Ich habe einen Traum Gina Lückenkemper

"Mit Picasso Zeit zu verbringen gibt mir Kraft"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 35/2017

Seit ich mit fünf angefangen habe zu reiten, war mein Kindheitstraum ein eigenes Pferd. Diesen Traum habe ich mir vergangenen Herbst erfüllt. Mit Picasso Zeit zu verbringen gibt mir Kraft und hilft mir abzuschalten. Dabei reite ich gar nicht so oft, ich gehe viel mit ihm spazieren, spiele oder kuschele mit ihm. Er ist mein Ruhepol. Gerade in Zeiten mit vielen Wettkämpfen ist es für mich sehr wichtig, zur Ruhe zu kommen.

Von dem, was nachts in meinem Kopf passiert, bekomme ich eigentlich nichts mit. Tagsüber ist das anders: Wunschträume und Ziele sind sehr wichtig für mich, ohne sie würde vor allem im Sport nichts vorangehen. Die Zehn vor dem Komma im 100-Meter-Lauf war zum Beispiel lange so ein Traum. Diesen Traum habe ich mir Anfang August bei der Leichtathletik-WM in London erfüllt. Jetzt träume ich von Medaillen bei den nächsten Weltmeisterschaften und den Olympischen Spielen.

Schon als Kind hatte ich einen großen Bewegungsdrang, bin ständig draußen herumgelaufen, bei Wind und Wetter – wahrscheinlich hat mich die Leichtathletik auch deshalb so begeistert. Als 15-Jährige bin ich das erste Mal im Nationaltrikot gestartet, beim U20-Ländervergleich in Frankreich. Da habe ich Blut geleckt: Als ich zurückkam, habe ich zu meinen Eltern gesagt, dass ich im Sommer zur U20-WM fahren werde. Meine Eltern waren erst sehr skeptisch und sagten, ich solle mich nicht übernehmen. Aber wer stand dann in Barcelona im Halbfinale auf der Bahn?

Ich liebe es zu laufen. Jeder Mensch sollte etwas haben, das ihm hilft, seine Sorgen zu vergessen. Wenn ich auf die Bahn gehe und losrenne, kann ich alles um mich herum ausblenden und meinen Kopf ausschalten. Ich bin dann nur in diesem einen Moment und genieße die Bewegung, frei von allem Ballast, ganz bei mir. Es ist ein ganz besonderer, traumähnlicher Bewusstseinszustand.

Natürlich kann der Leistungsdruck diesem Gefühl von Freiheit auch mal im Weg stehen. Deshalb versuche ich, mir den Druck von außen vom Leib zu halten. Mit meinen eigenen Erwartungen kann ich gut umgehen, eben auch, weil ich das Laufen so unfassbar genieße. Wenn der Leistungsdruck jemals den Spaß überlagern sollte, würde ich aufhören.

Ich weiß, dass mein Traum endlich ist. In zwanzig Jahren werde ich wohl nicht mehr als Leichtathletin aktiv sein. Einen Traum für die Zeit nach dem Traum habe ich bisher noch nicht. Ich studiere Wirtschaftspsychologie an der Ruhr-Universität, auch das macht mir großen Spaß. Aber ich weiß nicht, was die Zukunft bringen wird.

Schön wäre es allerdings, wenn sich in der Sportförderung in Deutschland etwas ändern würde. Solange ich oben mit dabei bin, kann ich von der Leichtathletik leben. Sollte das aber vorbei sein – und das kann schnell passieren –, wird es sehr schwierig. In anderen Ländern bekommen Sportler mehr finanzielle Unterstützung, sodass sie, wenn Erfolge ausbleiben, erst mal abgesichert sind. Aber ich kann damit leben. Hätte ich reich werden wollen, hätte ich mir etwas anderes aussuchen müssen.

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