Ion Tiriac Der Pate

Früher war Ion Tiriac Manager von Boris Becker. Während sein ehemaliger Schützling von Gläubigern bedrängt wird, gilt Tiriac als reichster Mann Rumäniens. Würde er Becker heute Geld leihen? Von
ZEITmagazin Nr. 35/2017

Ganz am Ende des Gespräches wird Ion Tiriac einen Satz sagen, der verstörend klingt, einen Satz, den man ihm nicht zutraut, nicht Tiriac, dem früheren Manager des Tennisidols Boris Becker, dessen Erzieher, Generalunternehmer, Paten, nicht dem Rumänen Tiriac, genannt Graf Dracula, diesem Antreiber, Besitzergreifer, Fanatiker, dem ehemaligen Coach von Tennisstars wie Anke Huber, Henri Leconte, Guillermo Vilas. "Ich hasse Tennis", lautet der Satz, und man muss weit ausholen, um ein bisschen besser zu verstehen, warum er so etwas sagt.

Der 78-jährige Ion Tiriac war früher ein weltberühmter Mann. Das hatte er Boris Becker zu verdanken, einem Jungen aus Deutschland, der in den achtziger Jahren dreimal Wimbledon gewann. Beim ersten Mal war Becker 17, bis heute der jüngste Wimbledon-Sieger aller Zeiten. Tiriac wurde sein Betreuer, nachdem er in den sechziger Jahren als Eishockeyspieler und in den siebziger Jahren als dreimaliger Davis-Cup-Finalist Karriere gemacht und danach ins Management gewechselt war. Jeden Tag arbeitete Tiriac mit Becker zusammen, manchmal vier, manchmal zwölf Stunden lang. Tiriac beschaffte Geld, er kümmerte sich um Beckers Einnahmen, aber sein Verhältnis zu Becker ging weit darüber hinaus. Tiriac widmete sich ihm mit der Besessenheit eines Übervaters. Fast zehn Jahre lang ging das so, dann trennte sich Becker von Tiriac. Er glaubte, sich allein im Leben behaupten zu können. Das war 1993, und wahrscheinlich war diese Entscheidung die dümmste in einer Kette dummer Entscheidungen. Nie war es Becker besser gegangen als unter seinem Beschützer Tiriac, und deswegen würde man gern wissen, wie Tiriac heute auf Becker blickt.

Mit Ion Tiriac kann man nicht einfach einen Termin vereinbaren, indem man das Sekretariat seiner Firma in Bukarest anruft und sich danach erkundigt, wann er Zeit hat. "Sie können sich nicht vorstellen, wie voll sein Terminkalender ist", sagt die Sekretärin in geschliffenem Englisch. Ein paar Tage später klappt es doch. Die Sekretärin mailt einen Zeitplan, in dem ein bis zwei Stunden für ein Gespräch vorgesehen sind, in einem Country Club in Rumänien.

Steigt man am Flughafen in Bukarest aus der Maschine und setzt sich in ein Taxi, bekommt man bereits eine Vorstellung von Ion Tiriac. Am Rande einer Durchgangsstraße steht ein großes Schild, "Tiriac Collection". Dahinter eine Firmenhalle mit der Aufschrift "Tiriac Auto". Wenige Minuten später wieder eine Halle, wieder "Tiriac Auto". Plakate am Straßenrand werben für die "Tiriac Foundation", seine Stiftung. Wird hier das Märchen vom gestiefelten Kater neu erzählt? Ein Kater wollte den Ruhm seines Herrn, eines Grafen, vergrößern, und so lief er zu den Bauern auf den Feldern, um ihnen eine Botschaft einzuschärfen. Fragte sie jemand, wem all diese Wiesen und Äcker gehören, dann hatten sie zu antworten: "Dem Grafen."

Doch Tiriacs Reich ist keine Erfindung, es existiert. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus begann seine große Zeit. Becker hatte gerade zum dritten Mal ein Wimbledon-Finale gewonnen, auch Tiriac profitierte immens von Beckers Erfolgsserie. Tiriac gründete eine Bank, ihm gehören heute Autohäuser, Immobilien, eine Security-Firma, eine Versicherung, eine Leasingfirma, die Fluggesellschaft Tiriac Air – zwei Flugzeuge, ein Helikopter. Das amerikanische Magazin Forbes schätzt sein Vermögen auf rund 1,3 Milliarden Dollar. Würde man eine Linie des beruflichen Erfolgs zeichnen, die bei Beckers spektakulärem Wimbledon-Sieg im Jahr 1985 beginnt, dann würde Beckers Kurve zunächst steil nach oben führen, mit einem Mal fallen und sich rapide dem Nullpunkt nähern. Tiriacs Kurve würde stetig nach oben weisen, ununterbrochen.

Am Abend vor dem Gesprächstermin schickt die Chefsekretärin der Tiriac Holdings eine kleine Delegation ins Hotel. "Treffen um 19.30 Uhr", hat die Sekretärin gesimst. Die Delegation verhandelt gerade mit dem Geldgeber Tiriac und soll eine Ahnung von seiner Geschäftswelt vermitteln: Die Delegation besteht aus zwei Fischzüchtern. Der eine Mann ist massig, sein Partner ist schmal und drahtig. Sie setzen sich an einen Tisch in der Hotellobby und sprechen über Störe. 6.000 Störe halten sie in einem See, Beluga-Störe, die den kostbarsten Kaviar der Welt produzieren. Tiriac besitzt schon ziemlich viel, sogar Jagdreviere in Afrika und Neuseeland, aber Beluga-Störe besitzt er noch nicht. Tiriac Fish, das wäre neu.

