Harald Martenstein: Über Umbenennungen

Von Harald Martenstein
Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 39/2017

Ich möchte wieder einmal ein Tabu verletzen, es heißt: No jokes about names. Über Namen sollte man keine Witze machen, weil kein Mensch sich seinen Namen ausgesucht hat. Eine Ausnahme sind Doppelnamen, da ein Doppelname das Ergebnis einer bewussten Entscheidung ist. Auch über Nazi-Namen sind Witze erlaubt. Der große Harry Rowohlt durfte einst sogar in der ZEIT den Satz publizieren: "Goebbels heißen ist scheiße", er bezog sich auf den Komponisten Heiner Goebbels.

In vielen deutschen Städten werden Straßennamen geändert, falls der jeweilige Name an eine Person erinnert, die zumindest zeitweise den Nazis nahestand oder dem Kolonialismus. Auch der Kapitalismus scheint allmählich umbenennungsreif zu sein, in Oldenburg wurde zum Beispiel ernsthaft über die Umbenennung der Ludwig-Erhard-Straße diskutiert. Der Vorwurf, dass Bundeskanzler Erhard den Kapitalismus verherrlicht hat, ist jedenfalls nicht aus der Luft gegriffen. Der gleiche Mann hat außerdem Linke pauschal als "Uhus" bezeichnet, dies allerdings nur ein Mal, und so schlimm sind Uhus ja nicht. Die Münchner Grünen dringen auch energisch auf die Beseitigung des Denkmals für die Trümmerfrauen, da einige dieser Frauen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Nazis gewesen seien. Insofern dürfte auch das Schicksal des Daglfinger Platzes in München besiegelt sein, auch in Daglfing gab es wahrscheinlich Nazis. Man kann sagen, dass die Grünen in diesen Dingen besonders streng sind.

Was ich nicht verstehe: Warum diskutiert eigentlich niemand über die Personennamen? Es gibt immer noch zahlreiche Deutsche, die "Himmler" oder "Goebbels" heißen. Ein Personenname, könnte man einwenden, stellt keine Ehrung dar, im Gegensatz zu einem Straßennamen. Dieses Argument entfällt, wenn die betreffende Person eine gewisse Prominenz und Vorbildfunktion hat und wenn sie, im weitesten Sinne, für unser Land repräsentativ ist. Möchte man wirklich in einem Deutschland leben, in dem es wieder Minister gibt, die "Göring" heißen? Welches internationale Signal geht davon aus, wenn beim Staatsbesuch in Namibia der deutsche Minister oder die Ministerin Göring aus dem Flugzeug steigt und das Ehrenspalier abschreitet? Sicher ein größeres als von irgendeiner Straße in Oldenburg.

Die Grünen sind, ich wiederhole es, die namenspolitisch sensibelste Partei. Wenn eines hoffentlich fernen Tages die Frage ansteht, ob eine Straße nach der aktuellen Spitzenkandidatin dieser Partei benannt wird, wie, bitte schön, soll die Straße denn dann heißen? Außerdem erlaube ich mir den Hinweis, dass ein bekannter Mathematiker und späterer Rektor der Wiener Universität sich bereits 1938 für die NSDAP entschieden hat, Mitarbeiter am Luftfahrtforschungsamt Herrmann Göring war und dass ihm nach dem Krieg die weitere Lehrtätigkeit verboten wurde. Gegen jenen Nikolaus Hofreiter waren die Trümmerfrauen wirklich kleine Fische. Es gibt weiß Gott Namen, die einen besseren Klang hätten, etwa Katrin Luther-King oder Anton Mandela.

Endgültig und am einfachsten lösen ließe sich das Problem natürlich mit einer Umbenennung des ganzen Landes. Dass so etwas gut machbar ist, haben unter anderem Simbabwe und Myanmar vorgemacht. Für Deutschland halte ich sowohl "Schland" als auch "Die bunte Republik" für diskutabel, abgekürzt DBR. Den poetischsten Vorschlag hat sicher der Dichter Heinrich Heine gemacht, "Wintermärchen". Dieser Name würde auch einen Protest gegen den Klimawandel enthalten.

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Kommentare

8 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Die tiefste Sensibilität in Namenspolitik ist aber noch gar nicht ausgelotet: Drei Tage vor der Wahl sollte dringend dessen gedacht werden, daß in KoaliSchland ja auch ganz neue Konstellationen der politischen Konsensbildung angedacht sind ... und die müssen unbedingt ihren Niederschlag auf Straßenschildern finden, auch solche, die noch gar nicht in Sichtweite sind. Somit nicht "Göring-Straße", sondern bitte doch "GreGöring-Straße: Nicht nur wg. der persönlich angenehmen Verbindlichkeit, die Gysi so ausstrahlt, sondern auch onomatologisch - "Göring" = "Sippe des (Gre)gor. Und wie könnte man diese furiosen naturwissenschaftlichen Doct*ores Merkel und Hofreiter namenstechnisch und gendergerecht fusionieren lassen?! Klar doch - "Antonia-ArchiAngela-Gasse". Durch diese hohlen Köpfe muß sie kommen ... die Koalitionsfreiheit grobi et probi.