Harald Martenstein: Über echte und falsche Ansichten

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Aus der Serie: Martenstein ZEITmagazin Nr. 40/2017

Etliche Freunde und Bekannte meldeten sich mit der Frage, ob ich verrückt geworden sei und ob sie mir helfen könnten. Ich würde auf Twitter so seltsame Sachen schreiben. Ich äußere mich aber niemals auf Twitter, nicht weil ich dieses Medium ablehnen würde, sondern aus Zeitmangel. Dann musste ich feststellen, dass tatsächlich jemand unter meinem Namen, minimal verfremdet durch das Mittelinitial "C.", einen Twitter-Account betreibt. Es sieht echt aus, weil es mit einem Foto garniert ist, auf dem ich allerdings eine nachträglich einmontierte, nicht sehr geschmackssichere Sonnenbrille trage. Diese Figur stellt sich als "Kolumnist. Hundemensch." vor und äußert Sätze, die nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich unter aller Kanone sind, etwa "Transgenders in Uniform ist zugeben schon etwas schräge Vorstellung". Eine Äußerung von Katrin Göring-Eckardt zum Insektensterben kommentiert die Figur ironisch mit "Insektensterben ist eines der dringendsten Probleme unserer Zeit". Nun, ich finde tatsächlich, dass Artensterben ein dringendes Problem unserer Zeit ist, und gegen Transgender-Menschen in Uniform habe ich nicht das Geringste. Es ist eine üble Figur, die auch vor Dreckszeug wie "Höho, Transen" nicht zurückschreckt.

Gegen so etwas vorzugehen kostet Zeit und Energie, und die leichte Verfremdung des Namens, ein schlaues Detail, macht es noch komplizierter. Ich lasse das laufen, es hat eh keinen Zweck. Aber inzwischen ist mir klar, dass angebliche skandalöse Zitate, gegen die angeblich Zitierte sich wehren, in vielen Fällen wahrscheinlich tatsächlich falsch sind. Fälschen ist einfach geworden. In einem taz-Blog hieß es, ich verharmlose "Diskriminierung gegen Juden, Frauen und Schwarze", der Beweis für Letzteres besteht darin, dass ich mich gegen das nachträgliche Umschreiben der Bücher von Astrid Lindgren ausgesprochen habe. Im Neuen Deutschland stand, ich sei ein "Täter", ähnlich wie der Attentäter von Nizza, kein Witz. Von meinen Texten sei es "nur ein kleiner Schritt zu Gewalttaten", eine kaum verbrämte Aufforderung dazu, mich zu verbieten. Das Heinrich-Böll-Institut der Grünen war an einer schwarzen Liste beteiligt, in der unter anderem ich als "Familiarist" und "heteronormativ" angeprangert wurde und die nach Protesten aus dem Netz genommen wurde. Ich habe keine Ahnung, was ein "Familiarist" überhaupt ist. Ähnlich ging es früher sicher vielen, die sich im Neuen Deutschland als "Trotzkisten" wiederfanden.

Ich schreibe das nicht, um mein Los zu beklagen, sondern weil es vielen so geht. Jeder, der sich in Deutschland auch nur in einem Punkt, auch nur auf so harmlose Weise wie ich von einem Mainstream entfernt, den im Wesentlichen die Linke definiert, muss mit Drohungen, Verleumdungen und Attacken aus dem Dunklen leben – nicht nur von Internetpöblern, sondern von Parteizeitungen oder mit Steuergeldern finanziert wie im Fall des Böll-Instituts. Es reicht der Verdacht, "Familie" oder "Astrid Lindgren" gut zu finden. Ein kafkaeskes Klima der Angst und der Diffamierung wird geschaffen, argumentiert wird selten, und wenn, dann schablonenhaft, es werden nur Etiketten verteilt. Leute sollen zum Schweigen gebracht werden. Haben die Linken, meine alten Genossen, aus der Vergangenheit denn gar nichts gelernt? Dazu ein hübscher Aphorismus des Philosophen Jürgen Große: "Ein ständiges Starren auf die Gestalt, worin sich das Unheil in der Vergangenheit gezeigt hat, verhindert am sichersten, dass man es beim nächsten Mal, in seiner neuen Gestalt, wiedererkennt."

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