© Herlinde Koelbl

Das war meine Rettung "Ich wäre kein würdiger, sondern ein Whisky-Priester geworden"

Der Autor Tom Keneally erlitt im Priesterseminar einen Nervenzusammenbruch – dann schrieb er seinen ersten Roman. Von
Aus der Serie: Das war meine Rettung ZEITmagazin Nr. 38/2017

ZEITmagazin: Herr Keneally, 1982 schrieben Sie Schindlers Liste. Wie kamen Sie an die Geschichte?

Tom Keneally: 1980 war ich auf einer Lesereise in den USA. In Los Angeles landete ich auf der Suche nach einer neuen Aktentasche in einem kleinen Lederwarengeschäft, das einem gewissen Leopold Pfefferberg, genannt Poldek, gehörte. Wir kamen ins Gespräch, und als er erfuhr, dass ich Schriftsteller war, holte er aus dem Hinterzimmer einen Stapel Unterlagen über die "Schindler-Juden", die dank Oskar Schindler den Holocaust überlebt hatten. Pfefferberg hatte diese beeindruckenden Dokumente zusammengetragen, darunter eine Kopie der Original-"Schindler-Liste", auf der auch sein Name stand. Er beschwor mich, ein Buch darüber zu schreiben.

ZEITmagazin: Stimmten Sie sofort zu?

Keneally: Ich zögerte. Auf der einen Seite hatte mich europäische Geschichte schon immer fasziniert. Mein Vater diente im Zweiten Weltkrieg in Nordafrika und schickte mir von der Front immer Keksdosen voller mysteriöser Gegenstände, darunter auch einige mit Hakenkreuz drauf. Als kleiner Junge war ich davon begeistert und sah nicht, welche Tragödien hinter diesen Andenken lagen. Auf der anderen Seite war ich kein Jude, nur ein australischer Hinterwäldler mit Minderwertigkeitskomplex, dem es nicht zukam, über europäische Geschichte zu schreiben. Poldek musste mich überreden. Er gab mir die Kontaktdaten von Schindler-Juden, die in Australien lebten, falls ich es mir überlegen sollte.

ZEITmagazin: Und Sie haben es sich überlegt.

Keneally: Schindler war als Typ sehr verlockend. Er war beides: Ausbeuter und Erlöser. Dieses Paradox war einfach zu gut, es beleuchtete jeden Aspekt des Rätsels Nationalsozialismus. Also traf ich mich mit den Überlebenden in Australien. Bereits nach den ersten Interviews ließ mich die Story nicht mehr los. Auch weil die meisten Schindlers Charakter ähnlich beschrieben. Er war ein Heiliger mit sehr viel Teufel in sich. Und man landet natürlich auch bei der Frage, was man selbst in Schindlers Situation getan hätte. Der ultimative moralische Test. Eine Frage, die ich nie für mich beantworten konnte. Mit Poldek gemeinsam besuchte ich dann die Überlebenden. Die meisten sprachen nur mit mir, weil er dabei war.

ZEITmagazin: Wie waren diese Gespräche?

Keneally: Schriftsteller glauben, sie könnten das wie Soldaten der Marines machen: schnell rein und schnell raus. Schnapp dir die Story, und das war’s. Aber so funktioniert es nicht. Eigentlich bin ich nie wieder rausgekommen. Heutzutage zweifeln wir nicht daran, am nächsten Morgen wieder aufzuwachen. Doch dann betrat ich die Welt von Menschen, für die das jahrelang nicht der Fall war, und das war eine ziemliche Prüfung. Ja, ich habe Albträume, aber die sind nichts im Vergleich zu denen, die die Überlebenden haben. Und manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass ich von dem Leid der Überlebenden profitierte, indem ich das Buch schrieb. Vielleicht ist das Blutgeld.

ZEITmagazin: Eigentlich wollten Sie Priester werden, verließen aber sechs Monate vor der Ordination das Priesterseminar. Warum?

Keneally: Ich hatte einen Nervenzusammenbruch. Als ich ins Priesterseminar ging, war ich noch sehr unreif und hatte die romantische Vorstellung, Priester seien die Verteidiger der kleinen Leute. Meine Großeltern kamen aus Irland, und in Australien waren die Katholiken eine Minderheit, nicht gern gesehen und von vielem ausgeschlossen. Deshalb kämpfte mein Vater auch in Nordafrika. Er wollte beweisen, dass die Katholiken genauso gute Bürger waren wie alle anderen. Und ich wollte als Priester meinen Teil dazu beitragen. Aber nach und nach verlor ich den Glauben. Wie soll man, bitte schön, an die jungfräuliche Empfängnis glauben?

ZEITmagazin: Und was hat Sie gerettet?

Keneally: Ich erkannte, dass ich rausmusste. Ich würde kein würdiger Priester werden, eher ein Whisky-Priester. Aber ich hatte lange das Gefühl, alle enttäuscht zu haben. Dann begann ich zu schreiben und veröffentlichte 1963 meinen ersten Roman. Das hat mich gerettet. Ich konnte dadurch wieder Teil der Gesellschaft und ein ganz normaler Mensch sein.

ZEITmagazin: Ihre Ehefrau ist eine ehemalige Nonne. Verbindet Sie das?

Keneally: Das war, als hätten wir beide im Gefängnis gesessen. Man muss sich nicht erklären. Sie wusste, was ich durchgemacht hatte. Außerdem sah sie unglaublich gut aus.

ZEITmagazin: Wie ist Ihre aktuelle Einstellung zur katholischen Kirche?

Keneally: Ich gehe in die Kirche, weil das zu meiner Herkunft gehört. Ich besuche Beerdigungen und Hochzeiten. Innerlich hat die Kirche jedoch jegliche moralische Autorität für mich verspielt. Und ich bezweifle stark, dass ein Gebet zur Jungfrau Maria ein abstürzendes Flugzeug, in dem ich sitze, retten könnte.

Das Gespräch führte Herlinde Koelbl. Sie ist Fotografin und gehört neben dem Psychologen Louis Lewitan, Evelyn Finger, Anna Kemper und Ijoma Mangold zu den Interviewern unserer
Gesprächsreihe.

Kommentare

12 Kommentare Kommentieren

Ich kenne - wie wahrscheinlich die meisten - nur den Film, nicht das Buch. Möglich, dass Mr Keneally ein guter und sympathischer Mensch ist, aber inzwischen kann jeder wissen, dass die Schindler - Geschichte zu schon ist, um wahr zu sein und dass er wie auch jüdische Überlebene, die verständlicherweise nicht als Nazi-Kollaborateure gelten wollten, hier an einem Mythos gestrickt haben. Die Sterblichkeit unter den Fabrikarbeitern war bei Schindler nicht geringer als in anderen Lagern. Kann man bei Jitka Gruntova nachlesen.

Finde ich nicht. Die katholische Soziallehre hat aus meiner Sicht viel zu bieten. Auch aktuell. Ich empfehle die päpstliche Enzyklika Laudato Si.

Es gibt so vieles, was auch für Nicht- oder Andersgläubige Wert besitzt:
Wert des Menschen und des Lebens (unterschiedslos, Verurteilung nur der Taten wegen, der Mensch bleibt wertvoll, etc.), Sexualität gehört in verantwortungsbewusste Beziehungen, reiner Konsum als Glücksmoment trägt nicht, Verantwortung für die Schöpfung/Umwelt, ...