Alkoholkonsum Alkohol

Ein Glas Rotwein am Tag ist gesund? Stimmt nicht, sagen zwei führende Alkoholforscher. Ein Gespräch darüber, wie viel man wirklich trinken darf – und warum Akademiker, insbesondere junge Frauen, am meisten in Gefahr sind. Interview:
ZEITmagazin Nr. 40/2017

ZEITmagazin: Herr Dooley, Sie erforschen in Mannheim die Wirkung von Alkohol auf die Leber. Herr Seitz, Sie sind Direktor des Alkoholforschungszentrums der Universität Heidelberg und behandeln seit 30 Jahren in der Klinik Salem Leberpatienten. So gut wie Sie beide weiß kaum einer, was der Alkohol im Körper anrichtet. Trinken wir alle zu viel?

Helmut Seitz: Leider ja. Alkohol gehört in allen Gesellschaftsschichten zum Lebensstil. In manchen Kreisen gilt es als schick, Alkohol unbefangen zu konsumieren. Das bereitet mir große Sorgen.

Steven Dooley: Fast jeder unterschätzt die Gefahren und die Menge, die konsumiert werden kann, ohne dass das Folgen hat. Ich kann das, was Herr Seitz sagt, aus meinem Umfeld daher nur bestätigen. Man trifft sich mittlerweile täglich bei einem Gläschen oder Fläschchen, beim After-Work-Drink oder in der Vinothek um die Ecke, manchmal auch schon mittags, und meistens wird Wein getrunken. Oft bestellt einer eine Flasche, und dann ist der Nächste dran. Am Ende trinken drei Leute drei Flaschen am Abend. Das ist viel zu viel, als dass die Leber auf Dauer nicht Schaden nähme.

Seitz: Alkohol wird vor allem in der Werbung mit Jugend, Lebensfreude und Schönheit verknüpft. Im Alltag sieht es dann ganz anders aus. Ich würde Sie gern mal mitnehmen auf eine Visite in meiner Klinik. Da sterben Menschen an alkoholischer Leberzirrhose und an durch Alkohol verursachten Krebserkrankungen.

Dooley: Ich kenne Leute, die zehn Flaschen Wein in der Woche trinken und sich gut dabei fühlen. Und wenn ich in meinem Freundeskreis sage, ich trinke eine Woche lang mal ausschließlich Wasser, dann ist das sehr schwierig. Der Druck mitzumachen ist groß.

ZEITmagazin: Warnen Sie Ihre Freunde? Gerade auf Sie müssten sie doch hören.

Dooley: Natürlich sage ich ab und zu mal was, und wenn ich mit Einzelnen rede, fruchtet das auch. In der Gruppe wird aber eher darüber gespöttelt.

ZEITmagazin: Was für Leute sind das, die Sie da beschreiben?

Dooley: Gut situierte Menschen zwischen 40 und 60 aus Homburg im Saarland, wo ich lebe. Und das ist auf jede andere Stadt übertragbar. Das gemeinsame Trinken ist zu einem Statussymbol geworden: Ich habe Freunde, es geht mir gut, ich kann mir eine Flasche Wein leisten, im Eiskübel schön sichtbar auf dem Tisch. Social Drinking ist in Mode.

ZEITmagazin: Im Durchschnitt trinken die Deutschen aber weniger als früher, umgerechnet knapp zehn Liter reinen Alkohol pro Kopf im Jahr. 1990 waren es noch zwölf

Seitz: Es ist immer noch zu viel im europäischen Vergleich.

ZEITmagazin: Vor Kurzem hat das Münchner Institut für Therapieforschung neue Zahlen zum Alkoholkonsum veröffentlicht, sie beruhen auf Befragungen aus dem Jahr 2015. Etwa jeder Sechste trinkt demnach regelmäßig so viel, dass er seiner Gesundheit schadet. Ausgerechnet die Gebildeten sind ganz vorn – Leute mit Hochschulabschluss oder Meistertitel. Sehen Sie sich bestätigt?

Dooley: Ja, die Gebildeten sehe ich in der größten Gefahr.

ZEITmagazin: Bisher dachte man, es sind eher die einfachen Leute, die saufen. Warum nun die Akademiker?

Dooley: Das ist die Generation der Babyboomer, denen ging es immer gut. Sie finden es ganz normal, zu Hause abends eine Flasche Wein aufzumachen oder dies nach der Arbeit im Stammlokal mit Freunden zu tun.

ZEITmagazin: Ein gutes Glas Wein gehört zum Lebensstil und gilt als kultiviert. Für viele ist es ein schönes Hobby, im Keller Barolo- oder Bordeaux-Jahrgänge zu sammeln.

