Fehlgeburt: Das Leben danach

Mit Ende 30 verliert Ariel Levy ihr Kind, ihre große Liebe und die Gewissheit, ihr Leben im Griff zu haben. Sie muss lernen, den Kontrollverlust zu akzeptieren – und schreibt ein Buch über ihre Geschichte, die für eine Generation steht, die glaubt, alles planen zu können. Von
ZEITmagazin Nr. 38/2017

Im Sommer vor ihrem 30. Geburtstag sitzt Ariel Levy mit der Frau, die sie heiraten wird, in San Francisco auf einer Veranda. Die beiden trinken Wodka Lemon Soda in der Abenddämmerung und legen voreinander Gelübde ab. "Ich verspreche dir, für dich zu sorgen, auch wenn du krank oder weniger schön bist" lautet eines, "Ich verspreche dir, im Garten nicht immer alles bestimmen zu wollen" ein anderes. Beider Lieblingsschwur lautet: "Ich verspreche, dass wir das Leben zu einem Fest machen."

Kurze Zeit später kauft das frisch vermählte Ehepaar ein kleines Haus auf Shelter Island in der Nähe von New York. Levy ist Reporterin beim New Yorker, dem Lieblingsmagazin der Intellektuellen, ihre Frau ist von San Francisco an die Ostküste übergesiedelt und arbeitet im gemeinsamen Haus an einem Start-up für Solarpanels. Gemeinsam feiern sie das Fest, das sie sich gegenseitig versprochen haben.

Einige Jahre und eine Ehekrise später beschließen die beiden Frauen, eine Familie zu gründen. Levy lässt sich mit dem Sperma eines guten Freundes befruchten und wird mit 37 schwanger. Der Freund, ein vermögender Homosexueller, will Vater sein, doch eher aus der Ferne. Er verspricht, die Ausbildungskosten des Kindes zu übernehmen. Alles scheint perfekt.

Schwanger in die Wüste Gobi zu reisen – das passte perfekt in das Bild der Frau, die sie sein wollte

Dann fliegt Levy, gerade 38 geworden und im fünften Monat schwanger, in die Mongolei, um für eine Reportage über den gesellschaftlichen Wandel im Land zu recherchieren, den ein überraschend hohes Wirtschaftswachstum ausgelöst hat. Es ist eine Art Abschiedsreise, denn als Mutter, das weiß sie, wird sie ihren Radius eine Zeit lang einschränken müssen.

Ein letztes Mal noch will sie ihre Freiheit auskosten und etwas für ihre Karriere tun, auf die sie, wie sie sagt, mehr als auf alles andere stolz war. Schwanger in die Wüste Gobi zu reisen – das passte perfekt in das Bild der Frau, die sie sein wollte. Die Reise im November 2012 schien ihr eine gute Botschaft an das ungeborene Kind: "Ich wollte mein Kind Furchtlosigkeit lehren. Ich wollte ihm sagen: 'Als du noch in meinem Bauch warst, sind wir bis ans andere Ende der Welt gereist'", schreibt Levy später in einem Buch, das ihr Leben vor und nach der Schwangerschaft reflektiert. Das Buch heißt The Rules Do Not Apply und ist jetzt unter dem Titel Gegen alle Regeln auf Deutsch erschienen. Es erzählt die sehr persönliche Geschichte einer heftigen Identitätskrise und liest sich wie das Porträt einer Generation, die glaubt, alles haben zu können. Levy hatte sich mit Ende dreißig bestens in ihrem Leben eingerichtet, als die Grundfesten dieses Lebens hart und unvermittelt in sich zusammenfielen. Das Fest, das sie hatte feiern wollen, verwandelte sich in atemberaubendem Tempo in einen Trümmerhaufen, ihre idealistische Lebensplanung erwies sich in der Praxis als untauglich. Wie findet man aus solch existenzieller Ernüchterung wieder heraus?

Besucht man Levy heute, knapp fünf Jahre nach ihrer Schwangerschaft, in ihrer Wohnung in Manhattan, begegnet man einer temperamentvollen Frau in knappen roten Shorts und einem ausgeleierten T-Shirt mit dem Aufdruck "create and destroy". Aus dem vierten Stock ruft sie einem aufmunternd "Fast geschafft!" durchs Treppenhaus entgegen. Auf Fotos amerikanischer Medien wirkt Levy elegant und kontrolliert, in der Realität ist sie überraschend klein und impulsiv.

