Fehlgeburt: Das Leben danach

Incompetent Cervix lautete die Diagnose in der Klinik von Ulan-Bator, Plazentaablösung, ein seltenes Phänomen, das meistens Frauen trifft, die regelmäßig Kokain nehmen oder hohen Blutdruck haben, was auf Levy beides nicht zutrifft. Auch für ältere Schwangere ist das Risiko höher. Zurück in New York, ließ sich Levy von unterschiedlichen Ärzten wieder und wieder bestätigen, dass es ihr an jedem Ort der Welt hätte zustoßen können, zuletzt von einem berühmten Professor, dessen Honorarsätze so hoch sind, dass die Krankenkasse sie nicht übernimmt. Auch er hat bestätigt, dass kein Zusammenhang zwischen Flugreise und Fehlgeburt bestand.

Und doch lastet nach der Rückkehr aus der Mongolei das Gefühl von Schuld und Versagen bleischwer auf ihr, vor allem das Gefühl von Verlust und gewaltiger Trauer. Die Reise ist ein Wendepunkt: Vorher war Levy eine verheiratete Frau, die auf Konventionen pfeift und sich nimmt, was sie braucht. Eine, die sich in ihrer Sexualität nicht festlegen lässt und Beziehungen sowohl mit Männern als auch mit Frauen hat, zwischendurch auch eine Affäre mit einem Mann, der früher eine Frau war, auch davon erzählt das Buch. Und dann ist sie plötzlich eine 38-Jährige, deren Körper zwar Milch produziert, aber kein Baby mehr trägt – und sie ist allein, denn kurz nach ihrer Rückkehr aus Ulan-Bator zerbricht die Ehe am Alkoholproblem ihrer Frau. Latent war der Alkohol immer ein Thema, doch erst jetzt, als sich alles neu sortiert und sie ohne Erbarmen aufs eigene Leben blickt, erkennt Levy die Schwere der Situation: Die Notwendigkeit eines Entzugs lässt sich nicht länger verdrängen. Aber zwei Genesungsprozesse gleichzeitig, ihren eigenen und den ihrer Frau, kann Levy nicht bewältigen. In sehr kurzer Zeit verliert sie nicht nur ihr Kind, sondern auch ihre Ehefrau und das gemeinsame Zuhause auf Shelter Island. Die Zukunft, an der sie jahrelang gearbeitet hatte, hat sich in Luft aufgelöst und mit ihr die Idee eines Lebens, von dem sie glaubte, es stehe ihr zu. Etwas aber ist ihr geblieben: das Schreibtalent und die Gewohnheit, genau hinzuschauen. Das Schreiben und ihr Jüdischsein seien als einzige Aspekte ihrer Identität stabil geblieben, sagt sie rückblickend. "Das war extrem wichtig für mich, das konnte mir niemand nehmen." Nach einem brutal niederschmetternden Trauerjahr begann Levy, ihr Leben schreibend zu ordnen. Wie konnte das alles passieren, und wo würde es sie hinführen?

Geschrieben hat Levy, seit sie Kind war, ein überschwängliches Kind, drängend und unverfroren, auch rauflustig, mit einer riesengroßen Klappe. Etwas von diesem Kind erkennt man heute noch in ihr: Ihr Gang ist so energisch, dass der Boden unter ihren Schritten bebt, und ihre Stimme ist laut und ein bisschen schrill, sie redet viel und offenherzig. Wäre sie verschwiegen, hätte sie kein Buch veröffentlicht, in dem sie furchtlos über sehr private Dinge spricht, über ihre Sexualität und ihren Körper zum Beispiel, über Alkoholprobleme und Fremdgehen. In der Schule sei sie kein beliebtes Mädchen gewesen, sagt Levy, zu forsch und jungenhaft, eine Außenseiterin, die erst spät soziale Kompetenz entwickelt habe, dann aber sehr bewusst. "In meiner Schulzeit habe ich begriffen, dass ich nur schreibend all das sagen kann, was ich möchte", ruft sie halb liegend aus ihrem Sessel heraus und beißt krachend in eine Karotte.

Levy wuchs als Einzelkind in Larchmont auf, einer Kleinstadt nordöstlich von New York City. Ihre Eltern beschreibt sie als Kinder der Achtundsechziger, "beide Feministen". Levys Vater arbeitete bei einem Verein für freies Abtreibungsrecht, ihre Mutter gründete eine Nachmittagsbetreuung für die örtliche Schule und besuchte zwei Jahrzehnte lang eine Gruppe zur Stärkung des weiblichen Selbstbewusstseins. Die Mitteilung, ihre Tochter werde eine Frau heiraten, begrüßte sie mit den Worten, das sei ja wunderschön. Aber müsse es unbedingt etwas so Konventionelles wie eine Hochzeit geben?

Von Kind an wurde Ariel von ihrer Mutter eingebläut, sie müsse später unter allen Umständen unabhängig sein und für sich selber sorgen können. Levy beschloss schon früh, Autorin zu werden, denn dieser Beruf entsprach dem Bild der Frau, die sie werden wollte. Eine Frau, die tun und lassen kann, was sie will. Früher, in der Kindheit, hatte sie sich schreibend selbst Gesellschaft geleistet, und heute führt das Schreiben sie an Orte, die ihr andernfalls verborgen geblieben wären.

Ihre erste Reportage schrieb Ariel Levy über einen Nachtclub für dicke Frauen in Queens. "Die Frauen waren umwerfend, wie riesige Vögel: Sie klimperten mit ihren fedrigen falschen Wimpern; die engen Kleider schimmerten in Pfauenblau und Kanariengelb; die Pailletten reflektierten das gedämpfte Licht", heißt es in dem Text. Levy, damals 22, fand es aufregend, im durchgestylten Manhattan der neunziger Jahre eine Parallelwelt auszukundschaften, in der Frauen sich aus dieser Gesellschaft der glatt polierten Fassaden einfach ausklinkten. Bereits in ihrem ersten Text hatte sie ihr Lebensthema gefunden: unkonventionelle Frauenleben.

