Harald Martenstein Über Kindersendungen

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 35/2017

Wenn man wissen will, was die Zukunft bringt, hat man als Deutscher einen leichten Standortvorteil gegenüber den, sagen wir, Russen oder den Chinesen. Man muss einfach nur die USA und Skandinavien beobachten. Vieles, was in den USA oder in Schweden passiert, ist ja in den vergangenen Jahrzehnten, zeitversetzt, auch nach Deutschland gekommen. Deshalb fand ich einen Zeitungsartikel interessant, in dem es um Aufklärungssendungen im skandinavischen Fernsehen ging. In Norwegen, und zwar im öffentlich-rechtlichen NRK, sind ab November echte Paare beim echten Sex zu sehen. Es handelt sich um eine Sendung für Jugendliche, die Akteure werden mit Zeitungsanzeigen gesucht, sie sollen zwischen 18 und 35 sein. Im norwegischen Kinderprogramm läuft eine Sendung mit Tipps, wie man masturbiert. In Schweden zeigten sie im Kinderprogramm tanzende Genitalien, der Song heißt Snoppen och Snippa, was offenbar "Penis und Vagina" bedeutet. Ich weiß jetzt also ungefähr, wie in fünf Jahren die Sendung mit der Maus aussieht.

Moralische Bedenken habe ich dagegen nicht, ich finde es nur vollkommen sinnlos. Soweit bekannt ist, haben die meisten jungen Menschen schon immer masturbiert, über Hunderttausende von Jahren ist dies ohne Hilfestellung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens möglich gewesen. Tanzen dagegen kann nicht jeder. Insofern scheint mir die Show Let’s dance in puncto Lebenshilfe um einiges sinnvoller zu sein als ein Masturbationskurs, von den Kochshows ganz zu schweigen.

Snoppen och Snippa ist allerdings in Schweden schwer in die Kritik geraten, dies war dem Artikel zu entnehmen. Die tanzende Vagina hat nämlich einen "weiblichen Augenaufschlag", der tanzende Penis dagegen trage einen "coolen Hut". Der Film suggeriere deshalb, dass Menschen mit Penis automatisch Männer seien, während es sich bei Vaginabesitzern automatisch um Frauen handele. Der Kinderfilm sei "transphobisch", er diskriminiere Transsexuelle. Wieso ein "cooler Hut" typisch männlich ist, kapiere ich nicht, meiner Erfahrung nach tragen Männer fast nie coole Hüte. Typische Männer haben Haarausfall und Gewichtsprobleme, aber doch keine coolen Hüte. Und den weiblichsten Augenaufschlag, den ich je gesehen habe, hatte der Sänger Prince im Repertoire, angeblich ein Hetero. Um die Debatte zu entschärfen, haben sie dann jedenfalls den Moderator in einer späteren Folge der Sendung mit blutigen Tampons spielen lassen, er ist durch eine Schule gelaufen und hat "Hipp, hipp, hurra für die Periode" gesungen, dazu spritzte Blut gegen die Mattscheibe. Da waren alle wieder zufrieden. In Deutschland könnte vielleicht Oliver Pocher das machen.

Aus meiner Frühpubertät erinnere ich mich an eine Phase starken Schamgefühls, ich hätte mir so eine Sendung nicht gern angeschaut. Man kapselt sich ein, wahrscheinlich hat man eine Art Abschiedsschmerz, die Kindheit betreffend. Ob es Richtung Hetero, Homo oder sonst was geht, weiß man noch nicht, man will das mit sich selbst ausmachen. Man ist nicht locker und kann es auch nicht sein, man ist unsicher und verletzlich. Neugierig war ich natürlich, aber tanzende Penisse und blutige Tampons wären so ziemlich das Letzte gewesen, was ich sehen wollte. In der Pubertät nimmt man diese Dinge ernst, weil man nah dran ist. Um sich über etwas lustig zu machen, braucht man Distanz. Das sind Sendungen, in denen Erwachsene ihre eigene Coolness feiern, die Kinder sind den Machern scheißegal. Hoffentlich bleibt die Sendung mit der Maus noch eine Weile so, wie sie ist.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Kommentare

3 Kommentare Kommentieren

Avant-propos: Leider sind die wenigen sechs Kommentare zu diesem überaus diskutablen Beitrag des geschätzten Kolumnisten verschwunden - aus welchen Gründen, erschließt sich mir aus meiner Randposition nicht. Ich fände es aber schade, wenn hier gar nichts stünde. Deshalb da capo al fine mein alter #1 ...

Aber, aber, lieber TV-Traditionalist, schon lange nicht mehr „Die Sendung mit der Maus“ gesehen?! „Die Figuren haben keine Namen und sind geschlechtslos“ (Wikipedia s.v.). Das entspräche ja wohl auch nicht dem Forschungsdrang und Bildungsstand der keineswegs schenanten Kinder. In alter Aufklärungsmanier ginge das vielleicht so:
„Sprach die Maus zum Elefant: Sag – was hältst du in der Hand?
Sprach der Tröter zu der Maus: Du hast das nicht – jetzt laß mich aus!“
Und die Klappmaulfiguren „Ratz und Rübe“ aus der guten alten „Rappelkiste“ waren auch ziemlich eindeutig – was ja wohl überkreuz den jungen Schweden „Snoppen och Snippa“entspricht. Übrigens, schon meine pommersche Großmutter sprach bei Ganzansicht ihrer männlichen Enkel von „Schnippedillerich“. Mir scheint eher, in Ihrem Text toben die widersprüchlichen Exegeten von Matthäus 18,3 und 18,7. TransphobistInnen predigen wohl den Donnerfluch: „Wehe der Welt mit ihrer Verführung. Es muß zwar Verführung geben; doch wehe dem Menschen, der sie verschuldet!“ Die Cis-TV-Blasphemiker hingegen bevorzugen: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kleinen, werdet ihr nicht kommen in das Pimmelreich“.