Ion Tiriac Der Pate

Stets habe er Becker von etwas überzeugen müssen, dem sich der Junge widersetzt habe. Manchmal verkündete Tiriac das Gegenteil von dem, was er meinte, damit der Nein-Mann ihm folgte.

Der Sportler Boris Becker war zu dick und zu langsam, als Tiriac ihn kennenlernte. Er schickte Becker einen Monat lang ständig auf den Tennisplatz, so lange, bis die Schulter nicht mehr mitmachte. "Boris hat so viel Willen gehabt, viel mehr als andere Tennisspieler. Das hat ihn groß, und das hat ihn kaputtgemacht." Ion Tiriac stutzt einen Moment, denkt nach und sagt plötzlich: "Kaputt war er nie." Tiriac spricht sehr milde über Becker, will über ihn nichts Abschließendes sagen. Solange noch ein Rest des einstigen Idols Becker erhalten bleibt, so lange geht dieses Idol auch Tiriac nicht verloren.

Im Mai dieses Jahres traf er Boris Becker auf dem Turnier Roland Garros in Paris. Tiriac ließ sich von Becker zu einem Interview für den Fernsehsender Eurosport überreden, für den Becker Spiele kommentiert. Als die Kameras aus waren, tauschten sie nur Oberflächliches aus. Sie plauderten kurz über ihre Kinder, ihre Frauen und ehemaligen Frauen, nicht über Gefühle, nicht über ihre Lebenslage, auch nicht über Geld. Tiriac ersparte ihm die schmerzhaften Fragen, vielleicht, weil er ahnte, in welch bedrohliche Lage sich Becker manövriert hatte.

Früher hatten sie sich pausenlos unterhalten. Nach dem ersten Wimbledon-Titel sprach Tiriac mit dem Mann, den er sein Kind nennt, einen Monat lang, Tag für Tag. Über Gott redeten sie, über den Krieg, über Hitler, Stalin, Familiengeschichten, über alles. Als diese Verbindung am Ende zerbrach, war niemand so gut über Beckers Situation im Bilde wie Ion Tiriac. "Ich weiß genau, was er verdient hat in diesen Tagen. Boris Becker war in diesem Moment der reichste Sportler der Welt."

Als Becker 1999 die Tenniskarriere beendete, geriet bei ihm viel durcheinander. Er beteiligte sich an einem Internetportal, das pleite ging. Er steckte Geld in eine Öko-Firma, die Insolvenz anmeldete. Er gab Steuererklärungen ab, die falsche Angaben enthielten, und wurde gerichtlich verurteilt. Er heiratete und ließ sich scheiden. Er bekam ein Kind mit einem Model, das er in einer Besenkammer geschwängert hatte. Er heiratete erneut, ein Model, aber nicht das aus der Besenkammer. In diesem Jahr wurde bekannt, dass Becker von einem Konkursgericht in London für zahlungsunfähig erklärt wurde. Die vorerst letzte Eintragung in seinem Lebenslauf lautet: Der staatliche Insolvency Service in England schätzt Beckers Vermögen auf etwa 340.000 Euro. Seine Gläubiger verlangen von ihm umgerechnet 21 Millionen Euro, mindestens. Becker behauptet, er sei nicht pleite. Aus einem 17-jährigen Wunderkind ist ein 49-jähriger Mann geworden, der auf der Flucht ist vor sich selbst. Das ist, in Kürze, die Chronik eines sensationellen Absturzes.

Heute sehen sich Tiriac und Becker selten, wenige Male im Jahr, bleiben einander aber auf verschlungene Weise verbunden. Fragt man Tiriac, was er von dem Geschäftsmann Becker hält, dann antwortet er: "Boris Becker wollte immer herausfinden, wie gut er ist." Becker hat sich nach seiner Zeit auf dem Tennisplatz als Entertainer, Partylöwe und Investor ausprobiert und viel über sich herausgefunden, er ist von einer Blamage in die nächste gestolpert. Aber davon erwähnt Tiriac nichts.