Es ist ein heißer Julitag, und in der Wohnung ist es stickig. Eigentlich ist sie untervermietet an einen Freund, denn wie viele New Yorker verbringt Levy den Sommer an der Küste. Heute ist sie nur kurz in Manhattan, ihr Literaturagent feiert am Abend eine Party. Auf dem Weg hinein in die Stadt hat sie auf einem Bauernmarkt Karotten gekauft, die stellt sie auf den Couchtisch, dazu einen Dip in einer Plastikbox. Sonnenlicht fällt durch zwei Fenster ins Wohnzimmer, in dem bunt zusammengewürfelte Möbel stehen, unter ihnen ein winziger Schreibtisch, kaum größer als ein Laptop. Levy lümmelt sich quer in einen Sessel und lässt die Beine über die Lehne baumeln, ihre sehr langen Arme sind ständig in Bewegung. Sie kommt gerade aus der Redaktion, wo man es im Hochsommer gut aushält, weil die Räume klimatisiert sind. Woran sie aktuell arbeitet? "Ich weiß es noch nicht! Ich suche ein Thema und finde keins. Diesmal geht es sicher schief!", sagt sie und reißt in gespielter Verzweiflung die Arme in die Höhe. Seit über 20 Jahren schreibt Levy Reportagen, vor jedem Text fürchtet sie aufs Neue, zu scheitern. Die Unruhe ist Teil des kreativen Prozesses, eine Berufskrankheit, vergleichbar vielleicht mit dem Lampenfieber eines Künstlers.

Auch vor jeder Recherchereise ist Levy nach wie vor nervös, so auch damals vor fünf Jahren auf dem Flug in die Mongolei. Wird es ihr gelingen, sich in kurzer Zeit in einem fremden Land zu orientieren und darüber hinaus eine Geschichte zu finden? Die Schwangerschaft macht ihr damals keine Sorgen. Denn Schwangerschaft ist bekanntlich keine Krankheit, sondern ein Zustand, der einem, wenn es gut läuft, besondere Kräfte verleiht. Levy hatte sich von ihrem Arzt versichern lassen, sie könne bis zu Beginn des dritten Trimesters, also bis zur 27. Schwangerschaftswoche, bedenkenlos reisen.

Am zweiten Tag ihrer Reise, Levy ist in Ulan-Bator, im Hotel, spürt sie ein Ziehen im Unterleib. Abends sind die Schmerzen so heftig, dass sie beim Essen abrupt aufsteht und in ihr Zimmer rennt. Die Wehen beginnen. "Ich kniete mich hin, beugte mich nach vorne und presste die Wange an die kühlen Fliesen. Ich weiß noch, dass ich dachte: Das hier wird der größte Scheiß aller Zeiten. Ein unseliger Sturm fegte durch meinen Körper, danach klafft eine kurze Lücke in meinem Gedächtnis. (...) Dann lag da ein anderer Mensch vor mir auf dem Boden, bewegte Arme und Beine, war lebendig", schildert Levy im Buch den Moment, als sie ihr Kind allein im Badezimmer des Hotels in Ulan-Bator zur Welt bringt. Es ist ein Junge. "Ich hob ihn dicht vors Gesicht, sein Kopf und die Schultern füllten meine Hand aus, die Beine baumelten fast bis zu meinen Ellbogen herab. Ich wollte etwas Mütterliches tun, um ihm zu vermitteln, dass ich seine Mutter war und alles unter Kontrolle hatte. Ich küsste ihn auf die Stirn, und an meinem Mund fühlte sich seine Haut an wie ein seidig-glatter Frosch."

