© Juergen Teller

Anna Ewers In ihrer eigenen Zeitzone

ZEITmagazin Nr. 36/2017
Eine Begegnung mit Anna Ewers, dem neuen Supermodel – sehr spät abends, weil sie es so wünschte. Was ist, außer ihrer Wachheit, das Geheimnis ihrer märchenhaften Karriere? Von

Es ist nicht leicht, Anna Ewers zu treffen. Nicht weil sie nicht reden möchte, sondern weil sie ständig unterwegs ist. Die 24-Jährige zählt zu den erfolgreichsten deutschen Models. In Deutschland ist sie fast nie. Sie wohnt in New York und fliegt dauernd um die Welt – für Modeaufnahmen wie jene mit Juergen Teller in Tokio, die wir in diesem Heft zeigen. Am besten, man passt sie irgendwo ab, wenn sie vorbeikommt.

Ich habe Glück, gerade hat Anna Ewers einen Job in Paris, eine neue Werbekampagne. Sie sei nur kurz da. Aber wenn ich am Samstag früh morgens einen Tisch im Hotel Mandarin Oriental reserviere, dann könnte ich sie treffen, auf einen Kaffee, bevor sie weiter müsse zum Flughafen. Immerhin trinkt sie Kaffee, denke ich.

Meine Reise zu Anna Ewers beginnt also am Freitagabend am Flughafen Berlin-Schönefeld. Der vielleicht einzige Flughafen der Welt, in dem die Abflughalle eine Burger-King-Filiale ist. Der Start verschiebt sich, also warte ich neben dem Grillfleisch. Es erreicht mich eine E-Mail von Annas Managerin, mit dem Betreff "Change of Plans". Dort steht, dass Anna es sich anders überlegt habe. Sie wolle das Interview gerne noch am selben Abend führen, ganz egal, wie spät es werden würde, nur nicht beim Frühstück. Ich schreibe zurück, dass es verdammt spät werden könnte. Die Antwort: Anna mache das nichts aus.

Also sitze ich nachts um halb eins in der Lobby des Mandarin Oriental, das bis auf mich und den Portier in tiefen Schlaf versunken ist, und frage mich, ob ich noch nach Whopper rieche. Und dann erkenne ich, wie eine Gestalt auf mich zukommt. Erst ist sie verschwommen, nur langsam nimmt sie Konturen an. Verdammt – besonders nachts kann ich schlecht sehen, ich bin ein bisschen kurzsichtig. Die Spitzen ihrer blonden Haare wippen wie in einem Achtziger-Jahre-Film. Es ist Anna Ewers. Sie begrüßt mich so herzlich, als hätten wir uns schon hundertmal gesehen. Dabei sehe ich sie erst seit fünf Metern.

Anna Ewers hatte heute einen Arbeitstag. Sie war von früh morgens an auf dem Set. Nach drei Wochen Shootings in aller Welt: Tokio, London, Neuchâtel – nun Paris. Sie hat eine Energie wie ein junger Hund. Sie trägt eine Jeans und ein bauchfreies Top. Sie lässt sich in die Polster einer der Sitzbuchten in der Lobby plumpsen. Ins Mandarin Oriental gehe sie gerne, sagt sie, weil es eines der wenigen Hotels in Paris sei, das über einen Swimmingpool verfüge, wo man noch richtig Bahnen schwimmen könne. Und Schwimmen sei der einzige Sport, zu dem sie noch komme. Früher hat sie Fußball gespielt.