"Luxus bleibt Luxus", haben die beiden zu ihm gesagt. Sie haben erzählt, dass Störe die größten Süßwasserfische der Welt sind, dass sie bis zu acht Meter lang werden können, Knochenfische, sagenhafte Geschöpfe aus grauer Vorzeit. "Sie sind primitiv, aber sie überleben", haben sie gesagt. Das war die Pointe, mit der sie bei Tiriac landen konnten.

Am nächsten Morgen, kurz vor dem Gesprächstermin, stellt sich Ion Tiriac ein weiteres Mal vor, ohne persönlich in Erscheinung zu treten. Seine Sekretärin hat eine Führung durch eine Oldtimer-Galerie organisiert. 400 Oldtimer besitzt Tiriac, 160 davon sind in einer Ausstellung zu besichtigen. Vor einem pinkfarben lackierten Rolls-Royce bleibt die Führerin stehen und sagt: "Wissen Sie, wem der Wagen früher gehörte? Elton John." Manchmal komme Ion Tiriac morgens vorbei und hole sich einen Rolls-Royce für die Fahrt durch die Stadt. Im Sommer nehme er gern einen offenen Cadillac. "Jedes Kind in Rumänien kennt ihn", sagt die Führerin. Ein Eishockeystadion hat er gebaut, in dem Kinder kostenlos üben können. Demnächst will er eine Hochschule gründen, die Tiriac University.

Draußen vor der Tür wartet der Chef einer Autowerkstatt und bittet zu einem schnellen Besuch. In einer Halle arbeiten 60 Leute, die nichts anderes tun, als all die Oldtimer zu restaurieren, die sich Tiriac auf Auktionen in England und den USA zulegt. Der Werkstattchef schlägt ein großes Laken zur Seite, ein schwarzer Cadillac kommt zum Vorschein. "Wissen Sie, wem der früher gehörte? Evita Perón."

Zeit zum Aufbruch, exakt um elf Uhr soll das Gespräch beginnen. "Es ist ein unglaublicher Ort", sagt der Fahrer auf dem Weg zum Stejarii Country Club, den Tiriac vor wenigen Jahren bauen ließ. Gegenüber, in einem Apartmenthaus, wohnt er, wenn er in Bukarest ist. Meist fliegt er jedoch mit seinem Jet durch die Welt, oft steuert er ihn selbst. Oder er verbringt ein paar Tage in seinem Haus in Monte Carlo. Dort wuchsen seine Kinder auf, die er mit einer 30 Jahre jüngeren Partnerin bekam. Ob er das alles extra so arrangiert hat wie in einem Puppenhaus, in dem er das Klischeedasein eines reichen Patriarchen ausstellt, der sich mit Insignien des überbordenden Wohlstands lückenlos ausstattet?

In einem kleinen Wald, mitten in Bukarest, öffnet sich das Gelände zu einem Golf- und Wellness-Club, in dem es auch ein paar Tennisplätze gibt. Eine Schranke hebt sich, der Wagen hält, eine nervöse Pressesprecherin trippelt heran und bittet darum, sich zu beeilen. Tiriac sei eher gekommen, er warte in der Lounge.

Ion Tiriac sitzt in einem Sessel und tippt auf seinem Smartphone herum. Sein Deutsch ist noch immer gut, es stammt aus Beckers Zeiten. Und noch immer trägt er diesen Tiriac-Bart, bei dem man sich fragt, ob es ihn auf der Welt ein weiteres Mal geben könnte. Der Bart des amerikanischen Wrestlers Hulk Hogan ist eckiger. Der Bart des ersten Präsidenten Transnistriens, Igor Smirnow, ist nicht eckig genug. Irgendwo zwischen einem durchgeknallten Wrestler und dem Staatschef einer nicht anerkannten Republik hat Ion Tiriac seinen Stil gefunden.

Für eine Galerie werden Oldtimer restauriert, die Tiriac ersteigert hat. Einer gehörte Elton John. © Emile Ducke

Er hat das Jackett seines Anzugs ausgezogen. Dann fällt ihm auf, dass dieser Platz nicht für ein Gespräch geeignet sei, zu viele Geräusche im Hintergrund. Er verlässt den Tisch, setzt sich in die hintere Ecke des Raumes, und seine Pressesprecherin trägt ihm eilig die Anzugjacke hinterher.

Dann spricht er über Tennisspieler, die er als Manager betreute. Manchmal nennt er sie seine Kinder, manchmal seine Babys. Boris Becker muss ein besonderes Baby gewesen sein. Tiriac sagt: "Ich musste wissen, was ein Tennisspieler morgen will, ohne dass der schon wusste, was er morgen will." Er nennt Boris Becker einen "Nein-Mann". Was soll das sein? Wünschte Tiriac ihm einen guten Morgen, habe Becker oft geantwortet: "Nein!" Warum nein, habe Tiriac ihn gefragt. "Fühle mich nicht gut."

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