Das Buch ist schmal, 200 Seiten, und es ist eine kleine Sensation, weil es den Leser an zutiefst intimen Vorgängen teilhaben lässt, ohne ihm je zu nahe zu treten oder ihn peinlich zu berühren. Levy schreibt weder drastisch noch rührselig, und im Grunde hat sie keine großen Neuigkeiten zu berichten, denn Fehl- und Frühgeburten ereignen sich täglich überall auf der Welt. Aber die Art ihrer Erzählung ist von unerhört eleganter Schamlosigkeit, ihr Stil klar und direkt, der Ton erstaunlich leicht. Levy beschreibt, wie sie in den zehn Minuten, in denen ihr Sohn am Leben ist, mit einem abrupten, brachialen Ruck die Nabelschnur aus sich herauszieht. Wie sie zum Telefon kriecht und mit einem Arzt spricht. Wie sie, als ein Rettungssanitäter ihr eine Nadel in den Unterarm schiebt, überlegt, ob sie jetzt mongolisches Aids bekommt. Sie schreibt, dass sie ihr totes Kind mit dem Handy fotografiert hat, bevor es, eingewickelt in ein Tuch an ihren Körper gepresst, ins Krankenhaus eingeliefert wurde. "Ich hatte Angst, dass ich andernfalls nicht glauben würde, dass er jemals existiert hat." Als der Arzt das Anamnese-Gespräch mit den Worten zusammenfasst, sie habe also mit 38 beschlossen, mal so eben eine Familie zu gründen, antwortet sie schlagfertig: "So machen wir das in Manhattan."

Nach dem traumatischen Erlebnis blieb Levy noch ein paar Tage im Blue Sky Hotel von Ulan-Bator und führte sogar noch ein Interview mit dem mongolischen Innenminister. Warum? Levy setzt sich im Sessel auf und verschränkt die Beine im Schneidersitz. "Ich stand unter Schock. Das Interview war Wahnsinn, ich konnte mich kaum darauf konzentrieren. Alles war so surreal, kaum in Ulan-Bator angekommen, bekam ich schon das Baby, und dann dauerte es eine Weile, bis ich begriff, dass das Baby nicht lebt und ich die Reportage nicht schreiben werde. Unterschwellig war mir klar: Sobald ich wieder zu Hause bin, ist meine Geschichte real." Und diese Realität wollte sie noch eine Weile verdrängen.

Incompetent Cervix lautete die Diagnose in der Klinik von Ulan-Bator, Plazentaablösung, ein seltenes Phänomen, das meistens Frauen trifft, die regelmäßig Kokain nehmen oder hohen Blutdruck haben, was auf Levy beides nicht zutrifft. Auch für ältere Schwangere ist das Risiko höher. Zurück in New York, ließ sich Levy von unterschiedlichen Ärzten wieder und wieder bestätigen, dass es ihr an jedem Ort der Welt hätte zustoßen können, zuletzt von einem berühmten Professor, dessen Honorarsätze so hoch sind, dass die Krankenkasse sie nicht übernimmt. Auch er hat bestätigt, dass kein Zusammenhang zwischen Flugreise und Fehlgeburt bestand.

Und doch lastet nach der Rückkehr aus der Mongolei das Gefühl von Schuld und Versagen bleischwer auf ihr, vor allem das Gefühl von Verlust und gewaltiger Trauer. Die Reise ist ein Wendepunkt: Vorher war Levy eine verheiratete Frau, die auf Konventionen pfeift und sich nimmt, was sie braucht. Eine, die sich in ihrer Sexualität nicht festlegen lässt und Beziehungen sowohl mit Männern als auch mit Frauen hat, zwischendurch auch eine Affäre mit einem Mann, der früher eine Frau war, auch davon erzählt das Buch. Und dann ist sie plötzlich eine 38-Jährige, deren Körper zwar Milch produziert, aber kein Baby mehr trägt – und sie ist allein, denn kurz nach ihrer Rückkehr aus Ulan-Bator zerbricht die Ehe am Alkoholproblem ihrer Frau. Latent war der Alkohol immer ein Thema, doch erst jetzt, als sich alles neu sortiert und sie ohne Erbarmen aufs eigene Leben blickt, erkennt Levy die Schwere der Situation: Die Notwendigkeit eines Entzugs lässt sich nicht länger verdrängen. Aber zwei Genesungsprozesse gleichzeitig, ihren eigenen und den ihrer Frau, kann Levy nicht bewältigen. In sehr kurzer Zeit verliert sie nicht nur ihr Kind, sondern auch ihre Ehefrau und das gemeinsame Zuhause auf Shelter Island. Die Zukunft, an der sie jahrelang gearbeitet hatte, hat sich in Luft aufgelöst und mit ihr die Idee eines Lebens, von dem sie glaubte, es stehe ihr zu. Etwas aber ist ihr geblieben: das Schreibtalent und die Gewohnheit, genau hinzuschauen. Das Schreiben und ihr Jüdischsein seien als einzige Aspekte ihrer Identität stabil geblieben, sagt sie rückblickend. "Das war extrem wichtig für mich, das konnte mir niemand nehmen." Nach einem brutal niederschmetternden Trauerjahr begann Levy, ihr Leben schreibend zu ordnen. Wie konnte das alles passieren, und wo würde es sie hinführen?

