Gesellschaftskritik: Über Glaubensbekenntnisse

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Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 38/2017

Neulich beim Kanzlerduell, Sonntagabend. Sandra Maischberger wollte wissen, ob die beiden Priesteramtskandidaten, die vor ihr standen, denn auch in der Kirche gewesen seien. Merkel musste zugeben, "heute nicht in der Kirche" gewesen zu sein, Schulz wollte gerade in ihr Schuldbekenntnis einstimmen, da fiel ihm, anscheinend überrascht von sich selbst, ein, dass er an dem Tag das Grab eines Freundes besucht hatte und dabei in der Friedhofskapelle gewesen war. Merkel daraufhin: In einer Kirche sei sie auch gewesen, am Vortag, zum Todestag ihres Vaters, der die Kirche sogar mit aufgebaut hatte. Schulz beendete den Glaubens-Battle dann zum Glück mit einem versöhnlichen "wahrscheinlich haben wir im stillen Kämmerlein beide gebetet". Es war toll, zu sehen, wie sich die Pfarrerstochter und der Jesuitenschüler überschlugen, irgendeine Nähe zu Kirchen, Kapellen, Friedhöfen vorzuweisen. Aber es war auch ein bisschen peinlich – wieso eigentlich?

Lange war das öffentliche Glaubensbekenntnis brasilianischen Fußballspielern vorbehalten, die sich bei ihrer Einwechslung bekreuzigten. Es wirkte naiv, so als hätten sie nicht genug Bildung genossen, um zu wissen, dass Gott auf den Ausgang des Spiels keinen Einfluss hat. Politiker gaben sich dagegen eher aufgeklärt, Gerhard Schröder zum Beispiel verzichtete bei seinen beiden Amtseiden sogar auf das "So wahr mir Gott helfe". Aber vor etwa zehn Jahren änderte sich der Zeitgeist. Plötzlich war es üblich, sich öffentlich zu "seinem Glauben" zu bekennen oder die Stoßgebete, die man zum Himmel schickt, wenn der Arzt mit zwei Röntgenbildern und ernster Miene das Behandlungszimmer betritt, zu einem kohärenten "Glauben" umzudeuten. Leute, von denen man es nicht vermutet hätte, waren plötzlich gläubig: Harald Schmidt, Udo Lindenberg, Jürgen Klopp – gottesfürchtige Männer. Und auch Carmen Geiss, Cora Schumacher oder Cathy Lugner sind nicht etwa, wie man vermuten könnte, durch eine Sammelklage gegen einen Schönheitschirurgen miteinander verbunden, sondern im Glauben an Gott. Glaubensbekenntnisse sind also angesagt, genau wie Klavierspielen, Heiraten, Tischmanieren und alttestamentarische Vornamen. Vielleicht ist es das, was einen beim Kanzlerduell so komisch berührte, abgesehen davon, dass man es sich bei Merkel einfach schwer vorstellen kann, wie sie vor dem Einschlafen zum Jesuskind betet (bei Schulz schon eher): Die Bekenntnisse sollten vermutlich zeitlos und traditionell wirken, dabei sind sie einfach nur modisch.

Kommentare

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Achja, dann erzählen Sie uns doch bitte, wann bei Ihnen "religiöse Belästigung" anfängt - und begründen gleich danach, weshalb das Grundgesetz in puncto "Religionsfreiheit" geändert werden müßte. (Und kommen Sie bitte nicht mit aufdringlichen "Salafisten" in der Fußgängerzone! Da reicht eine Beschwerde beim Ordnungsamt oder eine Anzeige wegen Nötigung).

"mein Problem ist vermutlich, dass ich streng katholisch erzogen wurde.
So dass ich diese Religion "hautnah" erlebt habe."

Es ist sehr schade, dass es Ihre Eltern offensichtlich nicht geschafft haben, Ihnen die Freude am Glauben zu vermitteln. Ich lerne leider sehr viele Menschen kennen, denen eine schlechte Glaubensvermittlung einen Stein bzw. ganze Berge in den Weg geworfen haben. Wenn das Herz in Liebe zu Gott brennt, macht der religiöse "Firlefanz" plötzlich Sinn und stellt keinen mehr Zwang dar. Und die christliche Lehre hilft einem bei der Persönlichkeitsentwicklung hin zu einem gelingendem sinnerfüllten Leben und in der Kirche kann man dann noch die dazugehörende Gemeinschaft erleben (je nach Kirchengemeinde besser oder schlechter) und jemand finden, der einen geistlich begleitet und hilft.

Ganz so, wie Jesus in Mt 11,28-30 sagt:
Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht und meine Last ist leicht.