William Hogarth Die Malprognose

Es ist Wahlkampf, und ein großes Gähnen geht durchs Land. Die vage Merkel, der fade Schulz ... Öde Plakate, müde Programme, bleierne Leitartikel, blecherne Talkshows. Muss das so sein? Der englische Maler William Hogarth wusste schon vor 263 Jahren, wie es geht: In seiner prallen Bilderfolge "Humours of an Election" feiert er mit schneidendem Witz die ewige Krise der Demokratie. Eine satirische Empfehlung für heute Von
ZEITmagazin Nr. 38/2017

Das Bankett

Das Schrecklichste, das Allerfinsterste und Grausigste an der Demokratie ist das Volk. Der Wähler: ein Monster. Menschen, sogenannte Bürger, die begeistert werden müssen, die überzeugt sein wollen. Monomanen, Dummschwätzer, Fanatiker, Querulanten, Fresssäcke, die man bezirzen und beschwatzen und bestechen muss, damit sie einem ihr Kostbarstes geben: ihre Stimme, ihre Macht. Denn, gewiss, alle Macht geht vom Volke aus.

Im England des Jahres 1754, als Hogarth seine vier Ölbilder malte, sah die parlamentarische Demokratie natürlich ein bisschen anders aus als heute. Männer durften nur nach Besitzstand wählen, Frauen gar nicht, und die Parteien waren noch keine Maschinen. Es gab andere Verfahren und politische Konstellationen; viele Anspielungen des Malers können wir kaum noch entschlüsseln – und doch erkennen wir alles wieder.

Auf dem ersten Bild sind das zunächst die Kandidaten der Partei, die zum Bankett geladen hat. Links am eckigen Tisch sitzen sie, à la mode frisiert, über ihnen die Fahne der Partei. Doch das hier ist kein Info-Abend der Kreistagsfraktion mit PowerPoint und Talk am Tischchen. Hier gibt es, zum jungen Herrn in Blau, den Kandidaten-Check gleich cheek to cheek. Hier werden auch keine braven Brezn gereicht oder Fingerfood mit Bio-Dip. Hier lärmt und lallt der Saal, ein Get-together, bis der Schädel kracht. Rechts ein Top-Supporter, der sich offenbar an den spendierten Austern schon übernommen hat und im Todesschlaf versinkt. Ein Parteigänger weniger, eine vertane Investition mehr.

Der politische Meinungsbildungsprozess schreitet üppig voran. Perücken werden gelüftet, vorn im Zuber schwappt der Punsch. Draußen marschiert der dito recht beschwingte schwarze Block der Gegenpartei vorbei, ein Backstein fliegt in hohem Bogen durchs offene Fenster, trifft den Wahlhelfer, der bereits die erwarteten Stimmen schätzt. Ein Wähler, ganz rechts im Bild, wird intensiv ins politische Gebet genommen, ergeben faltet er die Hände: Möge diese Wahl an ihm vorübergehen. Während sich die Gemahlin des jüngeren Kandidaten (am linken Fenster) in intimer Debatte mit einem charmanten jungen Gentleman engagiert. Davon weiß der Wahl-O-Mat natürlich nichts.

Dazu jault die Musik: handgefertigt statt Kampa-Schlager aus der Büchse. Herrlich. So trumpft es auf, "das Königsrecht der Demokratie" (Norbert Lammert). So macht Wahlkampf Spaß. Jedenfalls den überlebenden Wählern.

Auf Stimmenfang

Canvassing for Votes heißt dieses Gemälde. Aber welch ein Kontrast zum canvassing, zum Stimmenfang auf offener Straße, in unseren Tagen. Wie lungern sie da heute am Samstagmorgen schief lächelnd am Eingang vorm Edeka herum: verdruckste Parteiknechte, zwangsrekrutiert vom Ortsverein. Hinterm Stehtischchen verschanzt, unterm regentriefenden Sonnenschirm, bieten sie ihre verklebten Bonbons an, ausgetrocknete Kugelschreiber und dazu die photogeshoppten Jugendporträts von Kandidat und Kandidatin. Hinterdrein flattert dann noch das Faltblatt mit dem brisanten Sofort-Programm in 25 Punkten. Ein Bild des Jammers.

Dagegen canvassing bei Hogarth. Hier wird der Passant gleich massiv attackiert, von links und rechts. Und natürlich bekommt er mehr geboten als die Merchandingens unserer Parteien: Schon klimpert es in beide Hände. Auch Geschmeide für die Damen, für die Ehefrauen der umworbenen Wähler! Da die Bürgerinnen damals nicht wählen durften, galten sie als ideale Empfänger kleiner Gunstbeweise, lief doch so der ernste Vorwurf der Bestechung ins Leere. Schließlich kann man keine Stimme kaufen von jemandem, der keine Stimme hat.

