Die großen Fragen der Liebe: Warum finden sie keinen Kompromiss?

Eine Kolumne von
Aus der Serie: Liebeskolumne ZEITmagazin Nr. 39/2017

Die Frage: Leonie und Paul sind ein junges Paar und fahren zusammen für eine Woche nach London. Sie ist morgens voller Energie und möchte die Zeit so gut wie möglich nutzen. Er möchte morgens in Ruhe Kaffee trinken, englische Zeitungen lesen und am liebsten nicht vor dem frühen Nachmittag etwas unternehmen. "Warum machst du so einen Stress?", fragt Paul. "Wir sind doch im Urlaub." – "Ich bin doch nicht nach London gefahren, um Kaffee zu trinken", sagt Leonie. "Dann geh doch schon mal allein los, ich komme später nach", schlägt er vor. Sie: "Anstatt einen Kompromiss zu finden, mit dem wir beide glücklich sind, ziehst du dich aus der Affäre! Da hätte ich auch allein Urlaub machen können!" Er: "Müssen wir denn die ganze Zeit zusammen abhängen?"

Wolfgang Schmidbauer antwortet: Es gibt Morgenmuffel und Abendmüde. Solche Unterschiede gehen im Alltag oft unter, schließlich müssen beide aufstehen und ihr Tagesgeschäft beginnen. Leonie will die Stadt erforschen, herumsitzen kann sie auch zu Hause. Und Paul denkt: Ich habe Urlaub, London läuft nicht davon. Beides ehrenwerte Standpunkte. Doch nun fühlt sich Paul unter Druck gesetzt, und Leonie fühlt sich im Stich gelassen, und jeder denkt, allein womöglich besser dran zu sein. Wer Kompromisse sucht, sollte die Positionen des anderen nicht entwerten. Nachdem Paul Leonie beschuldigt hat, ihm eine stressige Zeit zu bereiten, kann sie sein Angebot nur noch schwer annehmen, sich später zu treffen. So kommen beide zu wenig dazu, nicht nur die fremde Stadt, sondern auch einander besser kennenzulernen.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Zuletzt erschien sein Buch "Die Seele des Psychologen. Ein autobiografisches Fragment" (Orell Füssli)

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