Ein Fußballmädchen als Model? Das passt nicht zu dem Bild, das die meisten Menschen von diesen Frauen haben. Model ist in Deutschland ein problematischer Beruf. Wenn es überhaupt als Beruf angesehen wird. Einerseits werden Models bewundert, zum anderen stehen sie ständig in der Kritik. Schönheit gilt vielen als etwas Oberflächliches, das nicht mit seelischer Tiefe einhergeht. Zugleich müssen sich Models stets für ihre Körper rechtfertigen. Normalerweise gilt es als unmöglich, Menschen wegen ihrer Körpermaße anzugehen. Models sind davon ausgenommen. Man wirft ihnen vor, sich den size zero- Idealen der Modeindustrie entsprechend zurechtzuhungern und so Magersüchtigen ein Vorbild zu sein. Auf der anderen Seite werden Models fast kultisch verehrt: Im Fernsehen wird jedes Jahr Germany’s Next Topmodel gesucht, obwohl keine der Kandidatinnen je ein erfolgreiches Model geworden ist. Im Grunde ist nicht einmal die Gastgeberin der Show, Heidi Klum, ein Model im Sinne der Modeindustrie. Sie war nie auf Laufstegen unterwegs, um Mode in Paris oder Mailand zu präsentieren, sondern begann ihre Karriere in der Bikini-Ausgabe von Sports Illustrated.

Die Welt, in der Anna Ewers arbeitet, ist ein bisschen anders. Hier regieren Agenturen, die ihre Models wie eine mehr oder weniger wertvolle Fracht rund um die Welt schicken. Hier wird in Körper, Gesichter und Identitäten investiert, und so schnell man bejubelt wird, wird man auch wieder vergessen. Eine Welt der "Verführung und Vernichtung", wie Alicia Drake sie in ihrem Buch The Beautiful Fall beschrieb. Wer hier ganz oben ist, fliegt so viel um die Welt, dass er kaum mehr einen Fuß auf den Boden setzt, muss diszipliniert arbeiten und jederzeit damit rechnen, dass es vorbei ist, dass ein neues Gesicht in den großen Kampagnen auftaucht, eine neue identity und man selbst auserzählt ist. Diese Welt braucht keine Blitzlichtgewitter und keine Einschaltquoten. Sie ist ein geschlossenes System, und in dieser Welt ist Anna Ewers einer der großen Namen, seit fünf Jahren schon. Es ist eine globale Szene, die Models identifizieren sich eher selten mit ihren Herkunftsländern, es spielt keine Rolle, ob man aus Schweden, Singapur, den USA oder Russland kommt. Man spricht Englisch und arbeitet in international zusammengestellten Teams.

Die heimische Presse fremdelt zuweilen mit diesen jungen Frauen, die aus Deutschland kommen und trotzdem selten dort zu Besuch sind. Zu Anna Ewers fiel der Bild-Zeitung die Zeile ein: "Von der Dorfschönheit zum Mega-Model". Dabei kommt Anna Ewers genau genommen nicht vom Dorf, sie wuchs im Freiburger Stadtteil Tiengen auf – der allerdings aussieht wie ein Dorf, umgeben von Feldern und Weinbergen und von der eigentlichen Großstadt durch einen Wald und einen See getrennt. Ein Stadtteil, in dem man sich im Gasthaus Zum Anker trifft und sich bei Dein Frisör die Haare schneiden lässt. 

In ihrem Austauschjahr in Kolumbien entdeckte sie ihre Schönheit. In Deutschland war sie ihr nicht aufgefallen

Das Haus der Familie Ewers liegt am Rand der Ortschaft, ein Einfamilienhaus mit Giebeldach. Unter dem Dach hatte Anna ihr Zimmer. Sie besuchte ein Gymnasium in Freiburg, spielte Blockflöte und nahm Reitstunden. Anna musste das Zimmer mit ihrer älteren Schwester teilen. Nur die älteste der drei Ewers-Schwestern hatte ein eigenes Zimmer. Das Haus ihrer Eltern, beide Lehrer, war nicht groß genug, als dass jedes Kind zu jeder Zeit ein eigenes Zimmer gehabt hätte. Bald gingen sich die Schwestern auf die Nerven. Es fand sich ein Ausweg: Schüleraustausch. Reihum verbrachte jede ein Jahr im Ausland. Die Daheimgebliebenen hatten fortan jede ein eigenes Zimmer. Anna war die Letzte, die ins Ausland ging. Sie wollte nach Honduras, dann wurde Kolumbien daraus, wo sie bei einer Familie in Cali wohnte, der drittgrößten Stadt des Landes. Es waren die aufregendsten Monate ihres Lebens. Sie lernte, dass dort Menschen zusammenkommen, nicht um zu reden oder Kaffee zu trinken, sondern um gemeinsam zu tanzen. Sie lernte dort eine Herzlichkeit kennen, die sie aus Deutschland nicht kannte.

