Gesellschaftskritik: Über das Tanzengehen

Aus der Serie: Gesellschaftskritik ZEITmagazin Nr. 40/2017

Es ist ja gemeinhin so, dass vor allem junge Menschen, die noch nicht regelmäßig arbeiten müssen, ihre Nächte in Clubs verbringen, und ältere, die einen Beruf und vielleicht sogar Kinder im Haushalt haben, das nicht mehr ganz so häufig tun. Das tut den Älteren ein bisschen weh, denn sie wären gern immer noch weiter jung und donnerstags bis samstags in Clubs unterwegs, aber ihr Leben und ihr Rücken machen das nicht mehr mit. Sein Selbstbild aber sagt dem Schon-richtig-Erwachsenen: "Eigentlich bin ich noch dabei, Mitglied der Feiergemeinde. Also, ich geh schon noch gern weg." Man darf dem Selbstbild aber keine Gegenfrage stellen: "Wohin denn so?" Dann fängt das Selbstbild an zu stottern. In der Berliner Zeitung war am Sonntag vor der Wahl dieses Stottern nachzulesen. Die Zeitung hatte nämlich 35 Kandidatinnen und Kandidaten für den Bundestag danach gefragt, wo sie in Berlin so tanzen gehen. Es war eine der gemeinsten Fragen, die jemals in Massenfragebögen gestellt wurden. Kommen wir zur Preisverleihung.

Preis für herausragende Biederkeit: "Clärchens Ballhaus. Der Laden ist einfach Kult" von Christina Schwarzer, CDU. Aus der Jury-Begründung: "Laden. Kult. Reicht als Begründung, oder?"

Preis für Nostalgie: "K17 (und ja, für mich heißt es immer noch so!)" an Franziska Brychcy, Die Linke. Jury: "Für uns übrigens: Nuke Club."

Preis für Bluff-Verdacht: "Früher in der Ankerklause oder im King Size. Meinen aktuellen Lieblingsclub verrate ich besser nicht" von Götz Frömming, AfD. Jury: "Früher? Die King Size Bar gibt es erst seit 2010."

Preis für geschicktes Ausweichen: "Auf dem Parkett, kommt auf die Musik an" für Petra Pau, Die Linke. Jury: "Tanzen kommt bei ihr auf die Musik an. Allein dafür hat sie einen Preis verdient, wir waren uns einig wie selten."

Preis für ungeschicktes Ausweichen: "Wo ich die Verhältnisse zum Tanzen bringen kann" von Nicolaus Fest, AfD. Jury: "Jaja."

Preis für die beste SPD-Party: "Bei meiner Sommerparty in der Arminiusmarkthalle in Moabit" von Eva Högl, SPD. Jury: "Das ist immer so toll dort!"

Preis fürs Alles-richtig-Machen: "In der Authistic Disco von Lars Eidinger" von Tim Renner, SPD. Jury: "Eidinger, Schaubühne, Westberlin, nur 5 Euro Eintritt – alles richtig gemacht! Bis auf das h zu viel. Aber, hey."

Preis für Ehrlichkeit: "Ich tanze nicht so gern" von Klaus-Dieter Gröhler, CDU. Jury: "Diese Antwort ist jetzt schon Kult."

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