Fehlgeburt Das Leben danach

Dass die Fruchtbarkeit mit den Jahren abnimmt, war natürlich auch Levy klar. Aber sie war überzeugt davon, sich irgendwie durchlavieren zu können. "Die Welt, in der wir lebten, war so kontrollierbar. Wir schickten einander E-Mails, SMS-Nachrichten, Bilder, die wir nur Augenblicke vorher ganz ohne Film aufgenommen hatten. Alles schien möglich, wenn du nur findig und hartnäckig genug warst und das Geld hattest", schreibt sie. Doch die Natur hält sich nicht an diese Regeln. Als Levy beschloss, Mutter zu werden, war ihr Körper nicht mehr bereit dazu. "In dem Moment, in dem man sich endlich reif genug fühlt, um für einen anderen Menschen Verantwortung zu übernehmen, sagt dein Körper, okay, alles schön und gut, aber ich bin draußen", sagt Levy. Die mangelhafte Synchronisierung von Kopf und Körper hält sie für einen schweren Systemfehler der Natur. Nach der Frühgeburt in Ulan-Bator hat sie viel Zeit und Geld in künstliche Befruchtung investiert, wurde jedoch kein zweites Mal schwanger. Inzwischen hat Levy, heute 43 Jahre alt, alle Versuche aufgegeben.

Die Natur ist der Boss – dieses klare Bewusstsein einer höheren Macht empfindet Levy heute als Befreiung

Aber was wäre die Lösung des Dilemmas? Was rät sie jungen Frauen? Früher Kinder zu bekommen? Levy setzt sich in ihrem Sessel auf und ruckelt unterm T-Shirt ihren BH zurecht. Dann sagt sie: "Es gibt keine Lösung, das muss jede für sich selbst rausfinden. Mir hatte man auch gesagt: Achtung, die Zeit läuft dir davon. Ich wusste es. Aber das hat keinen Unterschied gemacht, ich war einfach noch nicht so weit." Levy will ihr Buch keinesfalls als Fabel mit einer Moral, ihre Geschichte nicht als abschreckendes Beispiel verstanden wissen. Nicht als Weckruf. Sie habe keinen revolutionären Gedanken zu verkünden, sagt Levy. "Ich wünschte, mein Kind würde leben, das steht außer Frage. Allein die zehn oder zwanzig Minuten, die ich Mutter war, waren überwältigend. Um nichts in der Welt würde ich sie missen wollen." Wenn sie so etwas wie eine Botschaft hat, dann diese: Wir haben längst nicht so viel Kontrolle über unser Leben, wie wir glauben, denn die Natur ist der Boss. Dieses klare Bewusstsein einer höheren Macht empfindet sie als Befreiung: "Früher wollte ich ständig nur analysieren oder habe darüber nachgedacht, mit welcher Strategie ich wohin komme. Heute bin ich viel gelassener. Irgendwas in meinem Denken hat sich verändert." Sie sucht nach dem passenden Wort. "Meine Sicht auf die Welt ist weniger absolut als früher."

Levy hat ihre Lektion gelernt, aber sie rechnet mit niemandem ab und klagt nicht. Ihr Buch ist eher ein großes Staunen darüber, wie sehr man sich verheddern kann in den vielen Möglichkeiten und der eigenen, am Reißbrett entworfenen Lebensplanung.

In den vergangenen Monaten ist sie durchs Land gereist, um aus ihrem Buch zu lesen, und überall haben sich Frauen zu Wort gemeldet, um von Fehlgeburten zu berichten oder sich bei Levy zu bedanken, dass endlich jemand öffentlich und ohne Pathos über diese Dinge spricht. Die meisten Frauen waren älter, und Levy gefällt es, jemandem mit mehr Weisheit und Lebenserfahrung etwas bieten zu können. "Es gab gute Gründe, dass Frauen in den vergangenen fünfzig Jahren nicht über Menstruation, Menopause und all das hässliche Zeug gesprochen haben, denn sie mussten ja die Welt davon überzeugen, dass sie Unternehmen leiten oder eine Regierung führen können. Wir mussten uns auf den Kopf, nicht auf den Körper konzentrieren. Aber der Körper spielt eine zentrale Rolle in unserem Leben, viel mehr als bei Männern." Je länger Levy redet, desto unterhaltsamer wird sie. Sie ist so eloquent und schlagfertig, dass sie ihr Geld auch als Entertainerin verdienen könnte. "Frauen haben eine atemberaubende Macht. Sie können einen Menschen in ihrem Körper wachsen lassen, und dann quetschen sie ihn aus ihrer Vagina hinaus in die Welt. Was für eine starke, urwüchsige, magische Kraft!", begeistert sie sich und feuert das Wort "quetschen" mit solcher Emphase heraus, dass man sich nicht wundern würde, wenn noch ein Schwall Blut hinterherschwappen würde.