Geschrieben hat Levy, seit sie Kind war, ein überschwängliches Kind, drängend und unverfroren, auch rauflustig, mit einer riesengroßen Klappe. Etwas von diesem Kind erkennt man heute noch in ihr: Ihr Gang ist so energisch, dass der Boden unter ihren Schritten bebt, und ihre Stimme ist laut und ein bisschen schrill, sie redet viel und offenherzig. Wäre sie verschwiegen, hätte sie kein Buch veröffentlicht, in dem sie furchtlos über sehr private Dinge spricht, über ihre Sexualität und ihren Körper zum Beispiel, über Alkoholprobleme und Fremdgehen. In der Schule sei sie kein beliebtes Mädchen gewesen, sagt Levy, zu forsch und jungenhaft, eine Außenseiterin, die erst spät soziale Kompetenz entwickelt habe, dann aber sehr bewusst. "In meiner Schulzeit habe ich begriffen, dass ich nur schreibend all das sagen kann, was ich möchte", ruft sie halb liegend aus ihrem Sessel heraus und beißt krachend in eine Karotte.

Levy wuchs als Einzelkind in Larchmont auf, einer Kleinstadt nordöstlich von New York City. Ihre Eltern beschreibt sie als Kinder der Achtundsechziger, "beide Feministen". Levys Vater arbeitete bei einem Verein für freies Abtreibungsrecht, ihre Mutter gründete eine Nachmittagsbetreuung für die örtliche Schule und besuchte zwei Jahrzehnte lang eine Gruppe zur Stärkung des weiblichen Selbstbewusstseins. Die Mitteilung, ihre Tochter werde eine Frau heiraten, begrüßte sie mit den Worten, das sei ja wunderschön. Aber müsse es unbedingt etwas so Konventionelles wie eine Hochzeit geben?

Von Kind an wurde Ariel von ihrer Mutter eingebläut, sie müsse später unter allen Umständen unabhängig sein und für sich selber sorgen können. Levy beschloss schon früh, Autorin zu werden, denn dieser Beruf entsprach dem Bild der Frau, die sie werden wollte. Eine Frau, die tun und lassen kann, was sie will. Früher, in der Kindheit, hatte sie sich schreibend selbst Gesellschaft geleistet, und heute führt das Schreiben sie an Orte, die ihr andernfalls verborgen geblieben wären.

Ihre erste Reportage schrieb Ariel Levy über einen Nachtclub für dicke Frauen in Queens. "Die Frauen waren umwerfend, wie riesige Vögel: Sie klimperten mit ihren fedrigen falschen Wimpern; die engen Kleider schimmerten in Pfauenblau und Kanariengelb; die Pailletten reflektierten das gedämpfte Licht", heißt es in dem Text. Levy, damals 22, fand es aufregend, im durchgestylten Manhattan der neunziger Jahre eine Parallelwelt auszukundschaften, in der Frauen sich aus dieser Gesellschaft der glatt polierten Fassaden einfach ausklinkten. Bereits in ihrem ersten Text hatte sie ihr Lebensthema gefunden: unkonventionelle Frauenleben.

Was macht einen Menschen zur Frau? Eine Vagina? Die Gebärmutter? Ein Chromosom?

