Oide Wiesn Ein wahres Fest!

Auf der Theresienwiese gibt es neben dem großen noch das kleine, für viele schönere Oktoberfest: die Oide Wiesn. Was ist das Erfolgsgeheimnis? Das Böfflamott? Die Schwuhplattler? Die Gstanzln? Wir haben die Menschen gefragt, die es wissen müssen. Von

Die Nachtschwärmerin

Diana Vrbić, 35, geht in ihre vierte Saison als Kellnerin im Herzkasperlzelt

"Wenn der Abend im Herzkasperlzelt gut war, bleiben wir, die Kellnerinnen und Kellner, einfach noch sitzen. Die Hauskapelle, die Landlergschwister, musizieren weiter, nur für sich, wir können tanzen, Walzer, zu zweit, manche kommen sich näher. Um uns herum, in den anderen Zelten, geht das grelle Putzlicht an, und die riesigen Schrubbermaschinen fahren hinein. Wir genießen den Moment.

Ich komme eigentlich aus dem Personalbereich. Ich habe Wirtschaft studiert, in der Gastro habe immer nur nebenbei gearbeitet, bis ich vor sechs Jahren im Zuge eines Insolvenzverfahrens meinen Job verloren habe. 2013 habe ich beschlossen, auf der Wiesn zu arbeiten. Ich wollte aber auf gar keinen Fall in 14-Stunden-Schichten zwischen Verrückten und Besoffenen rumrennen, deshalb habe ich mich auf der Oiden Wiesn für das Herzkasperlzelt beworben. Drei sehr schöne Jahre habe ich bisher hier gekellnert. An meinem ersten Arbeitstag hat die Band Blumentopf gespielt, ich habe mich gefühlt wie auf einem Konzert.

Letztes Jahr hat die Oide Wiesn wegen des Zentral-Landwirtschaftsfests pausiert, und ich habe auf der normalen Wiesn im Biergarten vom Schützenzelt gearbeitet. Das Team fand ich schrecklich. Es ging nur ums Geldscheffeln, es wird richtig gekämpft um die Gäste. Ich war am Ende des Tages nervlich völlig am Ende, das ist mir im Herzkasperlzelt nie passiert.

Vor der Wiesn stelle ich mir eine kleine Apotheke zusammen: Ingwertropfen, Kopfschmerztabletten, Erkältungsmedikamente. Jeder Wiesn-Kellner ist irgendwann erkältet. Es gibt während der Wiesn sogar einen Apothekennotdienst extra für Wiesn-Bedienungen, der direkt ins Zelt liefert.

Im Herzkasperlzelt bekomme ich im Durchschnitt 120 Euro Trinkgeld pro Tag. Für mich steht das Finanzielle nicht im Vordergrund. Auf der normalen Wiesn verdiene ich mehr, letztes Jahr waren es in den gut zwei Wochen, die ich dort war, etwa 5.000 Euro nach Abzügen.

Mir ist es aber lieber, nach Schichtende noch mit netten Leuten der Musik zuzuhören. Wenn dann schlussendlich der Putztrupp auch zu uns kommt, später als in allen anderen Zelten, und wir weit nach Mitternacht das Festgelände verlassen, sind wir die Letzten auf der ganzen Wiesn."

Der Erbe

Hans Martin Kalb, 74 Jahre alt, kam nach dem Krieg zum Kettenflieger

"Zum Kettenflieger bin ich ein bisschen so gekommen wie Maria zu ihrem Kind. Wahrscheinlich war ich einfach bestimmt dafür. Ich bin Kriegswaise. Nach der Schule bin ich zur Bundeswehr gegangen. Zuerst war ich für die Grundausbildung bei den Fallschirmjägern, dann in der Kaserne in Schongau, bis es nach zwei Jahren hieß: Abschied nehmen. Einen Plan, wie es jetzt weitergeht, hatte ich nicht. Alles, was ich hatte, war Zeit und ein bisschen Geld.