Einmal, so erzählt sie in der Pariser Hotellobby, habe sie bei einem Ausflug in die Berge ihre Tasche in einem Café liegen lassen, mit Geld, Ausweis und Handy. Als sie verzweifelt im Café anrief, hatte man ihre Sachen längst sichergestellt. Nichts fehlte – in einem Land, in dem ein Drittel der Bevölkerung in Armut lebt. Anna Ewers lernte schnell Spanisch, las Hundert Jahre Einsamkeit von Gabriel García Márquez und lernte, sich in einer Welt zurechtzufinden, die mit ihrer Heimat nichts gemein hatte. Und sie entdeckte, dass sie schön ist. "In Freiburg war ich nichts Besonderes, da gab es überall blonde Mädchen." In Kolumbien aber war jemand wie Anna eine Rarität.

"Eine Freundin dort meinte, ich sei so hübsch, ich solle doch modeln." Ans Modeln hatte Anna Ewers nie gedacht. Sie liebäugelte eher damit, Architektur zu studieren. Der Modeagent in Cali war allerdings sofort begeistert, und Anna hatte bald ihre ersten kleinen Jobs. Es waren kleine Produktionen, keine großen Engagements. Und trotzdem hatte die junge Freiburgerin eine neue Welt gefunden, in der sie bald eine wichtige Rolle spielen sollte, die Welt der Schönheit.

Nach ihrer Rückkehr nach Freiburg brachte Anna Ewers zunächst das Abitur hinter sich, dann überlegte sie, vielleicht wieder Jobs als Model anzunehmen und sich bei einer Agentur zu bewerben.

Der Mann, bei dem sie sich vorstellte, konnte kaum glauben, wie ihm geschah. Enzio Maggiore führte im Jahr 2012 schon einige Jahre lang eine Modelagentur. Aber eigentlich waren die Models, die er in seine Kartei aufnahm, vor allem Personal für die Events, die er organisierte. Seine Spezialität waren Modenschauen bei regionalen Anlässen oder in Boutiquen. Enzio Maggiore lieferte das Komplettpaket, Laufsteg und Models inklusive. Wer bei Maggiore vorstellig wurde, hatte nicht die Perspektive, auf den Laufstegen von Paris aufzutreten, wohl aber bei der Freiburger Modenacht Joy of Fashion, wo zehn Freiburger Modegeschäfte ihre Kollektionen vorführen.

Als Maggiore 2012 die Bilder von Anna Ewers in die Hand bekommt, erkennt er, dass sich das ändern könnte. "Ich glaubte an einen Scherz", erzählt er, "denn das Mädchen auf den Bildern hielt ich für die junge Claudia Schiffer. Ich rief sofort an, um zu erfahren, ob es diese Anna Ewers überhaupt gibt." Als sie dann tatsächlich in seiner Agentur steht, ist er sich sicher, dass er endlich das Mädchen gefunden hat, das ihn aus der Provinz holen würde, das ihn von Freiburg nach New York, Mailand und Paris bringen würde.

Enzio Maggiore machte damals sein Geschäft in Freiburg, er hatte aber durchaus Kontakte nach Mailand und Paris. Anna Ewers ging also in die italienische Modemetropole. Sie hatte nur kleines Gepäck dabei. Sie erinnert sich, wie beeindruckt sie war. Alles war so professionell, so routiniert, nur für Anna war alles neu. Was macht man, wenn man gesagt bekommt: "Can you walk for me, please"? Wer macht sich denn schon Gedanken über den eigenen Gang?

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