Bevor sie beim New Yorker anfing, fragte David Remnick, der Chefredakteur, beim Bewerbungsgespräch das, was alle Chefredakteure fragen: "Was fehlt dem New Yorker?" Und Levy antwortete das, was alle in dieser Situation antworten: "Nichts, er ist perfekt." Remnick verdrehte die Augen, und dann sagte Levy das, was sie wirklich glaubte: Würde sich ein Außerirdischer sein Bild des Menschen nur auf Grundlage des New Yorker machen, könnte er meinen, die Menschheit mache sich nichts aus Sex. Sie bekam den Job und schreibt seither im New Yorker hauptsächlich über Sexualität und Geschlechterrollen. Was bedeutet es, Frau zu sein? Welchen Regeln unterwirft man sich, bewusst oder unbewusst? Was macht einen Menschen zur Frau? Die Vagina? Die Gebärmutter? Ein Chromosom? Was ist das überhaupt – eine Frau? Als Reporterin erzählt Ariel Levy Geschichten, die diese Fragen beantworten. Oder zumindest stellen.

Gefragt, als welche Art Feministin sie sich sieht, entsteht ein ungewohnter Moment der Stille in Levys Apartment. Sie denkt eine Weile nach, dann sagt sie: "Ich bin eine feministische Geschichtenerzählerin. Wenn ich am Ende meines Lebens sagen könnte, ich habe über ein paar der außergewöhnlichsten Frauen geschrieben, die zu meiner Zeit gelebt haben, dann würde mich das sehr glücklich machen. Und ich glaube, es würde die Frauenbewegung bereichern."

Rückblickend erscheint es zwingend, dass Levy irgendwann über sich selbst schreiben musste. Denn der Wunsch, ein unkonventionelles Leben zu führen, zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Biografie. Besessen davon, ihr Leben bis ins letzte Detail selbst zu gestalten, hat sie lange Zeit geglaubt, sich den biologischen und gesellschaftlichen Erwartungen an ihr Geschlecht widersetzen zu können. Keinen traditionellen Job zu haben und eine Frau zu heiraten stand ganz oben auf der To-do-Liste ihres Lebens. Sich gesellschaftlichen Normen zu widersetzen und anders zu sein. Erwachsenwerden war für sie ein Synonym für Regel- und Tabubruch. Die Tatsache, dass ein Schwarzer zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt worden ist und homosexuelle Ehen gesetzlich anerkannt werden, hat Levy, Jahrgang 1974, und andere privilegierte Kinder ihrer Generation in ihrem Selbstverständnis bestätigt. "Wir wuchsen mit dem Gefühl auf, dass wir tun und lassen konnten, was immer wir wollten – es stand uns frei, wir selbst zu sein", schreibt Levy in Gegen alle Regeln. Der Buchtitel bezieht sich allgemein auf jugendlichen Übermut und den Glauben, von Verlust und Niederlage verschont zu bleiben, egal was man tut. Und darauf, dass es Regeln gibt, gegen die es sich zu kämpfen lohnt – so wie es die 83-jährige Edith Windsor getan hat, die vor dem amerikanischen Verfassungsgericht gegen den Defense of Marriage Act geklagt hat, der die Ehe als Institution zwischen Mann und Frau definiert. Windsor (über die Levy natürlich ein Porträt geschrieben hat) gewann und ebnete den Weg zur Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehen.

Aber man kann den Buchtitel auch als Warnung verstehen. "Wenn man davon ausgeht, dass keine Regeln gelten, kann es passieren, dass man sich überschätzt. Dass man mehr Kontrolle über sein Leben zu haben glaubt, als es tatsächlich der Fall ist", sagt sie im Interview. So hat sie es jedenfalls erlebt, als sie sich in ihren fruchtbaren Jahren auf andere Dinge konzentrierte. Ariel Levy, die furchtlose Reporterin, hatte lange Zeit Angst vorm Kinderkriegen. Nicht vor dem physischen Vorgang, sondern vor dem Verlust der Freiheit. Aufgewachsen in dem Glauben, das Drehbuch ihres Lebens selbst schreiben und alles haben zu können, fürchtete sie sich davor, die Rolle der Protagonistin aufzugeben. Gleichzeitig sehnte sie sich nach dem Schutzraum einer eigenen Familie. "Der Drang, mich ins Abenteuer zu stürzen, stand immer in Konkurrenz zum Bedürfnis, in den Beutel eines wohlwollenden Kängurus zu schlüpfen, das mich beschützt in großen Sprüngen durchs Leben trug", so steht es in ihrem Buch. Wie universal dieser Zwiespalt zwischen Freiheit und Geborgenheit ist, spürt sie an Reaktionen auf ihr Buch: Überraschend viele Männer identifizieren sich damit, erzählt sie.

