Postangst: Ah! Hilfe! Post!

Warum haben Menschen Angst davor, Briefe zu öffnen? Eine Betroffene erzählt. Von
ZEITmagazin Nr. 34/2017

Meine Angst wartet unter einem Stapel Papier. Zwischen Bücherregal und Bett habe ich einen Berg aufgeschüttet. Auf der Spitze liegen Kassenbons, die ich nie wieder brauchen werde, darunter ein Fundament aus alten Zeitungen und Magazinen. Ganz unten liegt die Angst.

Mein Name ist Anna, ich wohne in München, studiere dort Journalismus und verdiene nebenbei geringe Geldsummen mit Texten über Münchner Lokalpolitik. Und ich habe ein Problem. Ich öffne meine Post nicht. Nie. Manchmal werfe ich sie einfach weg, ohne reinzugucken. Als es angefangen hat, habe ich noch Freunde gebeten, die Briefe für mich zu öffnen. Heute ist mir das peinlich. Ich bin 23 Jahre alt, ich müsste es allein schaffen. Aber ich kann es nicht.

Postangst ist kein anerkanntes Krankheitsbild, es gibt kein Fremdwort dafür. Es gibt Arachnophobie für die Angst vor Spinnen, Klaustrophobie für die Angst vor engen Räumen und Optophobie für die Angst, die Augen zu öffnen. Aber Angst vor der eigenen Post, dafür gibt es keinen Begriff. Dabei haben viele Menschen Angst, zumindest wenn der Brief vom Finanzamt kommt.

Bei mir sind es nicht nur die Botschaften von Ämtern, vor denen ich mich fürchte. Für mich ist jeder Brief unantastbar. Die Weihnachtspost einer Freundin lag bis Ende Januar auf meinem Küchentisch. Dann habe ich den Brief verschlossen ins Altpapier geworfen, weil inzwischen zu viel schlechtes Gewissen an dem Umschlag klebte. Ich habe ihr geschrieben: "Es tut mir leid, ich habe es nicht geschafft, deinen Brief zu öffnen. Vielleicht bin ich verrückt." Briefe schreiben ist kein Problem, nur öffnen geht nicht. Sie hat mich nie wieder darauf angesprochen.

Nun habe ich mir vorgenommen, die Angst zu besiegen. Den Berg abzutragen, die Briefe zu öffnen. Weil es nicht so weitergehen kann. Aus einer Zeitschrift, die ich vor zwei Monaten gekauft habe, fallen drei Umschläge, ungeöffnet. Ich habe sie irgendwann dort hineingelegt, um sie nicht mehr sehen zu müssen.

Ich fange an. Der erste Umschlag. Ich halte mich mit beiden Händen an einer Teetasse fest, die seit gestern halb voll auf dem Küchentisch steht. Der Brief, der vor mir liegt, ist von meiner Haftpflichtversicherung. Mir fällt ein, dass ich mein Bankkonto gewechselt habe, ohne Bescheid zu sagen. Dass ich umgezogen bin, ohne Bescheid zu sagen. Meine Hände zittern, mir ist kalt. Mein Herz pocht, das tut es wirklich. Ich reiße den Umschlag an der schmalen Seite auf.

Wovor habe ich eigentlich Angst? Alles, was in den Briefen steht, passiert mir sowieso. Ich weiß das, aber ich will es nicht wissen.

Die Haftpflichtversicherung schreibt mir auf schwerem Recyclingpapier, dass sie nicht mehr meine Haftpflichtversicherung sein möchte. Ich lese nur das Fettgedruckte – Beitragszahlungen verpasst, Lastschrifteinzug nicht möglich – und denke: Okay. Wenigstens schicken sie dann keine Post mehr. Mahngebühren muss ich trotzdem zahlen. Ich zahle so oft Mahngebühren, dass ich mich daran gewöhnt habe. Mittlerweile ist es wie Trinkgeldgeben, völlig normal. Ich nehme das Überweisungsformular aus dem Brief, den Rest des Papiers schüttle ich ab, wie eine Spinne, die sich auf meine Hand gesetzt hat. War gar nicht so schlimm.

