Harald Martenstein Über ein medizinisches Experiment

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 36/2017

Hin und wieder lese ich, dass die deutsche Wissenschaft international ein bisschen den Anschluss verloren hätte. An der Universität Bonn aber haben sie kürzlich eine Entdeckung von globaler Relevanz gemacht, in Zusammenarbeit mit Kollegen aus Lübeck und, na ja, Oklahoma. Sie haben herausgefunden, wie man eine negative oder skeptische Haltung zur Zuwanderung therapeutisch behandeln kann.

Der Sprecher des Forscherteams, René Hurlemann, beschreibt das Problem auf der Homepage der Hochschule so: "Die eigene Familie und Freunde stehen einem meist näher als wildfremde Menschen." Diese Haltung habe sich seit der sogenannten Flüchtlingskrise bei einigen Personen bemerkbar gemacht. Sie sei schwer aus den Leuten herauszukriegen, weil sie zu unserem evolutionären Erbe gehört. In der Vergangenheit führten Fremde, die vor der eigenen Höhle oder dem Dorf auftauchten, ja manchmal durchaus Böses im Schilde.

Sie haben 183 Studierende engagiert. Sie wurden befragt und danach in zwei Gruppen aufgeteilt. Die erste Testgruppe bestand aus Leuten, die Zuwanderung uneingeschränkt befürworten. In Gruppe zwei versammelten sich alle, die eher skeptisch oder gar ablehnend waren. Jeder Testperson wurden 50 Euro geschenkt, dann setzte man alle vor den Computer und konfrontierte sie mit Spendenwünschen, sowohl von notleidenden Einheimischen als auch von Flüchtlingen. Jeder durfte spenden, wem er will. Das nicht gespendete Geld durfte man behalten.

Erwartungsgemäß spendete Gruppe eins deutlich mehr für Flüchtlinge als für Menschen, die schon länger hier leben. Gruppe zwei, die Skeptiker, verhielt sich genau umgekehrt und behielt generell mehr Geld für sich selbst. Dann wurde einigen Testpersonen ein Nasenspray verabreicht, es enthielt Oxytocin, ein Bindungshormon, welches der Körper zum Beispiel ausschüttet, wenn Mütter ihr neugeborenes Baby in den Arm nehmen. Die anderen Studenten bekamen ein Placebo. Das Hormon schlug tatsächlich an. Die mit Oxytocin gefluteten Testpersonen, und nur sie, spendeten im zweiten Versuch doppelt so viel. Dies galt aber nur für Gruppe eins. Gruppe zwei war gegen das Hormon resistent und änderte ihr Verhalten kein bisschen.

In der dritten Runde probierte das Forscherteam etwas Neues aus. Die Negativen, wie Gruppe zwei in der Mitteilung der Uni auch heißt, wurden über das Spendenverhalten der anderen informiert. Sie konnten sehen, wie viel die anderen gegeben hatten und wie knauserig sie selbst im Vergleich dastanden. Außerdem gab es wieder eine Hormondröhnung. Diesmal wirkte es. Das Spendenaufkommen für Flüchtlinge stieg in der Gruppe mit negativer Grundeinstellung um 74 Prozent, bei Spenden für Einheimische zeigten sich die Negativen genauso zugeknöpft wie vorher. Die ideale Heilungsmethode sei also, so das Fazit der Studie, die "kombinierte Darreichung von Hormon und sozialer Norm". Wenn nur eines von beiden verabreicht wird, genügt das nicht. Hurlemann sieht hier vor allem "Vorgesetzte, Nachbarn und Freunde" der Negativen in der Pflicht.

Wenn der Vorgesetzte und der Nachbar auch negativ sind, funktioniert es natürlich nicht. Deshalb halte ich es für sinnvoller, das Oxytocin gleich in das Trinkwasser zu tun oder in die Luft, ich kann mich an Science-Fiction-Filme erinnern, in denen so was gemacht wurde. Wahrscheinlich kann man bald alle Arten von Negativität heilen, das muss man nicht auf ein Thema begrenzen. Aber was, wenn die Hormonbombe in falsche Hände gerät? Es gibt ja auch böse Menschen, zum Beispiel in Oklahoma.

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