzt plötzlich da ist und jene Magie entsteht, auf die alle hoffen, jenes Schweben der Seele, dieses so schwer zu fassende Glück. Wenn die Gedanken stillstehen oder ihren Kurs ändern, wenn die inneren Wogen sich glätten oder neu formieren – wenn die Musik uns berührt.

Sie nennen es Swing oder Groove oder Soul. Sie nennen es cool oder hot. Und wie immer sie es nennen, es fällt von den Lippen, strömt aus den Lungen, tönt aus den Fellen und hinter den Blättern hervor. Und wenn die Grenzen verfließen und mitten im Satz die Worte fehlen ... dann ist es Jazz.

Sie nennen es Groove oder Soul oder Swing, auch in Deutschland. Wie gut, dass hier alle Englisch können. Die Begriffe erzählen von der Wanderung. Ja, diese Musik kommt von woanders her. Sie kommt aus dem Blues, von den Baumwollplantagen, von den schwarzen Sklaven, die bei der Arbeit singend unter ihrer Fron von der großen in die kleine Terz abrutschten. Heute ist der Jazz bei uns Kunst, aber wir müssen uns immer noch nicht fein machen zum Konzert, Jeans und T-Shirt reichen, 100 Prozent Baumwolle, cotton fields at home.

Jazz in Bad Oldesloe im Rathaus, in Bielefeld im Bunker, in Krefeld im Keller. Jazz in Oldenburg auf dem Schlossplatz, umsonst und draußen. Jazz bei der SPD zum Frühschoppen.

Frank-Walter Steinmeier, der seinen Satz noch nicht gefunden hat: Der Jazz gehört zu Deutschland!

Und nichts wäre wahrer als das. Allenfalls die ganz Rechten, denen es niemand recht machen kann, könnten noch maulen, aber wir sind eben ein Einwanderungsland, musikalisch allemal.

Jazz, ausweislich seiner ersten Plattenaufnahme grad hundert geworden, lebt seit siebzig Jahren auch in Deutschland. Von den Nazis verschmäht und verfolgt, kam er durch den Äther über den Kanal. Glenn Miller ließ unerschrockene Deutsche in ihren Wohnzimmern vor dem Volksempfänger tanzen, während ringsherum die Bomben fielen.

Lange her. Inzwischen gehört Jazz so sehr zum Inventar, dass er sogar sein Verschwinden überlebt hat. Das Verschwinden aus den Zeitungen, dem Radio, dem Fernsehen. Jazz ist Nische, heißt es in den Medien. Das interessiert doch keinen, Jazz ist was für ganz spät. Round about midnight.

Aber der Jazz ist da. Gäbe es einen hartnäckigeren Untergrund als Bunker und Keller? Schon kommt er, von den Vielen noch kaum bemerkt, wieder herausgekrochen. In Berlin, in Köln, in Hamburg. Auf einmal ist er wieder da, in kleinen Reihen, improvisierten Clubs, und erstmals seit Jahrzehnten gibt es wieder Jazzkonzerte, bei denen die Zuhörer so jung sind wie die Musiker. Das Pendel schlägt zurück in der Rhythmusgesellschaft, die Welle hat ihr Tal durchlaufen, auf zu neuer Höhe.

Plötzlich spüren da Leute: Es gibt ja noch mehr als Klassik und Pop, als Opernhaus und Stadion, als uralte Noten und dieses nackte singende Mädchen auf der Abrissbirne bei YouTube oder die Schimpftiraden der Rapper. Ein Genre, das nicht so glatt, nicht so fertig, nicht so ausgerechnet, nicht so aufgepumpt, sexistisch, überstrapaziert, abgespielt ist. Das nicht so virtuell ist. Das uns zurück in den Augenblick holt.

Hebe den Blick von deinem Telefon und höre, was der Jazz dir zu sagen hat über dein Leben, deine Liebe, deine Stadt und deinen Staat (ja!) und über dieses bunte Europa, aus dem mehr und mehr Musiker zu uns kommen. Die Baumwollfelder 2017 sind Grachten und Fjorde, Sunde und das jüdische Viertel von Krakau. Jazz kommt aus Schaffhausen und Wien und – als fernes Echo auf europäische Kultur und Unkultur – sogar aus Israel.