Was macht einen Menschen zur Frau? Eine Vagina? Die Gebärmutter? Ein Chromosom?

Bevor sie beim New Yorker anfing, fragte David Remnick, der Chefredakteur, beim Bewerbungsgespräch das, was alle Chefredakteure fragen: "Was fehlt dem New Yorker?" Und Levy antwortete das, was alle in dieser Situation antworten: "Nichts, er ist perfekt." Remnick verdrehte die Augen, und dann sagte Levy das, was sie wirklich glaubte: Würde sich ein Außerirdischer sein Bild des Menschen nur auf Grundlage des New Yorker machen, könnte er meinen, die Menschheit mache sich nichts aus Sex. Sie bekam den Job und schreibt seither im New Yorker hauptsächlich über Sexualität und Geschlechterrollen. Was bedeutet es, Frau zu sein? Welchen Regeln unterwirft man sich, bewusst oder unbewusst? Was macht einen Menschen zur Frau? Die Vagina? Die Gebärmutter? Ein Chromosom? Was ist das überhaupt – eine Frau? Als Reporterin erzählt Ariel Levy Geschichten, die diese Fragen beantworten. Oder zumindest stellen.

Gefragt, als welche Art Feministin sie sich sieht, entsteht ein ungewohnter Moment der Stille in Levys Apartment. Sie denkt eine Weile nach, dann sagt sie: "Ich bin eine feministische Geschichtenerzählerin. Wenn ich am Ende meines Lebens sagen könnte, ich habe über ein paar der außergewöhnlichsten Frauen geschrieben, die zu meiner Zeit gelebt haben, dann würde mich das sehr glücklich machen. Und ich glaube, es würde die Frauenbewegung bereichern."

Rückblickend erscheint es zwingend, dass Levy irgendwann über sich selbst schreiben musste. Denn der Wunsch, ein unkonventionelles Leben zu führen, zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Biografie. Besessen davon, ihr Leben bis ins letzte Detail selbst zu gestalten, hat sie lange Zeit geglaubt, sich den biologischen und gesellschaftlichen Erwartungen an ihr Geschlecht widersetzen zu können. Keinen traditionellen Job zu haben und eine Frau zu heiraten stand ganz oben auf der To-do-Liste ihres Lebens. Sich gesellschaftlichen Normen zu widersetzen und anders zu sein. Erwachsenwerden war für sie ein Synonym für Regel- und Tabubruch. Die Tatsache, dass ein Schwarzer zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt worden ist und homosexuelle Ehen gesetzlich anerkannt werden, hat Levy, Jahrgang 1974, und andere privilegierte Kinder ihrer Generation in ihrem Selbstverständnis bestätigt. "Wir wuchsen mit dem Gefühl auf, dass wir tun und lassen konnten, was immer wir wollten – es stand uns frei, wir selbst zu sein", schreibt Levy in Gegen alle Regeln. Der Buchtitel bezieht sich allgemein auf jugendlichen Übermut und den Glauben, von Verlust und Niederlage verschont zu bleiben, egal was man tut. Und darauf, dass es Regeln gibt, gegen die es sich zu kämpfen lohnt – so wie es die 83-jährige Edith Windsor getan hat, die vor dem amerikanischen Verfassungsgericht gegen den Defense of Marriage Act geklagt hat, der die Ehe als Institution zwischen Mann und Frau definiert. Windsor (über die Levy natürlich ein Porträt geschrieben hat) gewann und ebnete den Weg zur Legalisierung gleichgeschlechtlicher Ehen.

Aber man kann den Buchtitel auch als Warnung verstehen. "Wenn man davon ausgeht, dass keine Regeln gelten, kann es passieren, dass man sich überschätzt. Dass man mehr Kontrolle über sein Leben zu haben glaubt, als es tatsächlich der Fall ist", sagt sie im Interview. So hat sie es jedenfalls erlebt, als sie sich in ihren fruchtbaren Jahren auf andere Dinge konzentrierte. Ariel Levy, die furchtlose Reporterin, hatte lange Zeit Angst vorm Kinderkriegen. Nicht vor dem physischen Vorgang, sondern vor dem Verlust der Freiheit. Aufgewachsen in dem Glauben, das Drehbuch ihres Lebens selbst schreiben und alles haben zu können, fürchtete sie sich davor, die Rolle der Protagonistin aufzugeben. Gleichzeitig sehnte sie sich nach dem Schutzraum einer eigenen Familie. "Der Drang, mich ins Abenteuer zu stürzen, stand immer in Konkurrenz zum Bedürfnis, in den Beutel eines wohlwollenden Kängurus zu schlüpfen, das mich beschützt in großen Sprüngen durchs Leben trug", so steht es in ihrem Buch. Wie universal dieser Zwiespalt zwischen Freiheit und Geborgenheit ist, spürt sie an Reaktionen auf ihr Buch: Überraschend viele Männer identifizieren sich damit, erzählt sie.

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Ihr Kommentar wirft Fragen bei mir auf. - Nicht um des Kritikwillens, aber der Neugier geschuldet, worin besteht eine lösungsorientierte / positive Alternative im Umgang mit diesem Schicksalsschlag? - Ob es ist die beste und moralisch vertretbarste Version ist, möchte ich durch meinen Kommentar (weiterhin) offen lassen, aber die grundsätzlich pragmatische Haltung gegenüber den Dingen, die wir nicht beeinflussen können, daraus das Beste zu machen? ("Haltung des Unbroken")