Gesellschaftskritik Über falsche Bildunterzeilen

ZEITmagazin Nr. 36/2017
Martin Schulz, auch ein Opfer von Verwechslung © Ausschnitt aus der Zeitung Wetschernjaja Moskwa

Wir vom Recherchekollektiv Gesellschaftskritik e. V. haben kürzlich herausgefunden, wie es um die Werbe-Ikonen vergangener Tage steht. Daher wissen wir zum Beispiel, dass Käptn Iglo und die Piemontkirschen-Synästhetikerin Claudia Bertani in der Eifel leben, ihr Gemüse selbst ziehen und ihre Hände in Spülmittel baden, bis sie welk sind. Dieses gottgefällige Idyll müssen wir kurz beschwören, weil ja die Werbewelt allmählich im Chaos versinkt, plötzlich ist der Typ von der roten Teewurstmühle Vegetarier. Aus Russland erreichte uns obendrein die beunruhigende Nachricht, dass der Kanzlerkandidat Martin Schulz mit Foto für Holzfenster Reklame mache. Laut Holzfensterfirma handle es sich dabei um den "Experten Tim Erikson". Doch das Foto stammt eindeutig von der Internetseite des Europaparlaments, wo weder ein Erikson bekannt ist noch die Leidenschaft von Martin Schulz, Häuser gegen eisige russische Zugluft zu schützen. Aufmerksame Fans der Cartoon-Serie "Die Simpsons" werden sich zu diesem Anlass an die Folge erinnern, in der Homer Simpson entdeckt, dass in Japan ein Reinigungsmittel mit einem Gesicht beworben wird, das ihm selbst verblüffend ähnlich sieht, obwohl die Hersteller beteuern, es handle sich bei ihrem Maskottchen lediglich um eine Mischung aus einem Fisch und einer Glühbirne. Wie kränkend.

Es gibt ja im Wesentlichen zwei Dinge, die wir uns schriftlich vom Universum geben lassen möchten: 1. Olivenölflecken auf dem Sofa sind kein Ausdruck von gehobener Lebensart. Und 2. Es ist unschicklich, Menschen ungefragt für Werbung zu missbrauchen. Andererseits sind die Nächte in diesem Sommer kalt und nass, und dann kommen selbst wir auf dumme Ideen: Die Schauspieler von "Game of Thrones" werben für die Krönung der Wirsingprinzessin 2018 in Mecklenburg-Vorpommern. Anzeigen für Schamanendienste im Raum Langenhagen ("Entdecken Sie Ihr Krafttier") wollen wir mit Carsten Maschmeyer bebildern. Und den ehemaligen Trump-Berater Stephen Bannon sehen wir als Testimonial für Sonnenfinsterniserlebnisbrillen ("Darkness is good") – auch zur Strafe, weil der britische Ableger seines Internetportals "Breitbart" einen Hetzartikel gegen Flüchtlinge irrtümlich mit einem Foto von Lukas Podolski auf einem Jetski illustrierte. Aber da bereits genug falsche Bilder kursieren, haben wir bisher von unseren großflächigen Plakatvorschlägen abgesehen. Übrigens: Die meisten Menschen werden niemals ein Gesicht der Werbung sein. Sie würdigen das viel zu selten.

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