In seinen Erinnerungen steht ein störrischer, rothaariger Junge hoch konzentriert auf einem Tennisplatz, und jemand ruft kurz vor dem Ende: Matchball Becker. Es verbirgt sich viel Eigenliebe in dieser Zuneigung, großer Stolz und ein wenig Melancholie. Tiriac spricht über ihn wie über einen weißen Elefanten, ein ganz und gar unwahrscheinliches Wesen, das seine privilegierte Stellung aus sich selbst heraus rechtfertigen darf, den größten Schutz verdient und nur einem König zusteht.

Einmal, kurz vor einem Turnier in Hamburg, wusch Tiriac dem Jungen die Tennishose und trocknete sie, weil Becker die Tasche mit den anderen Hosen irgendwo vergessen hatte. Tiriac hätte alles für Becker getan.

Herr Tiriac, sind Sie reich?

"Ich glaube nicht, dass ich reich bin. George Soros ist reich, und Bill Gates. Ich bin sicher nicht arm. Ich habe noch dreimal am Tag zu essen. Ich habe noch Geld genug, um das Benzin für mein Flugzeug zu zahlen."

Herr Tiriac, es heißt, Sie seien der reichste Mann Rumäniens.

"Ich weiß nicht. Ich habe viel investiert."

Angenommen, Boris Becker käme heute zu Ihnen. Würden Sie ihm Geld leihen, wenn er Sie darum bitten würde?

"Jeden Tag."

Jeden Tag?

"Jeden Tag. Immer. Ohne Problem."

Dann schaut er einen sehr lange an und sagt: "Verstehen Sie: Er ist ein Teil meines Lebens." Diesen Satz wird er später wiederholen und hinzufügen: "Niemand kann mir das wegnehmen."

Und wenn Becker Sie um zehn Millionen Euro bitten würde, dann würden Sie ihm das Geld geben?

"Wenn er zehn Millionen für ein Ziel braucht, dann werde ich sie ihm geben."

Und wenn er damit Verbindlichkeiten abstottern wollte?

"Wenn er etwas investieren will, kann ich es ihm geben."

Natürlich müsse er, Ion Tiriac, zunächst den Vorstand seiner Stiftung einweihen. "Persönlich würde ich sofort Ja sagen."

Als das Gespräch zu Ende ist, bittet der Fotograf Ion Tiriac, sich für ein paar Bilder auf einen der Tennisplätze im Club zu stellen. Tiriac erhebt sich und läuft etwas schwerfällig durch die Korridore des Hauses. Er stellt sich auf einen leeren Aschenplatz und weiß nicht recht, wie er sich bewegen soll. Tiriac war selber Profispieler, aber nie brachte er es auf das Niveau von Boris Becker, vielleicht war das sein größtes Glück. Seit 40 Jahren hat Tiriac keinen Tennisschläger mehr in die Hand genommen, und jetzt soll er sich auf einem Platz präsentieren.

Tiriac will das Fotoshooting abkürzen, er hat noch Termine. Er möchte den Platz verlassen, aber der Fotograf möchte, dass Tiriac bleibt. So entsteht ein Wettstreit zwischen dem, was der Fotograf will und Tiriac erlaubt. "Keine Fotos mehr", befiehlt Tiriac, aber der Fotograf lässt ihm die Ungeduld nicht durchgehen. Der Moment, an dem es Tiriac nicht mehr ertragen wird, sich dem Willen eines Mannes auf einem Tennisplatz zu fügen, ist nicht mehr fern.

Als Tiriac den Court verlässt, sagt er laut: "Ich hasse Tennis!" Er hasst seine Arme, die nicht mehr mitspielen, und er hasst seine Beine, die zu langsam geworden sind. Nur seine Augen gehorchen ihm noch, die Augen, die in Bruchteilen einer Sekunde erkennen, ob ein Return sitzen wird. Den Hass, der eigentlich seinem müden Körper gilt, lenkt er um auf den Tennisplatz.

Schließlich läuft Tiriac dicht neben dem Fotografen her, der noch sehr jung ist, 23 Jahre alt. Für einen kurzen Moment glaubt man ein fast vergessenes Bild zu sehen, den Meister mit seinem eigensinnigsten Lehrling. Ion Tiriac legt seinen Arm freundschaftlich auf die Schulter des Fotografen. Der Junge hat, ohne es jemals gewollt zu haben, eine Prüfung bestanden.

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