© Pieter Hugo für ZEITmagazin

Ostdeutschland Land ohne Lächeln

Unser Fotograf aus Südafrika war noch nie im Osten, unser Reporter ist dort aufgewachsen. Gemeinsam durchquerten sie Ostdeutschland und begaben sich auf die Suche nach dessen Seele – und einer Antwort auf die Frage, warum hier die Menschen vieles so anders sehen. Von
ZEITmagazin Nr. 39/2017

Als wir in Hamburg losfahren, hat der hässliche Teil dieses Wahlkampfs noch nicht angefangen, und wir beginnen unsere Reise ohne feste Route, ohne Ahnung, wohin sie uns führen wird. Was wir haben, sind Seiten voller Telefonnummern von ganz normalen Menschen und neun Tage Zeit: Wir wollen durch Ostdeutschland fahren, um mit denen zu reden, die kein Amt besitzen, keine Funktion. Um herauszufinden, was es im Jahr 2017 bedeutet, ostdeutsch zu sein. Der unberechenbare Osten könnte die Wahl entscheiden, heißt es oft. Was treibt die Leute dort um?

Wir, das sind der südafrikanische Fotograf Pieter Hugo, der von Deutschland bisher nur Berlin und München kannte, und ich, der Reporter. 1990 geboren, aufgewachsen in Lindenberg, einem Dorf in Brandenburg, 250 Einwohner. Mit 19 tat ich das, was dort nach der Schule fast alle tun: Ich packte meine Sachen und zog weg. Auch in Lindenberg werden wir haltmachen.

Mehr als 1.400 Kilometer fahren Pieter Hugo und ich durch Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen, und jeder, mit dem wir uns unterhalten, hat eine Geschichte zu erzählen. Der Alte, dessen Foto einst als Symbol der Wut gegen Hartz IV in Tageszeitungen gedruckt wurde und der jetzt verbittert im Rollstuhl in seiner Garage sitzt. Der ehemalige Bürgermeister, der mit dem Bus übers Land fährt und Kekse, Milch und Möhren verkauft. Der Gärtner, dem sein Dorf abhandenkommt, weil es von Maisfeldern und Windkraftanlagen eingekesselt ist.

Emotionale Ausbrüche wie die Pfeifkonzerte und "Hau ab"-Brüllchöre, die Angela Merkel zweieinhalb Wochen vor der Wahl bei Auftritten in Finsterwalde oder Torgau entgegenschlagen, erleben wir in diesen Tagen nicht. Doch der Wut begegnen wir, sie ist nur etwas leiser, zurückhaltender.

Kilometer 120, Strahlendorf in Mecklenburg

Am ersten Tag treffen wir Stefan Pötschke. Er will uns auf seiner Freitagstour über mecklenburgische Dörfer mitnehmen, wo er Joghurt, Kekse und Zigaretten verkauft. Das Erste, was uns auffällt, nachdem wir die Autobahn verlassen haben: wie leer es hier ist. Was es gibt, sind Sommerakkorde aus den immer gleichen Tönen, aus Windkraftanlagen, Maisfeldern, Weizenfeldern, alles in Übergröße, ausgerichtet auf die Bedürfnisse der futuristisch wirkenden Mähdrescher und Traktoren.

Stefan Pötschke wartet an einer Kreuzung in Strahlendorf auf uns, 15 Autominuten von Schwerin entfernt. Dort hat er seinen alten Mercedes-Bus geparkt. Er hat ihn zu einem "Frische-Mobil" umgebaut, einem Tante-Emma-Laden auf Rädern. Pötschke war mal Bürgermeister und damit SED-Mitglied. Vor der Wende verkörperte er den Sozialismus, nach der Wende das alte System. "Das mit dem Bürgermeister, das ging ja dann nicht mehr", sagt er und zupft sich den weißen Kittel gerade. Das mit dem "Frische-Mobil" geht eigentlich auch nicht mehr, aber es ist schon Plan C. Einen Plan D hat er nicht. Also muss das hier funktionieren.

Pötschke ist spät dran, zwar nur zehn Minuten, aber an der ersten Station warten schon drei Kunden. Niemand, den wir an diesem Tag treffen werden, ist unter 60. Ein Mann kauft Tomaten, zwei Bananen und Joghurt, eine Frau Soßenbinder und ein Klatschblatt. Der Titel will ihr nicht einfallen, nur der Preis: 79 Cent.