Mit meinen paar Habseligkeiten habe ich mich in den Zug nach München gesetzt und bin über die Wiesn gelaufen. Und da habe ich dieses schöne Karussell gesehen, den Kettenflieger, davor zwei alte, zerbrechliche Leute im Kassenhäuserl. Das hat mich irgendwie fasziniert und berührt, außerdem sahen die aus, als könnten sie Hilfe gebrauchen, also habe ich einfach gefragt, ob ich dort arbeiten kann. Sie haben Ja gesagt. Ich durfte bei ihnen draußen in Siebenbrunn wohnen, wo die beiden ihren Lagerplatz hatten.

Eines Tages sagt der Mann zu mir: "Pass auf, wir haben keine Kinder, du hast einen Führerschein, du bist jung und stark, magst du nicht weitermachen? Denn wenn ich sterbe, ist die Anni ganz allein", so hieß seine Frau. "Sie hat keine Rente und nix." Ich habe gesagt: "Du stirbst mir schon nicht." 1962 war das, da war er 61 Jahre alt. 1969 ist er gestorben, drei Wochen vor der Wiesn. Ich sagte Anni: "Die Wiesn mache ich dir, dann hast du Geld zum Leben."

Damit es weitergeht, wenn sie mal nicht mehr kann, sind wir zur Behörde gegangen, es ging um den Stellplatz auf der Wiesn. Der Beamte sagte, es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder ihr heiratet, oder sie adoptiert dich, dann erbst du den Platz. So haben wir das gemacht, ich war weit über 20. Der Kettenflieger lässt mich nicht los. Es ist mehr als nur ein Karussell. Seit einem halben Jahrhundert habe ich Angst vor dem einen schlimmen Unwetter, das mir den Flieger kaputt macht."

Kommentare

3 Kommentare Kommentieren

Mein Beitrag zur Volksmusik in Bayern war absolut themennah!
>>Das Herzkasperlzelt ist ein Platz für junge Volksmusik. Ich bin der Meinung, Volksmusik kann nur bestehen, wenn sie Raum zur Weiterentwicklung bekommt. <<

Ich habe lediglich darauf hingewiesen, dass es immer noch bayerische Blaskapellen gibt, die der alten Tradition verfallen sind:
>>
20. September 2017, 19:41 Uhr
Oktoberfest
Tiroler Blaskapellen spielen Nazi-Marsch beim Wiesn-Umzug<<
http://www.sueddeutsche.de/muenchen/oktoberfest-tiroler-blaskapellen-spielen-nazi-marsch-beim-wiesn-umzug-1.3675764?reduced=true

Es kann ja wohl nicht sein, darauf hinzuweisen, selbst in einer Zeit. Der Text zum Standschützenmarsch lautet:
>>Hellau! Und soll's zum Kampfe gehn, miar Buam fürchten 's nit. Hellau! Hellau! Schrein mir dann auf und gehn gar freudig mit. Hellau! Das Auge glänzt uns hell, den Stutzen in der Hand. Hellau! Hellau ! Mei Land Tirol, du bischt mei Hoamatland!<<

Schön, gell! Die moderne Blasmusik entwickelt sich also weiter.

Und noch etwas zur Erinnerung an die Blasmusik der Bayern:
>>
Ausstellung: Im Dirndl für den Führer
Wie die Nazis alpines Brauchtum für ihre Zwecke benutzten, will niemand so genau wissen – zu groß war die Kontinuität. Nun nimmt sich eine Ausstellung des Themas an.
Von Florian Gasser
29. November 2012, 7:00 Uhr Editiert am 29. November 2012, 9:57 Uhr
Für Maria Stocker, Musiklehrerin aus Stams, bricht eine Welt zusammen. Fassungslos steht sie in der Ausstellung Tiroler Musikleben in der NS-Zeit ... Nun, 67 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, erfährt sie zum ersten Mal, welch maßgebliche Rolle ihre Helden von gestern für die Nazipropaganda gespielt haben. << http://www.zeit.de/2012/49/Tiroler-Musikleben-Nationalsozialismus-Ausstellung-Innsbruck/komplettansicht

So weit zu: >> Das Alte und das Neue gehören einfach zusammen, wichtig ist mir, dass die Leute auf der Oiden Wiesn wählen können. <<