Die großen Fragen der Liebe Wem gehören die Bilder auf dem Handy?

Eine Kolumne von
Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 37/2017

Die Frage: Michael hat mit dem Smartphone seinen Mann Jan fotografiert – teilweise ohne dessen Wissen, unter anderem nackt beim Sonnenbaden auf dem Balkon. Michael zeigt Jan abends die Fotos, um ihm zu zeigen, wie gut er getroffen ist: "Ich finde, du siehst so entspannt aus wie schon lange nicht mehr!" Jan sieht allerdings nicht sehr begeistert aus, als er sich durch die Fotos klickt. Irgendwann beginnt er einige zu löschen, vor allem diejenigen, die Michael heimlich gemacht hat. Michael ist entsetzt und reißt ihm das Smartphone aus der Hand. "Das ist meins! Du kannst dich doch nicht an meinen Daten vergreifen!" – "Auch dann nicht, wenn du heimlich meine Fettröllchen knipst? Du hättest mich fragen müssen!"

Wolfgang Schmidbauer antwortet:  Lieb gemeint kommt nicht immer lieb an. Vermutlich würde es Michael nicht stören, wenn Jan Nacktfotos von ihm macht, und nicht weiter über Datenschutz nachdenken. Aber Jan hat da eine andere Meinung; er findet die Aktion übergriffig und will sie rückgängig machen. Indem er nun anfängt, eigenmächtig die Bilder zu löschen, zahlt er es Michael zurück; leider wird so auch die anfangs erotisch gemeinte Geste in dem moralischen Vorwurf des Übergriffs erstickt. Seitdem elektronische Bilder im Internet kursieren, hat die private Fotografie ihre Unschuld verloren. Wer nicht die Flucht nach vorne in den Exhibitionismus antritt, sorgt sich um seine Daten. Jan sollte Michael vermitteln, dass er die zärtliche Absicht des Übergriffs würdigt, und ihn ohne Vorwurf überzeugen, dass er die Bilder löschen darf.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Die Seele des Psychologen. Ein autobiografisches Fragment" (Orell Füssli)

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