Plötzlich öffnet sich die Wohnungstür, und ein Mann mit weißen Haaren und feinen Gesichtszügen tritt ein. "Look who just popped into the room! Hi Sweetie!", freut sich Levy und küsst den Besucher. Der Mann ist Arzt, er hat Levy in der Klinik von Ulan-Bator versorgt, den Lesern des Buches ist er als "Doktor John" vertraut, der "schönste Mann der Welt". Doktor John ist einer der wenigen Menschen, der Levys Baby zu Gesicht bekam und sie als Mutter wahrgenommen hat. Die beiden sind seit einiger Zeit ein Paar, aber das steht nicht im Buch, denn es wäre als Schluss zu billig. Das Leben ist kein Arztroman und Levy zu sehr Feministin, als dass sie den Eindruck erwecken möchte, am Ende womöglich von einem Mann gerettet worden zu sein, der das Vakuum auffüllt, das durch das verlorene Kind entstanden ist. Der Schluss des Buches bleibt offen. Er stellt verschiedene Szenarios zur Wahl und steht für eine Zukunft, die nicht geplant wird.

"Wo ist die Lesbe geblieben?", hat neulich eine Frau aus dem Publikum gerufen, als Levy in Brooklyn aus ihrem Buch gelesen hat, man kann es auf YouTube hören. Es war keine Frage, eher eine provozierende Bemerkung. Hat sie damit gerechnet, dass ihr die neue Beziehung als Verrat angekreidet wird? Levy lacht. "Ich habe erwartet, dass mich ein paar Lesben vermissen werden. Aber ich dachte, es wären mehr."

Levy mustert Doktor John. "Du bist braun geworden." – "Das kommt vom Surfen heute Morgen", antwortet er. Doktor Johns Heimat ist Südafrika, er pendelt zwischen seinem Zuhause und anderen Ländern, in denen er über längere Zeiträume hinweg als Arzt arbeitet, in China, Nigeria oder der Mongolei. Den vergangenen Winter hat Levy bei ihm in Kapstadt verbracht und auf seinen Pferden Reiten gelernt, jetzt lebt er eine Zeit lang bei Levy, begleitet sie zu Lesungen und Fernsehauftritten, zimmert Blumenkästen aus Holz für den kleinen Dachgarten oberhalb ihrer Wohnung.

Dort stehen wir zum Abschluss des Interviews und schauen über die Brownstone-Häuser in der Nachbarschaft hinüber zur High Line, dem zauberhaften New Yorker Stadtpark auf einer ehemaligen Hochbahntrasse. "Ich mag mein Leben", sagt Levy und nestelt an einer Sonnenblume herum, deren Blätter in der Sommerhitze braun geworden sind.

So machen sie das in Manhattan.

Als Levys Buch im März dieses Jahres in den USA erschien, wurde Ilka Piepgras durch eine Rezension darauf aufmerksam. Verblüfft, wie leichtherzig und tiefgründig "The Rules Do Not Apply" von Schmerz und Verlust erzählt, wollte sie sich ein Bild von der Autorin machen und fragte ein Interview an. Ende Juli fand das Gespräch in New York statt.

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Ihr Kommentar wirft Fragen bei mir auf. - Nicht um des Kritikwillens, aber der Neugier geschuldet, worin besteht eine lösungsorientierte / positive Alternative im Umgang mit diesem Schicksalsschlag? - Ob es ist die beste und moralisch vertretbarste Version ist, möchte ich durch meinen Kommentar (weiterhin) offen lassen, aber die grundsätzlich pragmatische Haltung gegenüber den Dingen, die wir nicht beeinflussen können, daraus das Beste zu machen? ("Haltung des Unbroken")