In zwei schweren Packen ist das Werbematerial eingetroffen: geballte Infos zur Kompetenz des Kandidaten. Dazu gehören klare wirtschaftspolitische Perspektiven, konkrete Aussichten, keine verstotterten 25-Punkte-Programme mit viel "mittelfristig" und "Ziel muss es sein" und "wir alle". Das improvisierte Schaubild über der Gasse, Werbung für die Commedia dell’Arte, weist die Richtung: eine Karre voll Gold! Zaster, Kröten, Kohle, Bimbes. Wer mich wählt, dem soll’s gut ergehen, pfeif auf den Rest! Das nennt man ein Sofort-Programm.

Zweifellos ein wenig plump. Ein wenig zu direkt. Brachial fast. Und doch müssen wir uns fragen: Ist es nicht auch transparent und vital? Ist es nicht ehrlicher als das ewige Gebarme um die Rente, das immer vor den Wahlen anhebt? Das Versprechen, dass sich da "was ändern muss", und zwar "gleich"? Die schmierige Versicherung "steuerlicher Entlastung"? Das markige Versprechen von "Anschubfinanzierungen"? Und der heilige Eid, Erbschaft- und Vermögensteuer "neu zu regeln", in welche Richtung auch immer?

Eine Karre voll Gold! Das ist ein klares Programm. Da weiß man gleich, worum es geht. Und wie es um den Staat so steht.

Kommentare

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Meinen außerordentlichen Dank für dieses üppige Mahl an den Tischen der politischen Komparatistik,, lieber Autor. Und schon fange ich an, Hogarth zu decodieren ... Die Fahne der Partei: Orange wie Oranien, es sind ja auch die "liberalen" Whigs, die um 1750 nun schon vier Jahrzehnte die Premiers stellen und deshalb auch so korrupt und verfettet ihre Wiederwahl betreiben. "Liberty and Royalty" steht auf dem Banner - man darf nicht vergessen, eine "Revolution" der Freiheit hatten die "Rindertreiber" (whiggamores) nicht im Sinn, aber ein parlamentarisch gezügeltes Königtum (Deutschsprachige Ausländer aus Hannover!). Ihre Gegner hingegen, die reaktionären "Tories", die "Blauen"(!), waren zu außerparlamentarischen Gewalttätern und Steineschmeißern auf der Straße degeneriert -
nix mit "Cavaliers", die für einen katholischen König eintraten. Zu beachten ist außerdem, daß H. wohl das 1714 ins Englische übersetzte "Commentariolum petitionis" des Qu. Tullius Cicero (nicht der Rhetor, nur sein jüngerer Bruder) kannte, eine berühmte Anleitung zur Wahlwerbung, die keine schmutzigen Tricks ausläßt. Der Gegner war der Adelige Catilina, der daraufhin geputscht hat, wie die "Tories", diese (wörtlich) "Banditen". Der englische Titel lautet: "The art of canvassing at elections, perfect in all respects; and highly necessary to be understood by the electors, no less than by the candidates: written near two thousand years ago, for the use of the greatest scholar". Da steht's - "Canvassing".

... und was soll es bedeuten?! "Canvassing" ist bis heute etymologisch nicht so recht erklärt. Mir fällt dazu ein ein ziemlich bekannter Politschlager des Stefan Raab von 2002 ein: "Gebt das Hanf frei! - Und zwar sofort!" - eine Parodie auf den Cannabis-Verfechter Ströbele, der dagegen zuerst klagte und sie dann als Legalisierungssong umdrehte. Artikelgenerisch müßte es übrigens weder "das" Hanf noch "der Hanf" heißen, sondern korrekt "DIE" Hanf, von Cannabis sativa. Was hat Marihuana mit Parteiwerbung zu tun? Das Englische hat sehr viel Vokabeln aus dem Nordfranzösischen übernommen, darunter auch "cannevaz", eben Hanf (Hemp) und die daraus hergestellten Produkte, u.a. Kleidung und - die haltbarsten Schiffstaue, die es vor Einführung der Jute gab. Jemand mit "canvas", somit Seilwerk, an Bord zu holen, stammt also aus der normannischen und angelsächsischen Schiffer-Fachsprache, hebt auf die rüden Arten der Rekrutierung von Matrosen (später "Schanghaien" genannt) ab. Nur daß bei der Anwerbung von Wählern um 1750 auch etwas raffiniertere Methoden galten, u.a. ein Austerngelage (bis zum Eiweißschock und anschließendem Aderlaß). Das Geld zur Finanzierung von teuren Wahlgeschenken war selbstverständlich geliehen, bei jüdischen Geldwechslern und Bankiers, die von der erzkonservativen Oberschicht antisemitisch beschimpft und verfolgt wurden.