Ich habe einen Traum Mike Rutherford

"Meine Eltern waren mit mir völlig überfordert"
Aus der Serie: Ich habe einen Traum ZEITmagazin Nr. 36/2017

Einen Traum träume ich seit Jahrzehnten immer wieder: Ich wohne in einem großen, alten Haus, es ist jedes Mal das gleiche Haus, ich erkenne Vorhänge und Möbel wieder. Das Dach ist undicht, es tropft durch die Decke. Ich nehme meinen Werkzeugkasten, klettere auf das Dach und versuche es abzudichten. Aber was immer ich auch versuche, das Regenwasser hört nicht auf, durch die Decke zu tropfen. Dann wache ich auf, ohne das Problem behoben zu haben.

Diesen Traum habe ich vor allem in Zeiten, in denen ich unter Stress stehe. Er erinnert mich daran, dass ich im Leben nicht alles kontrollieren kann, sosehr ich es auch versuchen mag. Das Leben macht eben manchmal, was es will. Ich bin eigentlich kein sehr gestresster Mensch, aber auch in meinem Leben gibt es Stressfaktoren – die Sorge um das neue Album zum Beispiel oder die Sorge um die Familie. Wie wohl in jeder Familie gibt es auch in meiner ein Mitglied, um das man sich mehr sorgt als um die anderen.

Es ist doch so: Wir Eltern wünschen uns ein perfektes Leben für unsere Kinder und Enkel. Wir träumen davon, dass sie glücklich werden, möglichst keinen Schmerz, kein Leid, keine Angst erleben. Aber so ist das Leben eben nicht. Natürlich gehören auch negative Erfahrungen zum Leben dazu, und sie können ja auch hilfreich sein. Aber für Eltern ist das schwer auszuhalten, zumindest für mich. Als Vater habe ich immer versucht, Unheil von meinen Kindern fernzuhalten – bei dem einen ist es besser gelungen, bei dem anderen schlechter. Einzusehen, dass ich letztlich keine Kontrolle habe über das Wohl meiner Familie, ist sehr schwierig. Dieser Traum erinnert mich immer und immer wieder daran.

Meine Beziehung zu meinem Vater, einem Marineoffizier und Kriegsveteranen, war schwierig. Er war ein freundlicher Mann, aber er war vom Krieg emotional verletzt, und er entstammte einer Generation, die es nie gelernt hatte, mit ihren Kindern zu reden. Als ich jung war, tauchten die Beatles auf, Popmusik, Drogen. Bis dahin waren junge Männern in England in der Regel irgendwann zum Abbild ihrer Väter geworden. Meine Generation hat darum gerungen, anders zu sein. Ich hatte mit meinen Eltern nichts gemeinsam, wir haben uns weder über unsere Gedanken noch über unsere Vorlieben oder Interessen miteinander ausgetauscht. Meine Eltern waren mit mir völlig überfordert. Trotzdem hat mein Vater immerhin versucht, mich zu unterstützen. Aber er hat eben nie wirklich mit mir geredet. Deshalb war es mir immer sehr wichtig, mit meinen Kindern zu reden.

Als mein Vater starb, war mein eigenes Leben fantastisch, unsere Band Genesis war gerade auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs. Damit war ich so beschäftigt, dass mir keine Zeit für meine Eltern blieb. Dann, mit einem Mal, war mein Vater tot. Darunter habe ich sehr gelitten. Die Zeit, die ich am Ende nicht mit ihm verbracht habe, fehlt mir bis heute.

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Kommentare

4 Kommentare Kommentieren

naja, der Traum kann auch bedeuten, dass das Geld nur so fließt...also ein Symbol für Erfolg...vielleicht können Sie es nicht genießen, weil die Trauer noch nicht verarbeitet ist?
Als Christ würde ich sagen: grüßen Sie die Seele Ihres Vaters und freuen Sie sich auf das Wiedersehen....er würde Ihnen ein erfülltes glückliches Leben wünschen und nicht beständige Schwermut....