Harald Martenstein Über Langzeitkanzler

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 38/2017

Ich habe bisher zwei Langzeitkanzler erlebt, Kohl und Merkel. Kohl mochte ich gar nicht. Immer wenn Kohl im Fernsehen kam, dachte ich: Tu mir bloß nichts. Jemand, den man nicht mag, kann als Politiker trotzdem etwas taugen, das ist mir schon klar. In einer Reportage über Kohl hat der Autor Jürgen Leinemann beschrieben, wie Kohl im Kreise seiner Getreuen sitzt und mit dem Messer Scheiben von einer Wurst abschneidet; die Wurstscheiben verteilt er dann mit der Hand an die Getreuen. Niemand wagt, abzulehnen. Dieses Bild, der Vegetarierquäler, hat sich mir eingebrannt, obwohl ich es nie selbst gesehen habe, das ist für mich Kohl. Merkel mag ich etwas mehr. Willy Brandt war natürlich der Größte, aber so was wie er wird nicht mehr hergestellt. Mein Bild für Willy Brandt ist nicht der Kniefall in Warschau, sondern das Foto, auf dem er Gitarre spielt und eine Zigarette in seinem Mundwinkel baumelt.

Der Spiegel-Reporter Alexander Osang hat mehrere Porträts über Angela Merkel geschrieben, ich weiß nicht genau, wie viele. Sie sind berühmt. Zwei davon habe ich gelesen. Ich war krank, im Wartezimmer des Arztes lag ein Spiegel, und wieder stand da ein Text von Osang über Merkel, mein dritter. Nach meiner Erinnerung hatte der Kollege sie beide Male mit spürbarer Sympathie beschrieben. Diesmal dachte ich: Angela Merkel treibt ihn allmählich zur Verzweiflung. Obwohl er immer fair war und sie mag, lässt sie ihn keinen Zentimeter an sich heran. Bei einem Wahlkampftermin an der Ostsee bekommt Merkel ein Stück Bernstein geschenkt. Osang will wissen, was Merkel mit dem Bernstein gemacht hat. Er muss sich mit dieser brisanten Frage schriftlich an den Regierungssprecher wenden. Antwort: Der Bernstein liegt auf einem Tisch. Osang hakt nach, wieder schriftlich. Er möchte erfahren, wo der Tisch steht. Nun kommt keine Antwort mehr. Die Sprache der Macht heißt Schweigen. Da wusste ich, dass ich jetzt in meiner Privatmythologie endlich auch mein Bild für die Ära Merkel gefunden hatte, es ist dieser Tisch, der im Nirgendwo steht.

Und mir wurde klar, wie viele Parallelen es zwischen Kohl und Merkel gibt, nicht nur die lange Amtszeit, auch das Misstrauen, die etwas unbeholfene Sprache, die Fähigkeit, Rivalen kaltzustellen, Fehler auszusitzen und Gefahren zu wittern, drei Fähigkeiten, die Willy Brandt fehlten, dazu die relativ bescheidene Lebensweise und, natürlich, der kolossale Machtinstinkt, alles wie Kohl. Er ist wieder da, das soll jetzt aber bitte nicht als Hitlervergleich verstanden werden.

Dass Merkel eines Tages freiwillig zurücktritt, sei ähnlich unwahrscheinlich wie bei Kohl, so lautet eine der Botschaften von Osangs Reportage. Er hat sich im Umfeld umgehört – unglaublich, es scheint noch Leute in ihrem Umfeld zu geben, die etwas sagen, sicher zum letzten Mal, 2021 gibt es die nicht mehr. Als die Leute von Kohl genug hatten, wurde er abgewählt, aber bei Merkel ist das unmöglich, sie sucht sich einfach immer neue Koalitionspartner. Sie hat das, was Kohl fehlte, Geschmeidigkeit. Sie ist wie einer dieser Schachcomputer, gegen die kein normaler Mensch mehr gewinnen kann. Der beliebteste Mensch der Welt ist, laut einer Umfrage in zahlreichen Ländern, angeblich Bill Gates. Für Bill Gates als Kanzler würde bei uns höchstens die FDP stimmen, das dürfte nicht reichen.

Ach so, es gibt ja noch die AfD. Mein Bild für die AfD ist ein Müllcontainer, in dem ein alter Herr alle Leute sammelt, die anders aussehen als Heino, die werden dann entsorgt.

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Mutti kann auch Anders

Es steht ein Tisch im Nirgendwo
mit dir allein als Dauergast.
Mit jeder Runde, die vergeht,
weißt du genau, was du noch hast.

Es steht ein Tisch im kahlen Raum,
den es schon gestern immer gab.
Du hast gedacht, das ist mein Traum
und dass ich ihn für immer hab.

Es steht ein Tisch in diesem Land,
und niemand stellt auf Grün-Rot das Licht.
Die Leute heben noch die Hand,
doch wirklich froh, das sind sie nicht.

Es steht ein Tisch in dieser Welt,
bald bist auch du - genau wie ich – allein.
Was gibt es schon, das uns noch hält;
mit dir woll’n wir nicht einsam sein.

Mein Gott, tatsächlich, mittlerweile, wenn ich mich nicht verrechnet habe, 28 Jahre Unionskanzlerschaft! Fast am Stück! Mit zwei Kanzlern! Nur kurz unterbrochen von Schröder. Und so, wie's aussieht, nochmal vier Jahre! Fast eine halbe Generation!
Am politischen Personal kann's nicht liegen: Die Besten wurden ja sowohl von Kohl als auch von Merkel entsorgt.
Was also? Die Union als der beste Kanzlerwahlverein?
Die Fähigkeit beider, eigene Machtansprüche rigoros durchzusetzen?
Innerparteiliche Konkurrenz konsequent kalt zu stellen? Eine Fähigkeit, die Brandt sicher abging (Wehner).
Aber: Die Union wurde ja mit Mehrheit gewählt. Was treibt das deutsche Wahlvolk dazu? Keine Experimente? Die Angst vor roten Socken? Kommunismus gar? Immer noch?
Nein, ich denke, es ist die Angst vor Veränderung. Eine
als Bedrohung empfundenen Zukunft. Wo es uns doch gerade so gut geht: Exportweltmeister, geringe Arbeitslosenquote, endlich wieder steigende Löhne. Und wir sind wer in Europa! Das tut der deutschen Seele gut!
Auftauchende Probleme werden letztlich als Marginalien abgetan.
Genau darin liegt aber das Problem: Sowohl Kohl (trotz Wiedervereinigung! )
als auch Merkel verwalten. Zukunftsführender Gestaltungswille ist nicht erkennbar. Probleme werden ausgesessen. Offenbar vom Wähler so gewünscht.
Bis irgendwann eine andere Regierung den Reformstau aufhebt. Und dafür bei der darauffolgenden Wahl abgestraft wird. Und die nächste Unionsregierung die Früchte erntet.
Eine geniale Strategie!