Dooley: Wenn es bei einem Glas bleibt und man nicht jeden Tag trinkt, sehe ich das auch so. Die meisten, die mehr trinken, können sich nicht vorstellen, dass das, was sie da tun, sehr gefährlich ist. Langfristig jedenfalls.

ZEITmagazin: Nach den Münchner Daten leben jene gesünder, die die schlechteste Schulbildung und gar keine Ausbildung haben. Die Zahl der Abstinenzler ist bei ihnen am größten. Warum wohl?

Dooley: Das könnte daran liegen, dass Alkohol häufig teuer ist. Wer sich kein gutes Getränk leisten kann, verzichtet vielleicht eher ganz.

ZEITmagazin: Das Berliner Robert Koch-Institut, das auch über Alkoholkonsum forscht, hat ebenfalls gerade neue Erkenntnisse vorgelegt. Als es die Deutschen 2009 zum ersten Mal über Alkohol befragte, waren unter den jüngeren Männern bis 29 Jahre die exzessivsten Trinker noch jene, die keine Ausbildung hatten. In den Jahren darauf haben die Gebildeteren sie meistens überholt. Ist Ihnen diese Entwicklung vertraut?

Seitz: Ja, wir erleben hier in Heidelberg jedes Jahr, dass die Abiturienten nach den Prüfungen auf die Neckarwiesen ziehen. Manche von ihnen müssen in die Klinik eingewiesen werden, weil sie sich bewusstlos betrunken haben. Das gab es vor 10 oder 15 Jahren in diesem Ausmaß nicht.

ZEITmagazin: Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hat trotzdem gerade stolz auf eine Umfrage unter 7.000 Jugendlichen verwiesen, der zufolge diese weniger Alkohol konsumierten als je zuvor.

Seitz: Ich bin bei vielen solcher Umfragen skeptisch. Da wird gefragt: Was haben Sie gestern getrunken, was letzten Monat, was im ganzen Jahr? Wer soll das noch so genau wissen? Die Krankenhausstatistik bildet die Realität besser ab: 2015 wurden 22.000 Kinder und Jugendliche im Alter von 10 bis 20 Jahren im Vollrausch ins Krankenhaus eingeliefert – mehr als doppelt so viele wie im Jahr 2000.

ZEITmagazin: Das Robert Koch-Institut hat immerhin 24.000 Personen befragt. Demnach sind heute Akademiker ab 45 die größte Risikogruppe.

Seitz: In der Tendenz wird das wohl stimmen.

ZEITmagazin: Gerade Akademiker müssten es doch vielleicht besser wissen.

Dooley: Bei denen hat das Trinken wohl auch etwas mit den Möglichkeiten zu tun, die die Arbeitswelt Akademikern bietet, und es gibt ja immer mehr von ihnen: Wer einen guten Job hat, der geht abends noch mit den Kollegen aus. Das gemeinsame Trinken ist für viele zu einer Statusfrage geworden.

ZEITmagazin: Und warum gerade im mittleren Lebensalter?

Seitz: Ich nehme an, dass das zum Teil mit der Stressbewältigung zusammenhängt. Der berufliche Druck hat massiv zugenommen. Burn-out und Depressionen sind die Folgen. Viele Menschen trinken zur Entspannung, um sich diesem Druck, wenn auch nur für kurze Zeit, zu entziehen. Besonders die Frauen haben in letzter Zeit auffallend stark aufgeholt.

ZEITmagazin: Laut Robert Koch-Institut lassen Akademikerinnen alle anderen erwachsenen Frauen im Trinken mittlerweile hinter sich. Woran liegt das?

Dooley: Wahrscheinlich daran, dass junge Frauen heute ihre größeren beruflichen Chancen nutzen und Karriere machen. Sie werden zu Geschäftsessen eingeladen und gehen auf Partys, wie es früher vor allem die Männer taten.

ZEITmagazin: Bei den Gebildeten beider Geschlechter nimmt der im mittleren Lebensalter erreichte Spitzenwert auch später kaum ab. Immer noch jeder Fünfte trinkt zu viel, wenn er über 65 ist – während die am wenigsten Gebildeten auch hier als Abstinenzler auffallen.

Seitz: Das Trinken im Alter hat generell zugenommen, es ist auch ein Problem in den Altenheimen. Die Gesellschaft ist überhaupt kälter geworden, da hält man sich wohl eher am Wein oder am Schnaps fest.

ZEITmagazin: Es hieß doch mal, ein Gläschen Alkohol sei eigentlich ganz gesund. Auch weil man dabei so schön entspannt. Stimmt das etwa gar nicht?

Seitz: Leider nein.

Kommentare

201 Kommentare Seite 1 von 12 Kommentieren