Zehn Dörfer fährt Pötschke an diesem Nachmittag an. Wenn er hält, drückt er auf einen Knopf. Eine Melodie ertönt, die er "meine Musik" nennt, sie lockt die Kundschaft aus den Häusern. Meist sind es Frauen in Röcken aus derbem Stoff, die Haare zur Dauerwelle oder zum Dutt frisiert. Gekauft wird das Nötigste, die meisten Einkäufe bleiben unter 30 Euro, wenn es teurer wird, liegt das manchmal an einer 0,7-Liter-Flasche Korn.

Nach der Wende machte sich Pötschke selbstständig, er übernahm den Laden in seinem Heimatdorf, den Konsum, wie man im Osten heute noch sagt, beide Silben kurz gesprochen: Konn-summ. Das ging ein paar Jahre gut, ein paar Jahre schlecht und dann nicht mehr. In den umliegenden Dörfern bauten die Gemeinden Gewerbegebiete, und die lockten die Discounter an. Diese Landschaftsplanung, die sich ausschließlich auf wirtschaftliche Argumente und nicht auf sozialen Zusammenhalt stützt, war für viele Gemeinden fatal. Auch wenn die toten Schaufenster in den Zentren von Kleinstädten längst die Geschichte des Scheiterns dieser Politik erzählen, werden noch immer Läden von Aldi und Penny und Norma und Lidl und Netto in der Peripherie eröffnet.

Wer heute bei Pötschke einkauft, hat keine andere Wahl. Weil er zu alt ist oder zu krank oder zu allein oder zu kaputt. Der Lebensmittelbus bedeutet aber auch ein Stück Freiheit und Lebensqualität. Viele von Pötschkes Kunden sind die Letzten ihrer Familien, die Kinder sind nach der Wende in den Westen gezogen, der Arbeit hinterher, die Enkel sind dort geboren. Wer alt ist in einem ostdeutschen Dorf, der ist oft auch allein.

Hier draußen, wo so wenige Menschen leben, dass die Landstriche in manchen Statistiken als unbevölkert gelten, ist es oft das Engagement Einzelner, das über die Lebensqualität eines Ortes entscheidet. Das Engagement von Leuten wie Pötschke.

Unterwegs mit ihm durch die Dörfer, stoßen wir vorwiegend auf Ablehnung und Misstrauen. Wann immer wir uns als Journalisten vorstellen und um ein Gespräch bitten, wenden sich die Blicke ab. "Nicht so einfach, was?", sagt Pötschke. Er kennt die Schicksale seiner Kunden, er hat sich an die Dramen gewöhnt. "Anfangs war ich nur Verkäufer, mittlerweile bin ich auch Sozialarbeiter", sagt er. Er ist selbst ein Verlierer des Systemwechsels, doch er hat das Beste daraus gemacht.

Eine einzige seiner Kundinnen mag mit uns über ihr Leben reden – Hildegard Weiß, die Frau auf unserem Titelfoto. Sie lebt auf einem alten Bauernhof, ihr Mann ist gestorben. "Ich hab Schafe, ein paar Hühner, Nachbarn, die mir helfen. Ich komm so durch."

Immer wenn wir weiterfahren, kleben die Dörfer an den Rändern der Durchfahrtsstraßen. Die meisten Fassaden sind renoviert, der Rasen ist akribisch gemäht. Blumen blühen in genau umgrenzten Beeten. Die Häuser sind verdruckst, ihre Fensteraugen sind klein und verhangen, sie sagen dem Reisenden: Bitte fahren Sie weiter – hier gibt es nichts zu sehen.

Kilometer 334, Groß Pankow in Brandenburg

Im nordwestlichen Zipfel von Brandenburg liegt die Prignitz, ein Landstrich, für den der Ausdruck "plattes Land" erfunden wurde. Die Region im Niemandsland zwischen Berlin und Hamburg gehört zu den am dünnsten besiedelten Gegenden Deutschlands, und zu den ärmsten. Wir treffen hier Heiko Baich, weil wir mehr von seinem Kampf erfahren wollen. Einem Kampf, den er wahrscheinlich schon verloren hat.

Kommentare

21 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Das Saarland ist ja auch schon zweimal "wiedervereinigt" worden und zweimal für die gesamtdeutschen Reparationen an den Rand des Bankrottes ausgeplündert worden.

Und dann machte in den 1980ern - kurz vor der Wiedervereinigung - die dominante Montanindustrie einfach zu. Wo es dort doch klassisch alle "geschafft" hatten, wenn sie nach der Ausbildung bei "Saarberg" angestellt waren.