Gesellschaftskritik Über die Partnersuche im fremden Milieu

© Stuart Franklin/Getty Images
Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 35/2017

Wenig ist so anstrengend wie die Partnerwahl. Man weiß nie, was man bekommt, nur, was man will. Und das ist natürlich eine ganze Menge, weil heutzutage eben alle alles wollen. Ein aktuell angesagter Tipp unter partnerausprobierenden Großstädtern, um dem Scheitern der Liebe doch noch entgegenzuwirken, ist daher dieser: "Raus aus der eigenen Filterblase." Denn Liebe, die Grenzen überschreitet, soll ja die echte sein. So wurde es offenbar auch Ex- Spice-Girl Mel B und Popstar Justin Bieber geraten. Mel B datet seit ein paar Wochen einen Beverly Hills Cop, also einen echten Polizisten, keinen aus den Filmen. Und Bieber versuchte vor einigen Tagen über Instagram, eine junge Fitnesstrainerin aus Georgia zu kontaktieren, die ihm in seinem Feed aufgefallen war. Leider war die Frau bereits vergeben, fühlte sich aber so geschmeichelt, dass sie seine Anfrage auf Twitter teilte. Es könnte also jede treffen und das Märchen vom Prinzen, der sich in das gewöhnliche Aschenputtel verliebt, wahr werden.

Schließlich gibt es in Hollywood eine ganze Reihe älterer Beispiele, die darauf hindeuten, dass der Rat mit der Filterblase gar nicht so blöd ist. Matt Damon ist seit Ewigkeiten glücklich mit Kellnerin Luciana Barroso verheiratet. Model Heidi Klum war nach ihrer Trennung von Seal mit Bodyguard Martin Kirsten superhappy. Madonna bekam mit ihrem Fitnesstrainer Carlos Leon sogar ein Töchterchen. Jude Law und Ben Affleck waren kurz in eine Liebelei mit einem Kindermädchen verwickelt, und Schauspielerkollege Patrick Dempsey traf seine große Liebe, die Friseurin Jillian Fink, an ihrer Arbeitsstelle. Sie schnitt ihm drei Jahre lang die Haare, bis es funkte.

Romantisch, oder? Und so ermutigend! Wenn die Liebe bei denen klappt, dann ... Hören wir auf mit diesem Unsinn! Niemand von all den Genannten hatte Sehnsucht nach einem "gewöhnlichen" Partner, einem "Normalo". Niemand ist aus seiner Filterblase ausgebrochen. Die Blase ist noch ganz intakt. Denn alle, wirklich alle, in die sich die genannten Stars verliebten, arbeiten in der Dienstleistungsbranche. Die meisten üben Tätigkeiten aus, die den Stars dienen, also dafür sorgen, dass aus ihnen außergewöhnlich schöne, muskulöse und unantastbare Menschen werden. Das ist keine echte Liebe. Hier geht es um Effizienz und den nächsten Karriere-Move: Aschenputtel-Story in der Presse und lebenslang einen Haarschnitt oder ein Sixpack for free? Check!

Kommentare

5 Kommentare Kommentieren

"Man weiß nie, was man bekommt, nur, was man will."

Das könnte ein passendes Motto für die BTW sein, zumindest für all jene, die sich, bevor sie ihre Kreuzchen auf die Stimmzettel malen, einige Gedanken zur Wahl und der politischen Zukunft gemacht haben. Also natürlich alle ZON-Leser! ;-)

Was die Gestaltung der eigene Liebeszukunft betrifft, wissen vermutlich nicht sehr viele wirklich, was sie wollen, oder besser gesagt, welche PartnerIn sie brauchen, wer ihren Möglichkeiten und Fähigkeiten entspricht und die ergänzt und was sie selbst ihren PartnerInnen in einer Beziehung geben können.

Nicht erst seit den Gebrüder Grimm werden Begehrlichkeiten nach nichtstandesgemäßen Verbindungen geweckt, die den Anfechtungen der Realität nicht standhalten - können.
Ausnahmen bestätigen gerne die Regel.

Damit man gar nicht erst in die Verlegenheit kommt, nicht zu wissen was man bekommt und schlimmer noch zu bekommen was man nicht will, empfiehlt es sich für denkende Menschen, nach Entwachsen der Phase kindlich-jugendlicher Schwärmereien, sich bei seinesgleichen umzusehen. Das fördert zwar nicht die gesellschaftliche Diffusion, was aber nicht grundsätzlich ein Schaden ist und es ergibt sich durch die Lebensumstände oft von selbst.

Zumindest in meinem Umfeld ist diese Strategie ein Garant für (lebens-)lange zufriedene bis glückliche Verbindungen.
Was will man mehr?

Ich glaube kaum, dass Madonna der kostenlosen Trainingsessions wegen ihrem Trainer ein Kind gemacht hat. Das war (so lange es denn ging) dann schon Liebe. Oder zumindest hatte es sich sicherlich so angefühlt, auf jeden Fall für den Star. Eher die "Normalos" sind wohl die, denen unterstellt werden kann, dass sie nicht unbedingt aufgrund der Persönlichkeit des Stars diese Beziehungen eingegangen sind...