Dass die Fruchtbarkeit mit den Jahren abnimmt, war natürlich auch Levy klar. Aber sie war überzeugt davon, sich irgendwie durchlavieren zu können. "Die Welt, in der wir lebten, war so kontrollierbar. Wir schickten einander E-Mails, SMS-Nachrichten, Bilder, die wir nur Augenblicke vorher ganz ohne Film aufgenommen hatten. Alles schien möglich, wenn du nur findig und hartnäckig genug warst und das Geld hattest", schreibt sie. Doch die Natur hält sich nicht an diese Regeln. Als Levy beschloss, Mutter zu werden, war ihr Körper nicht mehr bereit dazu. "In dem Moment, in dem man sich endlich reif genug fühlt, um für einen anderen Menschen Verantwortung zu übernehmen, sagt dein Körper, okay, alles schön und gut, aber ich bin draußen", sagt Levy. Die mangelhafte Synchronisierung von Kopf und Körper hält sie für einen schweren Systemfehler der Natur. Nach der Frühgeburt in Ulan-Bator hat sie viel Zeit und Geld in künstliche Befruchtung investiert, wurde jedoch kein zweites Mal schwanger. Inzwischen hat Levy, heute 43 Jahre alt, alle Versuche aufgegeben.

Die Natur ist der Boss – dieses klare Bewusstsein einer höheren Macht empfindet Levy heute als Befreiung

Aber was wäre die Lösung des Dilemmas? Was rät sie jungen Frauen? Früher Kinder zu bekommen? Levy setzt sich in ihrem Sessel auf und ruckelt unterm T-Shirt ihren BH zurecht. Dann sagt sie: "Es gibt keine Lösung, das muss jede für sich selbst rausfinden. Mir hatte man auch gesagt: Achtung, die Zeit läuft dir davon. Ich wusste es. Aber das hat keinen Unterschied gemacht, ich war einfach noch nicht so weit." Levy will ihr Buch keinesfalls als Fabel mit einer Moral, ihre Geschichte nicht als abschreckendes Beispiel verstanden wissen. Nicht als Weckruf. Sie habe keinen revolutionären Gedanken zu verkünden, sagt Levy. "Ich wünschte, mein Kind würde leben, das steht außer Frage. Allein die zehn oder zwanzig Minuten, die ich Mutter war, waren überwältigend. Um nichts in der Welt würde ich sie missen wollen." Wenn sie so etwas wie eine Botschaft hat, dann diese: Wir haben längst nicht so viel Kontrolle über unser Leben, wie wir glauben, denn die Natur ist der Boss. Dieses klare Bewusstsein einer höheren Macht empfindet sie als Befreiung: "Früher wollte ich ständig nur analysieren oder habe darüber nachgedacht, mit welcher Strategie ich wohin komme. Heute bin ich viel gelassener. Irgendwas in meinem Denken hat sich verändert." Sie sucht nach dem passenden Wort. "Meine Sicht auf die Welt ist weniger absolut als früher."

Levy hat ihre Lektion gelernt, aber sie rechnet mit niemandem ab und klagt nicht. Ihr Buch ist eher ein großes Staunen darüber, wie sehr man sich verheddern kann in den vielen Möglichkeiten und der eigenen, am Reißbrett entworfenen Lebensplanung.

