Nobuyoshi Araki Nervös wegen Araki, doch von oben lächelt sein mondförmiger Kopf wie eine ganze Galaxie

Eine Hommage an den Fotografen Nobuyoshi Araki Von
ZEITmagazin Nr. 36/2017

Wie immer, wenn ein Shooting mir etwas bedeutet, werde ich nervös. Diesmal mischt sich die Nervosität in der Nacht davor mit der Begeisterung, in Tokio zu sein, und führt dazu, dass ich zu viel Sake trinke. Verkatert, aber doch sehr viel früher als Araki komme ich am nächsten Morgen zum Studio und mache mich mit der Gegend, der Szenerie und dem Lichtaufbau vertraut. Eine große Gruppe von Arakis Assistenten bereitet schon sein Set vor. Mir wird angeboten, den fertigen Aufbau zu benutzen.

Für mich ist das eine einmalige Gelegenheit, ja eine Ehre, seine Lichter zu benutzen. Um mich herum nehme ich ein mir unbekanntes Gefühl von Hierarchie wahr. Ich bin am Set eher ruhig, während ich seine Aura als militanter und furchteinflößender wahrnehme, obwohl er noch gar nicht da ist.

Zuerst bin ich allein mit einer ganzen Armee von Assistenten. Dann betritt Arakis Chefbeleuchter den Raum. Ich bin völlig eingenommen von diesem unglaublich stylishen, älteren Herrn in seinen Prada-Schlappen. Etwas an ihm beeindruckt mich so sehr, dass ich den ganzen Tag nichts anderes machen könnte, als nur ihn zu fotografieren. Er ignoriert mich komplett, was mich irritiert.

Dann steigt die Spannung: Araki kommt mit dem Taxi vorgefahren, während ich schon dabei bin, Anna zu fotografieren. Wie gewöhnlich ist Arakis Auftritt schillernd, wir überreichen uns gegenseitig Geschenke – lustigerweise geben wir uns beide Teller.

Ich liebe seine Energie. Den ganzen Tag über und noch Wochen danach spüre ich seine Kraft und seine Intelligenz. Eines fällt mir besonders auf: Er fotografiert alle seine Aufnahmen auf Film – schwarz-weiße Aufnahmen und Diapositive. Er besitzt weder ein Handy, noch benutzt er soziale Medien. Das tue ich auch nicht, aber zumindest habe ich ein Telefon.

Wir überreichen uns gegenseitig unsere neuen Bücher. In einem seiner Exemplare lese ich dieses Vorwort: "Ich stehe mit einem Fuß im Grab und denke schon darüber nach, was ich auf der anderen Seite fotografieren werde." Darüber habe ich noch lange nachgedacht. Es war brillant.

Nachdem er mich eine Weile bei der Arbeit beobachtet hat, fängt er selbst an, direkt, selbstsicher. Er dreht sich zu mir um und sagt: "Du bist sehr schüchtern. Du bringst das Model in Fahrt, und wenn sie gerade in die richtige Stimmung kommt, sagst du: Okay, ich bin fertig." Das gibt mir zu denken. Am Ende des Tages, Araki ist schon lange gegangen, fotografiere ich noch immer weiter, angetrieben durch seine Worte.

Wir sind zum frühen Abendessen eingeladen. Alle entspannen sich langsam bei köstlichem japanischem Essen und Sake. Meine Assistentin Karin bittet Araki, ihr ein Exemplar seines Buches Sentimental Journey zu signieren. Er ist sichtlich angetan und beginnt, uns die Hintergrundgeschichte zu jeder einzelnen Fotografie zu erzählen. Es wird die entspannteste und tiefgehendste aller Stunden, die wir gemeinsam verbringen.

Etwa 20 Leute hängen an seinen Lippen. Ich fotografiere ihn auf einer Stufe hinter ihm stehend von oben mit meinem iPhone – die Haare, die mit Spray zu Spitzen geformt sind, die Gesten seiner feinen, eleganten Hände, während er seine Bilder erklärt, seine Geschichten vorträgt. Es ist sehr bewegend. Araki ist glücklich, er lächelt, sogar die kahle Oberseite seines Kopfes scheint zu lächeln. Er spricht vom Tod seiner Frau, dem Tod seiner Katze, aber auf eine Art, in der so viel Leben steckt. Es ist schön, Teil dieses besonderen Moments zu sein.

Später werden unsere Hände massiert. Ich mache weiter Bilder und denke, ja fühle, das hier ist das wahre Shooting. Araki von oben, seine nach außen gereckten Hände, sein mondförmiger Kopf wie ein leuchtendes Universum. Wunderschön. Ich habe das starke Gefühl, dass gerade Bilder entstehen, die ich so noch nie zuvor gesehen habe. Und das nur dadurch, dass leicht versetzt hinter ihm eine Stufe ist und er gemäß den japanischen Gepflogenheiten sehr tief sitzt. Manchmal berühren meine Füße und meine Shorts ihn fast, während ich fotografiere. Er nimmt es wahr, doch es stört ihn nicht. Er dreht sich lächelnd und mit erhobenen Händen nach mir um.

Ich mag diesen Mann zutiefst. Unsere Konversation ist manchmal seltsam, doch das spielt keine Rolle. Wir kommunizieren durch unsere Arbeit und erkennen so das Wesen des anderen.

Wir küssen uns, wie bei unserem ersten Treffen in den frühen neunziger Jahren. Ich erinnere mich sofort an den Kuss von damals, an seine feuchten Lippen. Ich küsse nicht oft andere Männer, aber Araki werde ich immer voll mit Zunge und allem drumherum küssen.

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