Die großen Fragen der Liebe: Darf sie die dicke Luft ignorieren?

Eine Kolumne von
Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 38/2017

Die Frage: Justin und Hanna haben sich im Internet kennengelernt und sind langsam als Paar zusammengewachsen. Sie waren beide lange Zeit Single und wollen möglichst viel Unabhängigkeit behalten, deshalb wohnen sie auch getrennt. Nur ein Problem scheint unlösbar: Manchmal zieht sich Hanna zurück und kapselt sich ab, wenn etwas an Justins Verhalten sie gekränkt hat, er etwa laut geworden ist. Aber sie will nicht über den Konflikt sprechen, sie will nur ihre Ruhe und irgendwann wieder so tun, als sei der Streit nicht gewesen. Genau das findet Justin unerträglich – wie sollen sie miteinander weiterkommen, wenn Hanna die Probleme unter den Teppich kehren will? Dann wiederum zieht sich Justin zurück und weist Hannas Versuche ab, die dicke Luft zu ignorieren.

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Selbstverständlich ist es gut, Konflikte zu klären und sie nicht zu leugnen. Ebenso selbstverständlich ist es gut, das Zusammensein zu genießen, auch wenn irgendwo noch ein Streit schwelt. Das Klärbare klären und den Rest ruhen lassen – hört sich gut an, aber erst müssen sich die Beteiligten einigen, wo die Grenzen sind. Ich vermute, dass Hanna und Justin zu sehr darin geübt sind, mit ihren Ängsten allein fertigzuwerden. Hanna hat Mühe, sich vorzustellen, dass Justin nach einer kurzen Konfliktklärung wieder bereit ist, den Alltag zu genießen. Sie fürchtet ein endloses Konfliktgespräch, das alles schlimmer macht. Und Justin kann nicht glauben, dass Hanna Interesse hat, über die Konflikte zu sprechen, wenn sie erst wieder das Gefühl von Geborgenheit und Frieden ansammeln konnte.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Die Seele des Psychologen. Ein autobiografisches Fragment" (Orell Füssli)

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