In den vergangenen Monaten ist sie durchs Land gereist, um aus ihrem Buch zu lesen, und überall haben sich Frauen zu Wort gemeldet, um von Fehlgeburten zu berichten oder sich bei Levy zu bedanken, dass endlich jemand öffentlich und ohne Pathos über diese Dinge spricht. Die meisten Frauen waren älter, und Levy gefällt es, jemandem mit mehr Weisheit und Lebenserfahrung etwas bieten zu können. "Es gab gute Gründe, dass Frauen in den vergangenen fünfzig Jahren nicht über Menstruation, Menopause und all das hässliche Zeug gesprochen haben, denn sie mussten ja die Welt davon überzeugen, dass sie Unternehmen leiten oder eine Regierung führen können. Wir mussten uns auf den Kopf, nicht auf den Körper konzentrieren. Aber der Körper spielt eine zentrale Rolle in unserem Leben, viel mehr als bei Männern." Je länger Levy redet, desto unterhaltsamer wird sie. Sie ist so eloquent und schlagfertig, dass sie ihr Geld auch als Entertainerin verdienen könnte. "Frauen haben eine atemberaubende Macht. Sie können einen Menschen in ihrem Körper wachsen lassen, und dann quetschen sie ihn aus ihrer Vagina hinaus in die Welt. Was für eine starke, urwüchsige, magische Kraft!", begeistert sie sich und feuert das Wort "quetschen" mit solcher Emphase heraus, dass man sich nicht wundern würde, wenn noch ein Schwall Blut hinterherschwappen würde.

Plötzlich öffnet sich die Wohnungstür, und ein Mann mit weißen Haaren und feinen Gesichtszügen tritt ein. "Look who just popped into the room! Hi Sweetie!", freut sich Levy und küsst den Besucher. Der Mann ist Arzt, er hat Levy in der Klinik von Ulan-Bator versorgt, den Lesern des Buches ist er als "Doktor John" vertraut, der "schönste Mann der Welt". Doktor John ist einer der wenigen Menschen, der Levys Baby zu Gesicht bekam und sie als Mutter wahrgenommen hat. Die beiden sind seit einiger Zeit ein Paar, aber das steht nicht im Buch, denn es wäre als Schluss zu billig. Das Leben ist kein Arztroman und Levy zu sehr Feministin, als dass sie den Eindruck erwecken möchte, am Ende womöglich von einem Mann gerettet worden zu sein, der das Vakuum auffüllt, das durch das verlorene Kind entstanden ist. Der Schluss des Buches bleibt offen. Er stellt verschiedene Szenarios zur Wahl und steht für eine Zukunft, die nicht geplant wird.

"Wo ist die Lesbe geblieben?", hat neulich eine Frau aus dem Publikum gerufen, als Levy in Brooklyn aus ihrem Buch gelesen hat, man kann es auf YouTube hören. Es war keine Frage, eher eine provozierende Bemerkung. Hat sie damit gerechnet, dass ihr die neue Beziehung als Verrat angekreidet wird? Levy lacht. "Ich habe erwartet, dass mich ein paar Lesben vermissen werden. Aber ich dachte, es wären mehr."

Levy mustert Doktor John. "Du bist braun geworden." – "Das kommt vom Surfen heute Morgen", antwortet er. Doktor Johns Heimat ist Südafrika, er pendelt zwischen seinem Zuhause und anderen Ländern, in denen er über längere Zeiträume hinweg als Arzt arbeitet, in China, Nigeria oder der Mongolei. Den vergangenen Winter hat Levy bei ihm in Kapstadt verbracht und auf seinen Pferden Reiten gelernt, jetzt lebt er eine Zeit lang bei Levy, begleitet sie zu Lesungen und Fernsehauftritten, zimmert Blumenkästen aus Holz für den kleinen Dachgarten oberhalb ihrer Wohnung.

Dort stehen wir zum Abschluss des Interviews und schauen über die Brownstone-Häuser in der Nachbarschaft hinüber zur High Line, dem zauberhaften New Yorker Stadtpark auf einer ehemaligen Hochbahntrasse. "Ich mag mein Leben", sagt Levy und nestelt an einer Sonnenblume herum, deren Blätter in der Sommerhitze braun geworden sind.

So machen sie das in Manhattan.

Als Levys Buch im März dieses Jahres in den USA erschien, wurde Ilka Piepgras durch eine Rezension darauf aufmerksam. Verblüfft, wie leichtherzig und tiefgründig "The Rules Do Not Apply" von Schmerz und Verlust erzählt, wollte sie sich ein Bild von der Autorin machen und fragte ein Interview an. Ende Juli fand das Gespräch in New York statt.

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