Mir fällt ein, dass ich das mal konnte mit dem Briefeöffnen. Nach dem Umzug in meine erste eigene Wohnung fand ich Post noch großartig, weil sie mir gehörte. Ich hatte eine Unterschrift, die etwas wert war. Ich hatte einen Ordner für Bankpost und einen Ordner für Versicherungspost. Alles war so einfach, dass ich mich heute frage: Wie konnte es eigentlich so weit kommen?

Der nächste Umschlag. Das Logo meiner Krankenversicherung. Ganz oben das Datum: 28. November 2016. Inzwischen ist es April 2017. Die ersten zwei Sätze: "Frau Mayr, wir haben Sie mehrmals gebeten, uns Ihr aktuelles Beschäftigungsverhältnis mitzuteilen. Sie haben nicht geantwortet." Ich dachte, um meine Krankenversicherung müsste ich mich erst in zwei Jahren kümmern, wenn ich 25 werde. Bis dahin bin ich familienversichert. Meine Krankenversicherung sieht das anders: "... demnach stufen wir Sie in die höchste Einkommensklasse ein, woraus sich eine Beitragsnachzahlung von 4.731,23 Euro ergibt."

Ich habe keine 4.731,23 Euro.

Ich rolle mich auf meinem Bett zusammen und heule, als wäre ich noch mal vier Jahre alt. Damals waren wir gerade in eine neue Wohnung gezogen in einer Hochhaussiedlung, ich durfte nach draußen, ohne zu fragen. Einmal, als ich zurück nach Hause wollte, habe ich die richtige Wohnungstür nicht mehr gefunden. Ich habe mich ins Treppenhaus gesetzt und geweint. Mein Schicksal war besiegelt; ich würde für immer auf dieser Treppe sitzen müssen. Die Welt war unendlich groß, und ich war allein darin. So fühlt es sich heute jedes Mal an, wenn ich Briefe öffne. Es ist keine niedliche Macke mehr, es ist gestört.

Eine Angst wird zur Phobie, wenn man Strategien entwickelt, um ihr aus dem Weg zu gehen. Und sich dadurch selbst schadet. Sind 4.731,23 Euro genug Schaden, um krank zu sein? Marc Deuringer ist Verhaltenstherapeut. Auf seiner Website finde ich ein Foto von ihm: weißes Hemd, Sonnenuntergang. Darunter ein Zitat von Marie Curie: "Man braucht sich vor nichts im Leben zu fürchten." Das sehe ich anders, aber die Haltung gefällt mir. Er wird mir wohl sagen können, warum mich die Briefe so fertigmachen. Deuringer glaubt nicht, dass es an den Briefen selbst liegt. "Phobien haben immer eine Ursache, die tiefer geht als die eigentliche Angst." Irgendwann zwischen

dem zweiten Auslandssemester, der Bachelorarbeit und der Suche nach einem Masterplatz hat es begonnen. Die Welt wollte Entscheidungen von mir. Die Entscheidungsvorlagen kamen per Post; Abschlussberichte, Zeugnisse, Mietverträge, Arbeitsverträge. Alle wollten, dass ich weitergehe. Ich wollte nur stehen bleiben. Die Briefe setzten Fristen, ich wollte Zeit. Also habe ich angefangen, den Briefkasten zu ignorieren, bis er von Zeitungen überquoll. Dann habe ich die Zeitungen benutzt, um die Briefe darunter zu verstecken.

Deuringer sagt, dass man mit Phobien auf zwei Arten umgehen kann: konfrontieren oder weitersuchen. Entweder man fängt einfach an, Post zu öffnen – so wie andere Leute lernen, eine Spinne in der Hand zu halten, bis die Angst schließlich kleiner wird. Oder man macht sich auf die Suche nach der Ursache, schaut etwa nach Kindheitserlebnissen, versucht Assoziationen herzustellen. Deuringer selbst hält nichts von Konfrontation: "Am Ende geht dadurch zwar eine Angst weg, aber früher oder später kommt eine neue." Ich müsse an meiner Persönlichkeit arbeiten, an meiner "generellen Lebensangst" – erst dann mache es Sinn, sich mit der Angst zu konfrontieren, wegen der ich gekommen bin. Ich werde ein bisschen wütend auf ihn, weil ich nicht finde, dass ich eine generelle Lebensangst habe. Nur die Briefe. Die sind das Problem.

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