Und Jazz kommt aus der deutschen Provinz. Da ist der fiebrigste Schlagzeuger ein vorletztes Kind der DDR und die kühnste Saxofonistin eine junge Frau aus Stadthagen – wo immer das ist.

Einmal groß über Jazz in Deutschland zu schreiben, den Auftrag hatte ich nur zu gerne angenommen. Über Wochen hinweg besuchte ich Konzerte, traf Musiker, sprach mit Plattenfirmen und Kritikern. Ich war sogar auf der weltgrößten Fachmesse, der Jazzahead, die Jahr um Jahr nicht etwa in Chicago oder New Orleans stattfindet, sondern in der Hansestadt Bremen. Tausende Aussteller und Besucher aus 60 Nationen. Kanada, Australien, Belgien, Taiwan, Brasilien – und Deutschland vorneweg.

Mit vollgestopften Tüten kam ich nach Hamburg zurück. Flyer, Prospekte, CDs. Alle versprechen sie Unerhörtes oder Vertrautes, manche sogar beides gleichzeitig – was tut man nicht alles, um Gehör zu finden.

Eines Nachmittags im Juni saß ich einigermaßen ratlos zwischen all den Platten, Unterlagen und Notizen. Jazz ist nicht gleich Jazz. Es gibt so viel. Und es gibt immer mehr. Es gibt vielleicht sogar zu viel. Selbst die heimische Szene ist kaum zu überblicken. Wo soll man da anfangen?

Es war eine Verzagtheit, die jeden ereilen kann, der sich intensiver mit den Hervorbringungen unserer Kulturnation befasst. Die Romane türmen sich auf, klassische Konzerte gibt es an jeder Ecke, Deutschland steht in der Blüte. Wir haben von allem mehr, als wir sehen, hören, lesen können. Luxus. Hölle.

In diesem Moment klingelte das Telefon.

"Hey, hey, wie geht’s?"

"Rainer!"

Kaum denke ich Hölle, ruft der Gottesmann an. Rainer ist Pastor in Hamburg, und er versteht sich auf Unterbrechungen. Seit Monaten lässt er jeden Mittag in Barmbek die Glocken läuten, damit die Gläubigen wie die Ungläubigen wenigstens einmal am Tag herausgerissen werden aus ihren Gedankenketten.

"Heute Abend schon was vor? Mirko spielt mit seiner Band, sie stellen ihre erste Platte vor."

Mirko ist sein Neffe, ein junger Jazzpianist. Ich habe ihn ein einziges Mal gesehen, vor Weihnachten, in ganz anderem Zusammenhang: bei einem Bibliodrama-Happening. Da spielte er, seinem Onkel zuliebe, einen 500 Jahre alten Hit, O Heiland, reiß die Himmel auf, während die versammelte Gemeinde den Text des Kirchenliedes gestisch und tänzerisch ausdeutete. Gelebter Protestantismus in Deutschland!

Mirko musste das Lied im Laufe der Stunde ein Dutzend Mal wiederholen. Er tat es so geduldig wie konzentriert. Hinterher ging ich zu ihm an den Flügel und fragte ihn, ob er mir zur Erinnerung nicht noch eine Jazzversion spielen könnte. Mirko lächelte kurz. Ja, gerne. Ich zog mein Smartphone hervor und drückte auf Aufnahme. Ohne eine Sekunde zu überlegen, spielte er die Melodie, variierte sie, improvisierte über das Thema und schlug einen gekonnten Bogen zum Schluss. Eine perfekte Form aus dem Moment heraus. Großartiger Musiker.

"Okay", sagte ich zu Rainer am Telefon, "ich komme mit. Wo ist denn das?"

"Im Volt, Karolinenstraße 45."

Volt? Ich kenne den Hafenbahnhof unten an der Elbe, jeden Montag Jazz, das Golem am Fischmarkt, jeden Mittwoch, die Cascadas Bar am Hauptbahnhof, das Birdland in Eimsbüttel, die Fabrik in Altona, Kampnagel, den Cotton Club, den es seit 1959 gibt, und es existiert in dieser Stadt noch einiges mehr. Vom Volt im hippen Karoviertel hatte ich nie gehört.

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