Harald Martenstein: Über Lederhosen

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 38/2017

Zwei Mal habe ich zu meinem Leidwesen eine gottverdammte Lederhose geschenkt bekommen. Das erste Mal als Kind in der Pfalz, das zweite Mal zum Abschied von meinen wohlmeinenden Berliner Kollegen, nachdem ich einen Job in München angenommen hatte. Ich habe also Erfahrung.

Meines Wissens tragen nicht mal eingefleischte Lederfetischisten Lederhosen der bayerischen Art. Die Lederhose ist ein sehr unbequemes Kleidungsstück und ein Kinderquäler. Sie steht nur den wenigsten Männern. Man zieht sie nur an, weil ein bestimmter gesellschaftlicher Anlass, etwa ein Oktoberfest, oder eine bestimmte geistige Haltung, etwa Bavarophilie, die Lederhose als passend erscheinen lässt. Lederhose trägt man, wie man Krawatte trägt, also um dazuzugehören. Wer dazugehört, wird aber in Bayern sowieso ganz allein von den Bayern entschieden. Das Peinlichste, was man in Bayern meiner Erfahrung nach tun kann: als Nichtbayer eine Lederhose anzuziehen. Das ist, als ob man sich im Schwimmbad eine Krawatte umbindet. Wenn einer Ihrer Kollegen nach Bayern zieht: Schenken Sie zum Abschied einen Wanderführer, niemals eine Lederhose.

Die Grüne Jugend hat vor ein paar Monaten einen Aufruf mit dem Titel Wir sind nicht Lederhose veröffentlicht, darin geht es um Leitkultur und die Nazis, die Lederhose soll mit beidem etwas zu tun haben. Stimmt das? Erfunden wurde die Lederhose in grauer Vorzeit als bäuerliche Arbeitskleidung. Sie war kostenlos, weil die Bauern sie aus den Häuten ihrer Tiere selber schneiderten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war sie fast schon verschwunden, bis ein gewisser Josef Vogl 1883 seinen "Verein zur Rettung der Volkstracht" gründete. Kirche und Obrigkeit waren anfangs gegen das Comeback der Lederhose, weil sie eine Aufwertung der unteren Klassen darstellte und "sittenwidrig" war, wegen des nackten Knies. Ah, der gute König Ludwig! Ludwig II. ist ja so ziemlich das Beste gewesen, was Bayern in seiner monarchischen Phase zu bieten hatte, Ludwig hat für die Kunst und den Nonkonformismus und natürlich auch für die Lederhose gekämpft. Ein Lederhosenbündnis des Monarchen mit dem Volk entstand, über die Köpfe der Eliten hinweg, bester Populismus. Spätestens nach dem Ersten Weltkrieg war die Lederhose dann bayerischer Mainstream.

Die mächtigsten Gegner der Lederhose sind nicht die Grünen. Wir Nachkriegskinder litten unter unseren harten, unbequemen Lederhosen. Die waren 1960 weit über Bayern hinaus die übliche Kinderuniform. Sie wurden dreckig und speckig und allmählich etwas weicher, ohne jemals richtig weich zu sein. Waschen konnte man sie nicht, aber sie hielten ewig. Man trug sie bis zum ersten Frost. Falls die Eltern gnädig waren – manche Kinder trugen auch im Winter Lederhose. Dann betete man, den Winter hindurch, dass man im Frühjahr zu groß sein würde für die alte Lederhose und dass kein Geld für eine neue Kinderquälerhose da sein würde.

Eines Tages bekam ich meine ersten Jeans, damit war die Lederhose historisch erledigt. Die Jeans war ursprünglich auch eine Arbeitskleidung, aber sie war so viel bequemer, billiger und lässiger, eben amerikanisch. Die Jeans haben die Lederhosen aus dem Alltag weggefegt, jetzt ist sie ein Stück Folklore, wie das Dirndl. Man zieht sie nach dem Oktoberfest so gerne wieder aus, wie man Skistiefel nach dem Skifahren auszieht. Aber sie hat das ewige Leben verdient, wegen Ludwig.

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